Mitten in den Entmutigungen dieser Zeit trifft Heinrich Pestalozzi ein merkwürdiges Ereignis: Lavater ist nach fast einjähriger Abwesenheit in der Stille zurückgekehrt, hat sich auch den Freunden einige Wochen lang nicht gezeigt und überrascht sie eines Tages mit einem Bändchen Schweizerlieder. Der nach seiner demütigen Abbitte aus der Vaterstadt entwichene Kandidat kehrt damit als ein Dichter in die Heimat zurück, den nun auch die Mißgünstigen nicht mehr wie einen jugendlichen Störenfried abtun können. Als er danach zum erstenmal wieder in die Gerwe kommt, von Bodmer an der Hand geführt, wird der Tag von den Patrioten wie ein Sieg der vaterländischen Sache gefeiert. Auch Heinrich Pestalozzi schüttelt dem Glücklichen die Hand, geht aber bald wehmütig fort; nicht, daß er dem Lavater den Triumph weniger als ein anderer gönnte, aber es wird ihm mitten im Kreis der Freunde, die sich um ihn drängen, deutlich, daß er nicht zu ihnen gehört, daß er nur einen jüngeren Nachzügler ihrer Generation vorstellt. Fast alle sind älter als er und haben ihr Studium schon beendigt, während er sich selber immer mehr als ein Gescheiterter vorkommt. Darin hilft ihm auch sein Rousseau nur zu einem trotzigen Selbstbewußtsein, das letzten Grundes seine Unfähigkeit zu einer bei jenen geachteten Existenz bestätigt.
In dieser Laune begegnet er Bluntschli, der unterdessen Hauslehrer in Zürich geworden ist und, durch seine Verpflichtungen verspätet, noch zur Gerwe will. Um mit seinem frühen Weggang nicht sonderbar zu erscheinen, geht er einige Straßen mit ihm zurück und klagt ihm offenherzig seine Not. Der hört ihn schweigend an, aber als sie vor der Gerwe stehen, kehrt er kurzerhand um: Wenn es ihm recht wäre, könnten sie miteinander noch auf den Lindenhof gehen!
Es ist eine unermeßliche Sternennacht da oben; obwohl der Mond noch nicht aufgegangen ist, scheinen die Dächer der Stadt vom Licht begossen, und der See leuchtet den Himmel in einer zarten Verklärung wider. Sie schweigen lange, bis Bluntschli spricht: Du hast mir von einem Menschen gesagt, der sein Leben nicht wie einen sauberen Parkweg vor sich sieht und darum verzweifelt ist; ich könnte dir von einem andern erzählen, der seine Stunden sorgfältig vorbereitet hat, nur daß er sie selber nicht mehr wird schlagen hören, weil ihm das Uhrwerk vom Rost zerfressen ist! Er hat die Hand auf seine vom Anstieg angestrengte Brust gelegt, als er das sagt, und danach schweigt er, sodaß Heinrich Pestalozzi — der kein Wort findet, das ehrlich und zart zugleich ist, um eine Antwort auf dieses Bekenntnis eines Todgeweihten zu sein — in einer Spannung dasteht, als müsse ihm der Kopf zerspringen. Auch der andere kommt nicht mehr zurecht, bis sie schweigend aus dem Schauer dieser Sternennacht hinunter gehen, in die dunklen Gassen und auf der Brücke mit dem Mühlrad nach der großen Stadt hinüber. Erst auf der Münsterterrasse, wo die beiden Türme sich riesenhaft in die Sterne einzubauen scheinen, findet die Erregung noch einmal ein Wort: Wozu meinst du, sagt der Bluntschli und zeigt an den Steinmauern hinauf, wozu meinst du, daß die dastehen? Für dich nicht und für mich nicht, für jeden einzelnen wären sie zu groß, und für alle sind sie auch nicht da; denn ich weiß hundert, denen sie gleichgültig bleiben! Aber daß die Menschlichkeit im Namen des Höchsten, das wir kennen, täglich in die Geschäfte und die Arbeit eingeläutet wird, dafür sind sie so dick und dauerhaft gebaut. Und daß sie uns sagen: was einer für sich selber Irdisches zuwege bringt, das hört mit seinem Leben auf; aber was er an der Menschlichkeit tut, das ist unsterblich. Du sorgst, was aus dir werden soll, und mir ist die Sorge bald abgenommen — am Ende aber ist es wichtiger, was wir gewesen sind!
Er läßt ihn danach stehen, gibt ihm nicht einmal die Hand und geht auf seine vorgebeugte Art davon. Heinrich Pestalozzi kommt nach Haus, als ob er aus dem Jenseits wiederkehre.
26.
Seit diesem Frühwinterabend verliert Heinrich Pestalozzi die enge Fühlung mit den Freunden in der Gerwe nicht mehr; es ist, als habe er eine Verkündigung erlebt, was zwischen ihnen Gemeinsames sei. Als sie zum Januar ein Wochenblatt gründen, das der Erinnerer heißt und von der klugen Hand Lavaters in Gemeinschaft mit Heinrich Füeßli — einem Vetter des Malers, der unterdessen in London seine Künstlerlaufbahn begonnen hat — geleitet wird, ist er eifrig dabei. Sie haben nun alle Rousseau gelesen; und wenn Bodmer sie von Anfang an lehrte, daß der sicherste Weg zur persönlichen Freiheit der sei, sich aller unnötigen Bedürfnisse zu entwöhnen, da man nur durch diese den Machthabern ausgeliefert, ohne Bedürfnisse aber frei wäre: so wird nun ein asketischer Wetteifer daraus, der über die persönliche Unabhängigkeit hinaus eine spartanische Vereinfachung der Sitten erzwingen will. Mit jugendlicher Behendigkeit wird dadurch das Ideal des sittlichen Lebens aus der Zeit Zwinglis und der Eidgenossen in das Kriegslager der Spartaner zurückverlegt; und auch Heinrich Pestalozzi überrascht das Babeli damit, daß er sich auf den Stubenboden bettet, nur mit einem Rock zugedeckt, und dies auch monatelang zu ihrer Verzweiflung durchhält.
Unvermutet gibt die Züricher Regierung den patriotischen Jünglingen Gelegenheit, die spartanische Tugend zu erproben: Schon in der deutschen Schule ist in der Klasse von Heinrich Pestalozzi ein Sohn des Amtmanns Schinz zu Embrach gewesen, der — ein Jahr älter als er — jetzt mit ihm Theologie studiert und auch einer aus der Gerwe ist. Dessen Eltern besitzen einen Pachthof in Dättlikon, wo der Pfarrer Hottinger von seiner Gemeinde eher für einen Wolf im Schafspelz als für einen guten Hirten gehalten wird. Da ihn die Züricher Regierung trotz der bösesten Gerüchte weiter amtieren läßt, weil er anscheinend beim Antistes einen verläßlichen Fürsprecher hat, setzt der Student Rudolf Schinz eine Anklageschrift auf, die von dem Gerichtsvogt und dem Schulmeister in Dättlikon, den Gebrüdern Ernst, unterschrieben und mit sorgfältiger Beachtung aller Vorschriften in Zürich eingereicht wird. Als darauf zwei Monate lang nichts geschieht, als ob die Gestrengen Herren auch diese Anklage noch verschweigen wollten, findet der Antistes Heß an einem Maitag in seinem Kirchenstuhl einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem der Oberpfarrer an seine Pflicht erinnert wird: Weil sonst die Steine anfangen möchten zu schreien!
Dieser Lästerbrief, wie er danach in den Akten heißt, bringt die Gestrengen Herren mehr in Zorn als alle Amtsvergessenheit eines lasterhaften Pfarrers. Wer von den Patrioten fähig scheint, ihn verfaßt zu haben, wird peinlich ins Verhör genommen; auch Heinrich Pestalozzi trifft es diesmal. Seine Mutter verschließt sich traurig in die Kammer, als er den Weg aufs Rathaus antreten muß, und das Babeli putzt ihn grimmig zurecht, daß er zum wenigsten noch in der Kleidung als ein ordentlicher Mensch vor die Herren käme; er selber ist voll überlegener Verachtung. In einem öffentlichen Anschlag des Kleinen Rates sind dem, der den Briefschreiber verriete, zweihundert Dukaten versprochen worden unter Verschweigung seines Namens: Daß eine Regierung, die in ihren Schulen die Tugenden der Römer und Spartaner lehren läßt, sich so weit vergißt, hat — wie der Bluntschli sagt — aus dem Schwert der Gerechtigkeit ein Dolchmesser gemacht. So hört Heinrich Pestalozzi die umständlichen Vermahnungen der Herren mit verächtlichem Trotz an und verweigert wie die andern den verlangten Eid — nichts von der Sache zu wissen — mit der vereinbarten Begründung, daß er bereit sei, einen Eid für alles zu schwören, was er nach seinem Bürgergewissen zu sagen sich für verpflichtet halte.
Gegen so viel Festigkeit der Jünglinge, die sich in die Hand gelobt haben, ein Beispiel spartanischer Tugend zu geben, wagen die Gestrengen Herren diesmal noch nicht vorzugehen: der Pfarrer Hottinger wird seines Amtes enthoben, die Brüder Ernst in Dättlikon als Landbürger müssen »übertriebener Anklägten« halber zweimal vierundzwanzig Stunden aufs Rathaus in Arrest, Rudolf Schinz kommt als Stadtzürcher mit einer Verwarnung davon.
In Heinrich Pestalozzi löst das Ergebnis einen Plan aus, den er schon lange mit sich herumgetragen hat: Seitdem Klopstock und andere deutsche Dichter Zürich hoch gerühmt haben, ist es eine beliebte Äußerung des Heimatstolzes geworden, die Stadt an der Limmat mit Athen zu vergleichen. Ihm scheint der Vergleich in dem besonderen Sinn zu passen, daß athenischer Luxus und athenische Verweichlichung in der Stadt Zwinglis überhand genommen haben, und daß es not täte, sie auf das Beispiel Spartas zurückzuführen. Nun hat Heinrich Pestalozzi in der ganzen Geschichte des lakonischen Staates nichts so gerührt wie das Schicksal des jungen Königs Agis, der die von athenischen Sitten angesteckte Stadt wieder zu den Gesetzen des großen Lykurgus zurückführen wollte und darüber von seinen eigenen Landsleuten hingerichtet wurde. Lykurgus und Zwingli sind für sein Gefühl eins; weil aus dem spartanischen Zürich der Reformationszeit das Limmatathen des Dättlikoner Handels geworden ist, liegt es für ihn nahe, auch für Zürich einen Agis zu erwarten, und tatsächlich vermag er nicht an seinen Freund Bluntschli zu denken, ohne daß dieser ihm das Bild jenes edlen und unglücklichen Agis vorstellt. Nun sie in dem Handel Sieger geblieben sind, gewinnt er Mut zur Beschwörung des alten Heldenjünglings; aber seine Darstellung soll so deutlich auf Zürcher Verhältnisse zielen, als ob der spartanische Reformator noch einmal in die Welt gekommen wäre.