Alle Ämter in Staat und Kirche, alle ehrsamen Handwerke sind dem Landvolk verschlossen, das mit Zehnten und Grundzinsen, mit dem Erb- und Leibfall, der dem Landvogt bei jedem Todesfall das beste Stück der Hinterlassenschaft sichert, mit Fronden und Kleidervorschriften, mit Handelsverboten und strengen Strafen für jedes Gelüst der Freizügigkeit von den Stadtbürgern wie leibeigen gehalten wird. Heinrich Pestalozzi hat all diese Dinge einzeln auch schon vorher gewußt, wie der Bauer nichts auf dem Dorf verkaufen, sondern alles auf den Zürcher Markt bringen muß, wo die Bürger für jede Ware den Preis festsetzen, wie ihm verboten ist, Geld auszuleihen, damit die Stadtherren den hohen Zins behalten, wie er nicht einmal sein selbstgesponnenes Tuch und Leinen selber färben darf: aber daß diese grausame Willkür mit allen Folgen des Elends ein Verrat an den alten Sagen und Briefen der Eidgenossenschaft ist, das hat er nicht durchgefühlt bis zu dieser Nacht, wo ihn das einfältige Wort der Großmutter vom Landvogt und dem Tell in einen Aufruhr aller Gedanken gebracht hat.
21.
Heinrich Pestalozzi kommt am nächsten Morgen aus Höngg zurück, als ob der Geist Tells in der Stadt Zürich auf ihn warte. Er findet den Kram der Straßen in der gleichmütigsten Geschäftigkeit, und nur am Rathaus drängen sich die Leute vor einem Anschlag der Gestrengen Herren: Man habe mißfällig vernommen, daß gewisse für die Ordnung des Staates zwar wichtige Nachrichten auf eine illegale Weise angezeigt worden wären, und wolle hiermit jedermann erinnert haben zu berichten, was er von der Sache wisse! Der Vorwitz der Stunde treibt ihn, sich eines Wortes von Bodmer zu erinnern, daß es der Charakter der Regierungen sei, sich selber allen Patriotismus zuzuschreiben und bei andern Leuten nichts als Unverstand, unreine Absichten, Wildheit und Aufruhr zu bemerken. Aber einige grämliche Handwerker, die dabei stehen, nehmen ihm den jugendlichen Vorwitz übel und hätten ihm die vorlauten Worte mit Schlägen heimgezahlt, wenn er nicht eilig in die Marktgasse hinauf entwichen wäre. Als er sich da nach den schimpfenden Verfolgern umsieht, aber hastig weiterläuft, hat er das Unglück, in eine offene Kellertreppe hinein zu fallen, wodurch er zwar ihrem Zorn entgeht, sich aber schmerzhaft den Knöchel vertritt. Er ist noch nicht aufgestanden, als schon mit einem Licht aus der Tiefe des Kellers ein Mann im Lederschurz herzuläuft, den er gleich als den braunbärtigen Ankläger aus der Gerwe erkennt. Der hilft ihm mit lustigem Spott auf, leuchtet ihn ab und bringt einen Napf mit Wasser, die Schramme an, der Stirn zu waschen, aus der ihm Blut in die Augen läuft. Es scheint nichts Schlimmes damit, und da er bei seiner hastigen Art Beulen und Schrammen gewöhnt ist, hält ihn das Gespräch mit dem handfesten Mann länger auf als seine Wunde. Er erfährt, daß sich Lavater und Füeßli gleich tapfer zu der Schrift bekannt haben und sofort ins schärfste Verhör genommen sind: weil sie geblasen hätten, was sie nicht brannte.
Um seine Mutter nicht unnötig zu erschrecken, humpelt er zunächst ins Carolinum, wo ihm die allgemeine Aufregung die Mitteilung des Mannes bestätigt. Er kommt in der kampflustigsten Stimmung, aber mit schmerzendem Fuß zu Hause an, und über Nacht schwillt dieser so auf, daß der Doktor kommen muß. Es ist nur eine Zerrung der Sehnen, aber der Fuß wird eingepackt, und er liegt nun als das erste Opfer der Begebenheit zu Hause. Das Babeli läßt ihn ihren Grimm über den unnützen Fall spüren, und wenn ihm das Bärbel nicht mit schwesterlichem Eifer zu Diensten wäre, hätte er es hart. Sie bringt ihm ans Lager, was er braucht, und holt Erkundigungen über den Stand der Dinge ein: Es gibt zwar eine zornige Partei, die den beiden Angebern nach altem Brauch kurzerhand den Wellenberg verordnen möchte, aber der Kreis der Patrioten aus der Gerwe sammelt Unterschriften aus der ganzen Stadt, daß die beiden nur nach ihrem Bürgereid gehandelt hätten. Da der Bürgermeister Leu sich in der Sache neutral verhält, obwohl der beschuldigte Landvogt Grebel sein Eidam ist, auch Lavater wie Füeßli aus angesehener Familie sind, gelingt es Bodmer, sie vorläufig freizuhalten, indessen die Untersuchung nach anderen Aufrührern ihre verbissenen Gänge weiter wühlt.
Heinrich Pestalozzi kann schon wieder vom Fenster an die Ofenbank humpeln, als es eines Abends gegen die Dämmerung zaghaft an die Stubentür klopft. Das Babeli hebt noch schnell ein Stuhlkissen auf, das er dem Bärbel im Scherz nachgeworfen hat, bevor es den Riegel aufklinkt. Herein kommt aber nur die unsichere Gestalt Lavaters, der den Hut schon draußen abgenommen hat und damit ein Päckchen in seiner Hand bedeckt. Heinrich Pestalozzi kennt ihn bisher eigentlich nur aus der Gerwe, wo er freilich einmal lange mit ihm gesprochen hat, und ist ebenso überrascht von dem Besuch, wie der andere verlegen scheint. Er habe erst jetzt von seinem Mißgeschick gehört, sagt er schließlich, als ihm Hut und Päckchen abgenötigt sind, und fängt an, vor Heinrich Pestalozzi auf und ab zu schreiten: seine eigene Sache stände nicht günstig, er wolle zwar nicht vorher fliehen, aber nach dem Urteil außer Landes gehen; zu Hause und vor der übrigen Verwandtschaft als einer dazustehen, der aus Leichtsinn seine Zukunft verspielt habe — hier läuft das Babeli weinend aus der Stube — wäre ihm unerträglich; er wolle sehen, ob die Welt keinen andern Platz für ihn habe! Er spricht noch manches, bis es völlig dunkel wird, und verhehlt auch nicht, daß Füeßli der treibende Wille und er nur die Feder dieser Anklageschrift gewesen sei, die ihn nun selber zum Angeklagten gemacht habe. Als das Bärbel ein Licht bringt, nimmt er seinen Hut, bevor Heinrich Pestalozzi weiß, was er eigentlich gewollt bat, das Päckchen läßt er liegen; die Schwester will es ihm nachbringen, aber er wehrt mit einer komischen Verdrießlichkeit ab und geht auf seine lautlose Art rasch die Treppe hinunter, von dem Bärbel beleuchtet.
Als sie wieder zurückkommt mit dem Licht und Heinrich Pestalozzi das sauber verschnürte Päckchen ansieht, trägt es seinen Namen. Ungeduldig, nun endlich zu wissen, was der seltsame Besuch des Kandidaten für ihn bedeutet, reißt er den Umschlag ab, und dann steht für einen Augenblick sein Leben still wie eine Kerzenflamme: was er in den Händen halt, ist Rousseaus »Emil«.
Was hast du? fragt die Schwester, als sie ihn mit dem Buch in den Händen so dasitzen sieht; er hält ihr den Titel hin und weiß kaum selber, was sein Mund spricht: Ich habe den Propheten!
22.
Heinrich Pestalozzi vermag nicht so fließend französisch zu lesen, daß er das Buch verschlingen könnte; er muß es wie einen alten Schriftsteller studieren, und oft genug stockt er bei einem Wort, dessen Sinn ihm vieldeutig oder unklar ist. Aber darum ist es doch für ihn, als ob er eine Feuersbrunst erlebte, wie erst nur die Flämmchen nach dem First hinlaufen, auf einmal Pfannen niederprasseln und endlich das feurige Gerippe brennender Balken in der Lohe steht, wo vorher ein Dach jahrhundertelang die Menschlichkeit vor den Elementen beschützt hat. Zeit und Raum verliert er vor dem Buch; und wenn er aus den Seiten aufblickt in die Stube, kann er staunend seine Mutter oder das Bärbel dasitzen sehen, als ob sie im Augenblick aus himmlischen Weiten hergeweht wären. Vieles kennt er schon, aber gerade darum ist es ihm, als ob in den Gesprächen Bluntschlis, in den Reden Bodmers und allen Verhandlungen der Gerwe nur Irrlichter gewesen wären von dem Feuer, das hier durch Tag und Nacht seinen Brand brennt. Mehr als dies alles aber ist die heimlich wachsende Erstaunung, daß die Seele seiner Jugend in dem Buch ihre Heimat findet; immer bis zu diesem Tag ist es gewesen, daß es von ihr zur Welt keinen Zugang gab: So irrend er gesucht hat, so lieb ihm die Mutter und das Bärbel, das Babeli und der Baptist, die Großeltern in Höngg und das heimelige Pfarrhaus gewesen sind, er ist doch in der Einsamkeit geblieben, als ob nicht schon seine Ahne vor mehr als zweihundert Jahren, sondern er selber erst fremd über die Alpen nach Zürich gekommen wäre. Auch alle Schriften, die er bis dahin gelesen hat, sind für ihn von dieser fremden Welt gewesen; nun aber ist es, als ob in diesem Buch seine Seele selber aufgebrochen wäre, sodaß es in der Welt ringsum nichts mehr gäbe als sie. Alles bis zu diesen Tagen, was er gefühlt, gewollt und getan hat, ist mit dem schmerzlichen Gefühl des Unrechts geschehen; zum erstenmal steht seine Natur auf und sieht, daß sie recht hat.
Die Tage füllen sich zu Wochen, und die Wochen laufen schon in den zweiten Monat, daß Heinrich Pestalozzi noch immer mit dem Buch dasitzt und sich mit achtzehn Jahren erst eigentlich zur Welt bringen läßt. Unterdessen läuft draußen alles seinen Gang ab: der Landvogt Grebel wird schuldig gesprochen, aber Lavater und Füeßli müssen öffentlich Abbitte tun; sie verlassen bald miteinander Zürich, wo die Patrioten in der Gerwe vom Argwohn und Haß der Gestrengen Herren beaufsichtigt bleiben und von den Kanzeln gegen den aufrührerischen Geist der Jugend gepredigt wird. Im Carolinum werden die alten Schriften und die Kirchenväter gelesen, und in den Zünften wird mißtrauisch über die städtischen Rechte der Gewerke Buch geführt, das Bauernvolk bringt zu Wagen und zu Schiff die Erträgnisse seiner Arbeit auf den Zürcher Markt, und Sonntags strömen die geputzten Bürgersöhne und Mamsells hinaus in seine ländliche Welt, in den Gasthöfen steigen Kaufleute und empfindsame Reisende aus allen Ländern Europas ab, und die Baumwollenweberei stellt zum Nutzen Zürcher Fabrikherren einen Stuhl nach dem andern in den Dörfern auf, angeblichen Wohlstand verbreitend, die Landreiter gehen auf die Betteljagd, und an zierlichen Tischen werden die Idyllen Geßners gelesen: alles um ihn läuft seinen Gang wie zuvor, nur steht das sehnsüchtige Gefühl seiner Jugend nicht mehr als ein unbrauchbarer Fremdling darin. Es hat die Natur als Boden der Menschlichkeit gefunden, wo alles Verirrung und Falschheit ist, was dem inneren Gefühl um äußerlicher Vorteile willen widerstrebt, und er ist sicher: dies ist der einzige Schlüssel für den Menschen in die Welt.