Da waren die Völker nicht mehr die gemeine Masse, darüber die Bildung hochmütig hinging, sie waren die bunten Beete im Garten Gottes auf Erden, und was ihre Seele in Liedern, Sagen und Märchen bewahrte, hieß er die Stimmen der Menschheit.

Als er die Stimmen der Völker in Liedern heraus gab, fing für das Abendland ein neuer Augenblick an: die Christenheit wurde zur Menschheit erweitert, und Herder war ihr Prophet.

Götz

Als Herder seufzend in Straßburg saß, daß ihm Jungstilling, der Arzt, seine Fistel kuriere, kam ein Student zu ihm, Wolfgang Goethe geheißen, ein Frankfurter Ratsherrensohn und schon eines jungen Dichtertums voll.

Da wurde der kluge Adept dem brausenden Jüngling ein strenger Lehrmeister: Stauwehre und Dämme baute er ihm und wies seinem stürmischen Eifer die Richtung:

Daß hinter dem ragenden Münster und seiner krausen Gestaltung mehr als ein Baumeister stünde, daß es ein Wahrzeichen alter Reichsherrlichkeit sei, und daß die rechte Betrachtung an ihm das Portal in eine große Vergangenheit fände.

Von Shakespeare, dem britischen Dichter, sprach er dem Jüngling, und daß sein freies Geäst über den Hecken und künstlich geschorenen Kronen der allzuklugen Franzosen wie ein Urwaldgewächs schwanke.

Herder saß hinter verhangenen Fenstern, sein Auge zu heilen, Goethe lief rasch und waghalsig hinauf auf den Turm und sah die Giebel und Gassen der alten Reichsstadt im Abendrot brennen und brausen.

Und als er der alten Zeit voll war, als ihn die wilde Romantik des britischen Dichters bedrängte, beschwor er aus einer fränkischen Chronik den stegreifen Ritter und schrieb sein Stück von dem Götz mit der eisernen Hand.