So kärglich und mühsam, wie er sein irdisches Dasein begann, so kärglich und mühsam ging es zu Ende; bis er grau wurde und starb, mußte der übergewaltige Mann den Krämern in Leipzig den Kirchenchor leiten.
Einmal im Alter fiel eine Ehre der Welt auf ihn, als ihn der König von Preußen nach Sanssouci rief, weil er der Vater von seinem Kammermusikus war; er durfte dem Spötter die Orgel vorspielen und auf dem Klavier seine Flöte begleiten.
Sonst blieb sein Dasein im Schatten des Kleinbürgertums, darin der Meister mit seiner Hausfrau und Kinderschar untergeschlüpft war.
Wenn Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig den Choral spielte, dann sang die Gemeinde ihr gläubiges Wort in die Orgel und wußte nicht, warum ihr die Seele im Gesang so übergewaltig anschwoll.
Aber der Meister konnte nicht eine Stimme begleiten, ohne daß ihm die Brunnen der Tiefe aufbrachen, darin die gewaltigen Ströme stark und brausend nach Freiheit begehrten.
Eine Stimme allein war eine Taube, die kläglich flatternd den Raum nach den andern absuchte; erst wenn der Baß ein Paar daraus machte und wenn die Brut der Mittelstimmen dazukam, daß sie zu Vieren mit gleichem Flügelschlag selig dahin schwebten, jede auf eigenen Flügeln und doch gemeinsam im Flug: dann konnte sie fliegen.
Dann glaubte die fromme Gemeinde, das Lied gewaltig zu singen, weil ihre Stimmen sich in der Melodie fanden; aber stärker als ihre Stimme war der Baß in der Orgelgewalt, er trug den singenden Ton durch Höhen und Tiefen, und daß er beruhigt in seinem starken Arm läge, deckten die Mittelstimmen ihn weich und warm zu.
Die Melodie war nicht mehr das Wort und das Lied der singenden Seele allein, aus der Tiefe des Raumes kam ihr die starke Gottesgewalt zu, und daß sie nicht über das Wunder so starker Begleitung erschräke, schwebten die Engel harmonisch dazwischen.
Erde und Himmel waren vereint, wenn die Orgel des Meisters den starken Viergesang machte; ob er brausend anschwoll oder im sanften Gesäuse wohlig dahin schwebte, die Seele war nicht mehr allein.