Eines Tages kommt es zu einem Spaziergang, durch Sihlport hinaus gegen den Uto. Er muß sich einen Tadel gefallen lassen, weil er dem Bluntschli zu hastig mit den Armen schlenkernd dahinläuft; als sie dann gegen den Waldrand hinauf wollen, merkt er freilich, daß es nicht nur die Sorge um seine Würde ist, die den andern so gemessen schreiten läßt: der Atem wird ihm bald zu kurz, sodaß sie den steilen Weg verlassen und einem Pfad links unter der Manegg her folgen. Wo die Büsche den Blick frei lassen, geht er über die schattige Rinne des Sihltals und den dunklen Waldrücken bei Wollishofen in das blaue Himmelsbecken des Zürichsees, darin Wolken und Bergfernen ihr schimmerndes Licht mischen: so erstaunt Heinrich Pestalozzi nicht, als sie in einer grünen Wiesenbucht einen Maler emsig dabei finden, die Linien und Farben dieser Ansicht auf ein Papier zu bringen. Ein Genosse von ihm hat sich augenscheinlich als Staffage auf eine Kuppe davor gesetzt, und ein weißer Hund liegt artig ihm zu Füßen, als ob er seine Wichtigkeit im Bild fühle. So emsig der eine mit den Wasserfarben hantiert, so eifrig liest der andere in einem Buch; und erst als der Hund sich erhebt, die beiden Ankömmlinge knurrend zu stellen, schauen beide auf, erst der Maler, und als der gleich einen Juchzer ausstößt, auch der Leser.
Der mit dem Buch ist Lavater, und Heinrich Pestalozzi begreift nicht, daß er ihn nicht beim ersten Blick erkannt hat; von dem andern weiß er, daß er ein Sohn des Malers Füeßli ist, gleichfalls Theologie studierend, aber gern mit dem Handwerkszeug seines Vaters über Land, und den Lehrern mit seiner freimütigen Art vielmals ein Ärgernis. Er hat wie meist sein Waldhorn mit, und ehe sie noch ihren Gruß sagen können, bläst er ihnen schon einen ländlichen Hopser ins Gesicht. Dem Bluntschli scheint die Begrüßung zu mißfallen; er geht an dem übermütigen Bläser vorbei gleich auf Lavater zu, und es sieht aus, als ob er ihn zur Rede stelle. Dabei hat er den Hund des Malers nicht mit berechnet; denn als er mit einer beschwörenden Gebärde auf den Freund losgeht, stellt das große Tier seinen Mann und legt ihm die Pfoten auf die Schultern, sodaß er statt dem Gesicht des Ungetreuen das bleckende Maul vor sich hat. Der Füeßli kann vor Gelächter nicht mehr blasen; er ruft den Hund erst zurück, als er sieht, daß der Bluntschli sich mit seinem blassen Zorn in Gefahr bringt.
Heinrich Pestalozzi hat den Auftritt, weil der Füeßli nicht zu seiner Bekanntschaft gehört, wie ein überflüssiger Zuschauer erlebt; sein Pflichtgefühl ist bereit, sich zu dem Zornigen zu schlagen; als aber der Maler ihm lachend die Hand hinhält, vermag er den lustigen Augen nicht standzuhalten. Die andern scheinen sich unterdessen auch geeinigt zu haben; obwohl verstimmt, kommen sie hinzu, setzen sich auch zögernd, wie der mit dem Waldhorn vorschlägt, miteinander auf den trockenen Grasboden und betrachten sein Bild. Es zeigt erst die porzellanene Bergferne und vorn das waldige Sihltal wie eine dicke grüne Raupe, aber es ist sauber gemalt, und Heinrich Pestalozzi muß den leichtherzigen Menschen bewundern, der gleichwohl solches vermag. Dem Bluntschli scheint das Bild keiner Beachtung wert; er will wissen, was für ein Buch Lavater gelesen hat, und als der ihm den Titel zeigt, weist er es kopfschüttelnd zurück. Als ob er sich vor Pestalozzi rechtfertigen müsse, gibt Lavater ihm das Buch in die Hand: es ist eine Schrift von Winckelmann über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Er weiß nicht weshalb, aber er hat im Augenblick, da er es nahm, gehofft, es möchte der Emil von Rousseau sein; so gibt er das Buch enttäuscht aus der Hand.
Der Maler will die Stimmung retten und schlägt vor, daß sie zusammen durch das Sihltal hinüber nach Wollishofen wandern und von da am Abend in einem Schiff zurückfahren sollten. Heinrich Pestalozzi würde das trotz seinem Erlebnis an dem Weidling mitgemacht haben; aber Bluntschli steht geärgert auf und geht ohne Gruß den gleichen Pfad zurück, es ihm überlassend, ob er folgen oder sich den andern anschließen will. Er wäre auch bei besserer Stimmung eines solchen Verrats nicht fähig, gibt also beiden mit einem flehenden Blick für seinen zornigen Genossen die Hand und springt ihm nach.
Bis zur Sihlbrücke kommen sie schweigend, Bluntschli immer vorauf und er wie sein Pudel hinterher; dann scheint das rauschende Wildwasser den Groll zu lösen, und obwohl Heinrich Pestalozzi deutlich fühlt, daß nur die Eifersucht um Lavater den Verärgerten so sprechen läßt, horcht er doch seinen Worten. Die ersten hört er kaum im Lärm der Sihl, erst nachher versteht er, daß der Bluntschli streng und erbittert von dem Geist der Aufklärung spricht, von dem Heidentum, das mit der gerühmten modernen Bildung in die Stadt Zwinglis gekommen sei und sich da mit dem Tand seidener Kleider, mit komischen Erzählungen lüsterner Art, mit radierten Idyllen und dem armseligen Götterwerk der heidnischen Welt breitmache. Solange man seine Urteilskraft an wahrhaft nützlichen Gegenständen üben könne, sei es ein Abfall, dürre und unfruchtbare zu wählen: Die nötigen Kenntnisse sind allen Menschen gemein, die nicht allgemeinen sind unnötig!
Es ist zuviel von seiner eigenen Gesinnung darin, als daß Heinrich Pestalozzi ihm nicht zustimmen sollte, und für eine Weile stehen die beiden da oben im Wald vor ihnen wie rechte Taugenichtse da; aber als sie von der Meisezunft her gegen die Wasserkirche über die Brücke gehen, lehnt bei dem Mühlrad ihr Lehrer, der weise Bodmer, und sieht in das glatt strömende Wasser, als ob er etwas in seinem Grund suche. Sie wollen ehrfürchtig grüßend an ihm vorbei; er erkennt sie aber und hält sie an: ob sie schon wüßten? Als sie beide den Kopf schütteln, nimmt er sie mit hinunter in die Gerwe und zeigt ihnen da eine Anklageschrift gegen den Landvogt Grebel, die in der ganzen Stadt verbreitet wäre und, wie er bestimmt vermute, Lavater und Füeßli zu Verfassern hätte: Wenn sie sich dazu bekennen müssen, sagt er und faltet das Papier wieder in seine Brusttasche, ist den beiden der Wellenberg sicher!
20.
Einige Tage später muß Heinrich Pestalozzi hinauf nach Höngg, wo seine Mutter mit dem Bärbel die kränkelnde Großmutter pflegt. Sie ist nun einundsiebzig und längst zu schwach für ihren Garten, doch hat sie es gern, wenn sie bei gutem Wetter hinuntergelassen und auf Stühlen zwischen den Beeten gebettet wird. Da liegt sie auch diesmal, als er um einer Laune willen unten an der Limmat hin und dann den steilen Pfad heraufgekommen ist. Es macht die alte Frau besorgt, daß er von dem raschen Anstieg seine brandigen Hitzflecken im Gesicht hat, und sie ruht nicht, bis er sich mit ihrer Schürze den Schweiß abtrocknen läßt. Nachher muß er sich auf die Steinbank setzen und ihr erzählen; da ihn die Vorfälle um den Vogt Grebel, die geheimnisvolle Anklageschrift und die zornigen Untersuchungen der Gestrengen Herren bis in den heißen Kopf erfüllen, spricht er ihr davon. Dann scheint es ihm freilich, als ob ihr einfältiger Sinn den Dingen nicht zu folgen vermöchte; sie streichelt nur immer eine Lilie, die sich in der linden Luft zu ihr neigt, und lächelt auf eine kindliche Art dazu. Als er aufsteht, die andern aufzusuchen, hält sie ihn fest mit ihrer welken Hand, und für einen Augenblick scheint ihr Greisensinn völlig verwirrt. Du mußt im Traum sein, Heiri, den Landvogt hat der Tell geschossen!
Er findet die Mutter und das Bärbel, die er abholen soll, schon reisefertig im Flur. Seitdem der Tochtermann des Pfarrers, der Vikar Wolf, gestorben ist, führt ihm die Witwe den Haushalt; das Tantli, wie sie bei ihnen heißt, ist noch eine junge Person und kann es trotz ihrer beiden Kinder wieder allein machen, seitdem es mit der Großmutter bessert. Er mag aber nicht sobald wieder fort; es drängt ihn, auch mit dem Großvater zu sprechen; so läßt er die beiden allein gehen und bleibt zur Nacht. Der Großvater hat mit der zunehmenden Gebrechlichkeit des Alters eine Vorliebe für gelehrte Studien gefaßt und sitzt über seinem Liebling, dem Kirchenvater Lactantius, den er den christlichen Cicero nennt; er läßt sich aber diesmal gleich stören: Es geht mir bald wie mit meinem Schwiegervater selig, dem Chorherrn Ott und seinem Flavius Josephus, sagt er wehmütig lächelnd, indem er die alten Bände zur Seite legt. Heinrich Pestalozzi weiß, wie merkwürdig die Weisheit dieses Juden aus der Zeit Christi an dem Zürcher Baum der Erkenntnis seines Urgroßvaters gehangen hat, und wie der alte Chorherr daran zum Narren geworden ist; aber angefüllt von den Dingen der Gegenwart vermag er nicht mit dem Großvater zu lächeln und sagt ihm das seltsame Wort aus dem Garten, das einen Dammbruch in seine Gefühle gerissen hat. Der alte Herr wird im Augenblick ernst und nimmt ihn hastig an der Schulter hinaus, als ob dergleichen in seiner Amtsstube nicht gesprochen werden dürfe.
Sie machen danach miteinander einen Gang ins Dorf, wo der Pfarrer dem Schulmeister eine Weisung zu geben hat. Heinrich Pestalozzi sieht von weitem das Haus, darin er den Ernst Luginbühl an den Webstuhl genötigt weiß, und das schmerzhafte Erlebnis mit dem Testament der Mutter, das er seitdem tiefunterst im Schrank verwahrt, gibt seinen strömenden Worten einen bitteren Beiklang. Der Großvater läßt ihn schweigend sein übervolles Herz ausschütten und tadelt ihn nur, als er sich allzu heftig zum Richter aufwirft. In seiner Kammer aber findet er an diesem Abend — vom Großvater heimlich hingelegt — die Verordnungen für das gemeine Landvolk, die den Pfarrern von den Gestrengen Herren übergeben sind. Er liest darin, bis sein Kerzenlicht zu Ende ist; nachher vermag er nicht zu schlafen, sitzt in den Kleidern am offenen Fenster bis in den Morgen und sieht in die unruhige Mondnacht hinaus, darin die jagenden Wolken ihre schwarzen Schatten vor die silberne Scheibe drängen; so oft sie auch siegend daraus hervorkommt, unaufhörlich steigen die schwarzen Sturmvögel vom Zürichberg herauf, ihr Licht zu decken; nicht anders, als die Verordnungen der Züricher Stadtherren über den mühsamen Lebensstand des gemeinen Landvolkes kommen: