Die dritte Zwietracht

Als Friedrich Nietzsche erloschenen Auges ins Abendrot starrte, wie einmal der Spötter in Sanssouci saß, aber der Spott war von ihm genommen; als der gläserne Geist taub war und keinen Mittag mehr schimmerte: machte sein Spiegelbild Glück bei der Jugend.

Der Dichter hatte dem Denker steiler Gedanken das Spiegelbild listig verkleidet, daß die bunten Gewänder vielerlei Augen anlockten, daß um die Sprüche des Zarathustra heißes Gedränge, daß seine Schalksspielbude begehrt im Jahrmarkt der Gegenwart war.

Wohl fraß die Gegenwart sich an der Vergangenheit satt, und der Trompeter blies ihr sein blechernes Stück zur Verdauung; aber der Trotz mißratener Söhne sah das Reich seiner Väter auf Bürgertugend gebaut, die er haßte.

Durch Eisen und Blut waren die Dinge geschehen, nun saß der Bürger zu Tisch, sie zu genießen; emsige Sorge um kleines Behagen, redlicher Fleiß um Wohlergehn, gehorsame Erfüllung der Staatsbürgerpflichten hielten sein Hausväterdasein behütet, darüber der Gott seiner Kirche auch nur ein Hausvater war.

Tapfere Dinge waren getan, und Starkes war durch die eiserne Hand des Kanzlers vollendet: aber das rasche Wunder konnte nichts Großes entzücken, weil es dem Bürger nur fremde Erfüllung, nur der prahlende Schein einer großen Zeit, kein Ende und Anbeginn war.

Die alte Zwietracht ging um als blasses Gespenst, und die neue war erst eine Fahne; zwischen den Zwietrachten stand die Zeit still, Feierabend war mit faltigen Schürzen und vollen Fässern; auch daß der Forscher die Bibel Gott aus der Hand nahm, konnte den Feierabend nicht stören, weil der Bibelgott selber ein blasses Gespenst war.

So konnte auch Zarathustra die Zeit nicht wecken; kein Zorn war um seine Schmähung, kein Glaube um sein Glück, keine Verzückung um seine fressende Flamme.

Nur der Trotz mißratener Söhne, das Racheglück kindlicher Hasser, das Traumgesicht eifriger Dichter nahm das Schalkspiel des Zarathustra hin als ein neues Vergnügen; nur wenigen brannte der Dornbusch seiner Verheißung.

Nur wenige sahen, daß hier eine tollkühne Hand die Tafel der Tugend zerschlug, daß über der falschen Eintracht der Zeit die dritte Zwietracht aufstand, die Schuld der genügsamen Väter zu rächen.