Die Kinder sahen hinein mit glänzenden Augen, die Großen standen sinnend dabei: sie freuten sich an der bunten Erscheinung, und ahnten nur fern, daß es der Jungbrunnen war und gegen die jüdische Bibel das Buch der eigenen Herkunft.

Novalis

Mancherlei Geister ritten das Roß der Romantik, und die Jugend lief ihrer bunten Herrlichkeit zu; nur einer vermochte als Dichter zu sein, was sie als Schwarmgeister wollten.

Hardenberg hieß er und war ein brustkranker Jüngling aus edlem Geschlecht, der sich als Dichter Novalis nannte.

Er träumte die blaue Blume: am Rand einer Quelle stand sie, deren Wasser die Luft verzehrte und deren Tiefe von blauen Felsen umhegt war; als die Traumaugen des Dichters staunend und weh in den blauen Kelch blickten, schwebte darin ein zartes Gesicht.

Die Wirklichkeit selbst war das Wunder, und nur die Ordnung der Sinne hatte den Schein der Erfahrung um ihr Geheimnis gelegt; aber der Traum befreite die Seele, wieder im Wunder zu leben.

Und dichten hieß träumen, hieß außer der Täglichkeit sein, hieß aus der Täuschung der Sinne eingehen ins Dasein der Seele, die ihrer eigenen Wirklichkeit froh das Wunder in allen Dingen erkannte.

Novalis, der brustkranke Jüngling aus edlem Geschlecht, hatte nicht Zeit, das Wunder in allen Weiten zu träumen: der Tod hielt ihm das Tor schon geöffnet, aus der Scheinwelt der Dinge einzutauchen in die verjüngende Flut.

So schrieb er der Nacht seine Hymnen, wie ein Liebender an seine Braut schreibt; nicht der bleichen Schwester des Tages galten die bunten Gesänge, der wahrhaften Nacht, die keinen Morgen mehr kennt, galt seine Verzückung.

Ein Dichter des Todes war er, wie andere vom Wein und der Liebe singen; als er dahin war, blieb das Blut seiner blauen Gesänge, als ob der Schierlingsbecher die wahre Lust an der Wirklichkeit wäre.