23.
Heinrich Pestalozzi hat den Emil zum drittenmal gelesen und ist noch immer im Traum dieser Dinge, als Ende November in Höngg die Großmutter sanft hinwegstirbt. Sie haben sie am Mittag bei milder Sonne noch einmal in den Garten hinuntertragen müssen; da sind ihr mit den letzten verirrten Blüten die Augen zugefallen, als ob sie schliefe. Er muß mit dem Bärbel allein zum Begräbnis gehen, weil die Mutter selber zu Bett liegt. Der matte Glast der Novembersonne steht in der unbewegten Luft, als sie den Sarg um die Kirche auf den Acker tragen, wo die alten Holzkreuze auf ein neues zu warten scheinen. Das ganze Dorf ist da, auch die, denen es zu keinem sonntäglichen Kleid mehr reicht in ihrer Armut; bis an die untere Mauer stehen sie als der letzte Kriegshaufe lebendiger Liebe gegen den Tod. Bevor sie ihm seine Beute in das enge Erdloch hinunterlassen, tritt der Schulmeister vor, mit den Kindern das Abschiedslied ihres Lebens zu singen: Heinrich Pestalozzi ist oft mit dem Großvater in der Dorfschule gewesen und hat ihnen zugehört, nun will ihm der Gesang der Mädchen- und Knabenstimmen einstimmig vereint herrlicher klingen, als er jemals Menschen singen gehört hat, und die Erschütterung davon ist tiefer als die Trauer.
Weinend kommt er in die Kirche; da vermag die kleine Halle nicht alle zu fassen, daß ihrer viele noch draußen horchen, wie der alte Pfarrer und Dekan seiner eigenen Frau die Leichenrede hält. Auch er ist welk, und der Kopf kämpft mit dem gebeugten Nacken, das Angesicht von der Erde zu heben, aber die Stimme trägt noch klar durch den Raum, als er der Gemeinde den Lebenslauf der Dorothea Ott vorträgt, die seit achtundvierzig Jahren seine Frau und seit sechsunddreißig Jahren ihre Pfarrerin gewesen ist. Heinrich Pestalozzi weiß nun, es ist nicht der liebe Gott seiner Knabenjahre, der da spricht, es ist ein Greis, den sie selber bald um die Kirchecke tragen; umsomehr fühlt er, wie ergreifend dies ist, daß ein Mensch mit seinem Leid dasteht und aus der Ewigkeit den Lebenslauf seiner Gefährtin ablöst, deren irdisches Dasein vor dem seinen vollendet ist. Aber was ihn tief erschüttert, ist die Erfahrung, wie alles, was er hier sieht und hört, nur ein Stück aus dem Buch des Genfers scheint. Wenn er von hier aus an die Stadt denkt, an ihre Gassen, ihren Aufwand, ihr Gezänk: glaubt er niemals wieder hineingehen zu können. Auf dem Dorf allein ist das menschliche Wesen noch auf die Einfalt der Natur gestellt; von hier aus allein kann deshalb der Geist natürlicher Sittlichkeit wieder gesellschaftliche Rechte in der Menschheit erhalten. Es ist ihm nicht anders, als ob sie drei: die ländliche Gemeinschaft, seine Seele und der Traum des Buches in dieser Stunde einen Bund schlössen gegen den verkünstelten Aufwand der städtischen Welt.
24.
Seitdem denkt Heinrich Pestalozzi wieder ernstlich daran, Pfarrer zu werden; das Bild des Großvaters ist von neuem sein Lebensziel geworden, aber nicht um den Armen ein väterlicher Freund, sondern dem menschlichen Wesen ein Fürsprech und Märtyrer gegen Unnatur und elende Versunkenheit zu sein. Er tritt mit seinen Studien, die ihn immer leidenschaftlicher abgesondert haben, bis das Erlebnis Rousseaus ihm alles andere überflüssig machte, wieder in den Kreis des vorgeschriebenen Unterrichts ein. Selbst das Patriotentum in der Gerwe scheint ihm für eine Zeit nicht mehr so wichtig, und als es im Januar wieder zu einer Anklage diesmal gegen den Zunftmeister Brunner kommt, der sich schwerer Veruntreuungen schuldig gemacht hat, bleibt er der Sache fremd.
Er geht schon in sein neunzehntes Jahr und sieht wohl die Sorge, mit der die Mutter seine Unstetigkeit aufnimmt. Er wollte ihr auch den Emil zu lesen geben, aber sie ist nur traurig dabei geworden und hat ihm das Buch ungelesen wieder hingelegt. Seitdem er mehr von seinem Vater weiß, wie der zwar ein geschickter Wundarzt, aber ein sorgloser Haushalter gewesen ist, spürt er leicht eine Besorgnis in ihren stillen Augen, daß er von seiner Art zuviel geerbt haben möchte — zumal von seinem Bruder Johann Baptista bedenkliche Nachrichten kommen — und immer tapferer wird sein Entschluß, auch ihr zuliebe etwas Tüchtiges zu werden. Er weiß, wie schwer ihm alles in den Kopf geht, was nicht irgendwie sein Gefühl ergreift; doch weil er gerade das, was eine kaltblütige Beobachtung erfordert, als das Wichtigere geschätzt sieht, übt er sich täglich im Zwang zur Aufmerksamkeit. Unvermutet aber wird er durch einen Lehrer wieder aus der Zucht seiner strengen Entschlüsse geworfen:
Im selben Frühjahr ist ein Schüler Breitingers mit Namen Steinbrüchel als Lehrer der Eloquenz ins Collegium gekommen, ein noch jugendlicher Mann, der die größte Belesenheit mit einem glänzenden Vortrag verbindet und bald zum Abgott der Studenten wird, dabei von schneidender Schärfe, wo er unklaren oder halben Dingen zu Leibe geht. Auch Heinrich Pestalozzi tritt bei ihm ein, und er erwartet sich für seine gegenwärtigen Absichten eine heilsame Kur davon. Es geht auch anfangs vortrefflich, solange er nichts als seinen Schüler vorstellt; aber als nach einem Vierteljahr die erste Bekanntschaft gesichert ist, sodaß auch in diesem Verhältnis das Menschliche zum Vorschein kommen kann, sieht er als Grundlage aller glänzenden Fähigkeiten dieses Mannes den Geist der Aufklärung, den er immer gehaßt hat und der ihm seit dem Emil als die Quelle aller Unnatur verächtlich wurde. Es ist eine Art, die Welt in das Einmaleins der Vernunft aufzulösen, die seiner Natur unmöglich ist und ihm als Vorbereitung für das Pfarramt verbrecherisch scheint. Das Bild eines Seelsorgers, wie es ihm vorschwebt, ist der Diener eines gütigen und demütigen Menschentums; dies aber dünkt ihm eine Sklavenherrschaft der Bildung zu sein, die auch die jungen Pfarrer noch von dem Volk absondert zu dem geistigen Hochmut, in dem er alles städtische Wesen eingezirkelt sieht: In dem Zwiespalt dieser geistigen Dressur zu seinem Lebensgrund zerreißen sich die tapferen Absichten der Selbstzucht; denn gerade die freimütige Art des Professors, seine Schüler zur tätigen Mitarbeit herauszufordern, bringt seine Natur zu Äußerungen des Widerspruchs, die dem selbstsicheren und auch selbstgefälligen Mann als mädchenhaft verächtlich sein müssen.
So kommt es eines Tages, als Steinbrüchel über das vernünftige Denken in der Religion mit allem Aufwand seiner gewetzten Vernunft und seines spöttischen Witzes gesprochen hat und gerade dabei ist, seinen Triumph aus den Äußerungen der Schüler zu ernten, zu einem Frage- und Antwortspiel, darin der Streit von Anschauungen zu persönlicher Feindschaft ausartet. Heinrich Pestalozzi, der das Rüstzeug Rousseaus gegen Voltairesche Dialektik in Händen hat und an seine sterbende Großmutter denkt, wie sie die Lilie im Garten streichelt, vergißt die Eitelkeit des berühmten Lehrers und sagt: Wie alles Wahrnehmbare könne auch die Religion Gegenstand der vernünftigen Denkarbeit sein, nur dürfe man nie den Unterschied vergessen, der zwischen ihr selber und den Gedanken über sie bestände, und um Gottes willen diese Gedanken nicht schon für Religion halten; wie in allen Arten der Liebe, in der Treue, im Haß und in der Trauer habe man in ihr eine direkte Äußerung des Lebens — und zwar die tiefste, da sie auf den Zusammenhang mit dem Geheimnis der Welt ginge — während alles Denken nur indirekt, eine Hilfe des Lebens, aber nicht wie jene Dinge, das Leben selber sei!
Er bringt das nicht so rasch heraus, verhaspelt sich vielmals und sucht mit den Armen nach dem fehlenden Wort, sodaß die andern schon zum Spott gestimmt sind, bevor der Professor ihn mit dem scharfen Witz abfertigt, daß sie ja auch hier zum Denken und nicht zum Leben seien, auch wenn ihm das eine schwerer zu fallen scheint als das andere! Mit solcher Waffe hat er es natürlich leicht, die Spottlust der Klasse über seinen ungeschickten Gegner herauszufordern, sodaß die Antwort Heinrich Pestalozzis vom Gelächter verschüttet wird. Seit diesem Tag behandelt Steinbrüchel ihn mit einer spöttischen Nachsicht, als ob er einen komischen Störenfried in seiner Klasse hätte; und da der Geist der Aufklärung, aus dem er sich mit den meisten seiner Schüler verständigt, der Stolz von Zürich ist, kommt Heinrich Pestalozzi unvermutet wieder in die Rolle des Heiri Wunderli von Torliken, und gerade die Klasse, in die er mit so tapferem Willen eingetreten ist, wird ihm zu einem Martyrium, darin er nun die Freude am Collegium überhaupt verliert.