Kopernikus
So stand in der Bibel am Anfang: Gott schied am ersten Tag Licht von der Finsternis, am zweiten Tag Erde und Wasser, am dritten hieß er die Erde bewachsen mit Gras und fruchtbaren Bäumen, aber am vierten Tag ließ er die Lichter am Himmel steigen, der Erde zu leuchten: die Sonne, den Mond und die Sterne.
Die Sonne, der Mond und die Sterne dienten der Erde, ihr den strahlenden Tag und die schimmernde Nacht im unermüdlichen Kreislauf zu bringen; aber die Erde diente den Menschen, und der Mensch diente Gott, der über den irdischen Wolken sein Himmelreich hatte.
Zwar hatte Pythagoras anders gelehrt: Heftig hieß er das helle Feuer, um das sich Sonne und Erde, der Mond und die Sterne in ewigen Kreisen bewegten.
Ptolemäus aber, der kluge Ägypter, half der Bibel mit seiner einfachen Lehre wieder zum Recht: die Erde war wieder die ruhende Mitte der Welt im kreisenden Kranz der Gestirne.
So war für ein Jahrtausend und mehr der Glauben der Kirche in den Beweisen der Wissenschaft sicher gebettet; Sterndeuter hießen, die an den Höfen der Großen das Schicksal der Menschen aus dem Stand der Gestirne zu lesen vorgaben, ihnen waren es Nebenörter der Welt, von Dämonen bewohnt.
Indessen aber der Mönch in Wittenberg das Gewissen wachrief gegen die Kirche, saß ein Domherr zu Frauenburg nächtlich allein, die Bahn der Gestirne zu prüfen.
Ihm war eine Kunde der alten Lehren gekommen, und als er damit die Rätsel des Himmels absuchte – wie die Lichter wohl stiegen und sanken im irdischen Tag, wie aber die Bahnen in großen Gezeiten sich hoben und senkten – fand er die Wahrheit im Wahn seltsam verhüllt:
Der leuchtende Sonnenball stand mitten im Kreislauf seiner Planeten; und die den Menschen der ruhende Mittelpunkt schien, die Erde war selber nur ein Planet und mußte die jährliche Bahn um die Sonne als Kugel abrollen, indessen der Mond als getreuer Trabant sie zwölfmal umkreiste.
Als er dem Erdball so einen Platz und Rang im Himmelsgewölbe anwies, waren die Rätsel der Jahreszeiten, war der Stillstand und Wechsel im Lauf der Planeten gedeutet.