Zu der Zeit, da Lessing Minna von Barnhelm ausschickte, die eigene Gegenwart lieben zu lernen, liefen die Deutschen in Riga einem Prediger zu namens Herder, Sohn eines Kantors in Mohrungen und fast noch ein Jüngling, der an der Domschule lehrte.

Anders als sonst Wort und Weisung der Bibel wurde sie Bild und Gleichnis in seinem Mund; denn tiefer als eins ihrer Wunder war dies, daß die Seele selber den Heiland gebar, daß Himmel und Hölle nur Bilder der eigenen Tiefe vorstellen.

Hamann, der Magus im Norden, war dem Adepten, der so an der Domschule in Riga die ewigen Kerzen aufsteckte, in Königsberg Meister und Lehnsherr gewesen.

Verhangene Weisheit und grell aufspringende Gedanken, geheimnisvolle Nächte und blinkendes Irrlicht hatten die Zauberwerkstatt des seltsamen Mannes erfüllt, daraus Herder den Talisman nahm.

Die römische Mutter war dem Abendland Weltmutter gewesen, sie hatte den blonden Kindern des Nordens den Saal des Augustus und danach die Kirche über dem Stuhl Petri gebaut, und Luther der Ketzer hatte an ihren Brüsten gesogen.

Der Magus im Norden lehrte die weitere Weisheit der Mutter, daß auch die Wölfin nur ihrem Wurf angehöre; Christ sein im Abendland, hieß in den Stunden der Menschheit die jüngste Gegenwart sein.

Die Menschheit war die unendliche Fülle der Seele, die in den Völkern und Zeiten zum ewigen Dasein erwachte; nur wer die stumme Natur als die ewige Mutter und im Geist den Vater erkannte, der wurde ein Mensch und ging als Kind Gottes erlöst in seine Allgegenwart ein.

So war die Lehre des Meisters in dunklen Sprüchen verhüllt, aber der Jüngling wußte sie zu erhellen: alles Leben wuchs aus den heiligen Tiefen, und die Vergangenheit war sein behutsamer Gärtner; was sie als Dichtung behielt im Dasein der Völker, war blühende Blume im ewigen Dasein.

Die älteste Urkunde der Menschheit hieß Herder danach die Bibel; er nahm die heilige Schrift aus dem Kirchengewölbe und trug sie hinaus in die Weiten der Wolken und Winde, dem Menschengeist die blauen Fernen der Heimat zu weisen.