Mit vergoldeten Buchstaben hatte die Neuzeit geprahlt, daß sie die glückreiche Erbin aller Vergangenheit wäre, daß die Zukunft des Menschengeistes nicht mehr den Irrlichtern der Seele, sondern dem Tageslicht seiner Werkstätten überantwortet sei.

Nun fiel die Schrift von den Wänden, und der Menschengeist mußte erkennen, daß ihm allein der Hochmut gehörte, daran das falsche Gold aufgeklebt war.

Der Hochmut zerbrach mit den Tafeln der Wände: alle Dämonen der Tiefe sandte der Abgrund über ihn her; und die schlimmsten Unholde krochen – das mußte er schauernd erkennen – aus seiner eigenen Brust.

Der Staat und sein starkes Gesetz war dem Bürger der Stockmeister all seiner Ordnung gewesen; nun ihm der Stock aus der Hand fiel, war der Tugend die Strafe der eigenen Torheit gesetzt, aber dem Laster der blinkende Lohn seiner List.

Alles, was schlecht und schlau, gemein, zwiezüngig und selbstsüchtig war, sah sich gesegnet; alles was treu und einfältig, großmütig, gerecht und uneigennützig war, sah sich verlassen.

Menschendämmerung war; aber kein Surtur aus Süden kam mit dem weißglühenden Schwert, keine Flamme zückte aus Muspilheim, das Gezücht zu verbrennen.

Nur in den Brunnen der Seele wurde die Tiefe lebendig, und die Frage schwoll an: warum der gekreuzigte Gott noch immer auf Golgatha hinge?

Der sich den Menschensohn nannte, hatte Gott in den Herzen der Menschen erweckt, daß er stark würde in jedem, des irdischen Daseins zu lächeln; aber mit Strafe und Lohn seiner Weltgerichtslehre hatte der Priester die Freiheit der unsterblichen Seele wieder in Furcht und Hoffnung der Knechtschaft gebunden.

Nun brach aus den Brunnen der Tiefe die Sintflut, alles Dasein ersäufend, das in der Furcht und Hoffnung solcher Knechtschaft verharrte, statt seiner unsterblichen Seele gläubig zu sein.

Weil ihm der Himmel verschlossen war, hatte der Menschengeist trotzig getrachtet, sich die Erde zu retten; er hatte der Menschenvernunft Werkstätten gebaut, die seine Tempel sein sollten: nun kam die Sintflut über den Wahn und den Hochmut.