Als Heinrich Pestalozzi sich mit andern Studenten vor den Anschlag drängt, der den Arbeitsplan der Gesellschaft kundgibt, kommt zufällig Bodmer mit zwei jungen Männern daher, die schon die Kleidung der zukünftigen Geistlichkeit tragen und aus Respekt vor dem Professor, obwohl er freundschaftlich mit ihnen spricht, die Hüte in der Hand halten. Die beiden sind ziemlich allen bekannt als die Predigtamtskandidaten Bluntschli und Lavater, die dem alten Herrn eifrig zu Diensten und auch bei der Gründung der neuen Gesellschaft seine Handlanger sind. Sie verziehen keine Miene ihrer feierlichen Gesichter, als sie vorübergehen; Bodmer aber bleibt seiner scherzhaften Laune folgend stehen, und weil er zufällig an Heinrich Pestalozzi gerät, tippt er ihm mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust: ob er Lust zur Mitarbeit habe? Die Frage scheint nicht weiter gemeint, der alte Herr wartet auch gar keine Antwort ab und geht mit den schwarzen Pagen zur Münstertreppe hinunter: aber darum hat er ihm doch mit dem Finger ans Herz gerührt. Er wäre auch sonst glücklich gewesen, mit bei dieser Sache zu sein, die aus seinen glühenden Wünschen gemacht scheint; nun aber sind seinem Ehrgeiz Hoffnungen geweckt, die er sich selber wie eine Fahne aufrollt.

Der schwarze Pestaluz wird Tambour! höhnt ein Bürgersohn, den die Bevorzugung ärgert, und die andern lachen dazu, als ob sie ihn schon trommeln hören; er aber ist viel zu erregt, darauf zu achten, und noch als er zu Hause die Treppe hinaufgeht, spürt er die Stelle, wo ihm der Bodmer genau auf das Herz getippt hat.

18.

Die Gesellschaft heißt zur Gerwe, weil ihre Versammlungen im Zunfthaus der Gerber abgehalten werden, das unterhalb des Rathauses über die Limmat hinaus gebaut ist. Als Heinrich Pestalozzi zum erstenmal hinkommt, ist noch niemand da, weil seine Ungeduld sich verfrüht hat; so wird er von einigen Männern, die nach ihm eintreten, um eine Auskunft angesprochen und gerät dadurch gleich anfangs in die Stellung eines Vertrauten, der mehr von dieser Sache weiß, um so mehr als Bodmer nachher der Versammlung scherzhaft ankündigt, daß sie es einmal mit der umgedrehten Welt versuchen und der Jugend das Wort lassen wollten, indessen sie, die Alten, diesmal nur das Parterre im Theater wären. Es mögen an die hundert Personen in dem getäfelten Saal sein, wie Heinrich Pestalozzi an der Begrüßung merkt, zumeist Schüler Bodmers, der seit vierzig Jahren vaterländische Geschichte in Zürich liest und schon der Lehrer einiger Graubärte gewesen ist, die nun als begeisterte Eidgenossen in seine Studiengesellschaft eintreten. Den ersten Vortrag hält der Kandidat Bluntschli; er liest ihn mit einer Stimme, die beinern vor Erregung ist, und das Papier zittert ihm so in den Händen, daß ein Blatt mitten durch reißt. Auch seine Worte sind so, sie handeln von den Grundsätzen der politischen Glückseligkeit, und wie Heinrich Pestalozzi den blassen, schon durch die Schwindsucht gezeichneten Menschen von den politischen Einrichtungen Zwinglis sprechen hört, glaubt er den Reformator fast selber zu sehen, so erfüllt ist dieser Kandidat von der unbeugsamen Sittlichkeit seiner Gedanken.

Nachher gibt es eine Aussprache, und nun spürt Heinrich Pestalozzi, daß dies mehr sein soll und ist, als eine Studiengesellschaft der vaterländischen Geschichte. Einer der Männer, die ihn zu Anfang angesprochen haben, nimmt auch das Wort, und es ist schon ein Zeichen selbständiger Gesinnung, wie er mit seinem braunen Vollbart gegen die rasierten Gesichter der modischen Herren steht. Er bringt die Rede auf den Landvogt Grebel in Grüningen, der in seiner sechsjährigen Amtszeit mehr ein Räuber als eine Obrigkeit im Sinne Zwinglis gewesen sei und nur deshalb seinen Raub trotz aller Klagen des Landvolks behalten könne, weil er der Eidam des Bürgermeisters wäre. Obwohl der alte Bodmer sichtlich erschrocken die harten Worte mit erhobenen Händen abwehrt, muß er sie wieder sinken lassen; denn aus der Versammlung bricht die Empörung über die allbekannten Greuel des leichtfertigen und bösen Mannes in solchen Zurufen aus, als ob sie sich alle nur deshalb in der Gerwe vereinigt hätten. Bodmer weiß zwar die Erregung mit klugem Bedacht wieder auf eine Aussprache zurückzulenken, aber die Worte, die nun kommen, sind anders, als die vorher waren: als ob sie auf einem Wasser hingerissen würden, so vergeht der einzelne Schall, aber die stark strömende Flut der Erregung bleibt.

Heinrich Pestalozzi fühlt sich aus seinem jünglinghaften Träumerdasein mitten ins Leben versetzt; er könnte die Worte des bärtigen Mannes aus dem Gedächtnis sagen, so sind es Hammerschläge auf sein Herz gewesen, und als es zum Schluß noch ein erregtes Zwiegespräch mit dem Bluntschli gibt, steht er im Rausch dabei: Der Kandidat ist mit der Anwendung seiner Grundsätze nicht einverstanden; weil er aber nur abzulesen, nicht frei zu sprechen vermag, hat er dem braunen Mann vor der Versammlung nicht entgegnen können; nun, wo die meisten, auch Bodmer, schon gegangen sind, gerät sein zu lange verhaltener Widerspruch in Zorn, sodaß es fast einen Streit gibt. Der andere aber, der vorher so scharf gewesen ist, weiß nun den Humor des Älteren herauszukehren, sodaß sie zuletzt noch friedlich mit einander auf die Gasse kommen. Heinrich Pestalozzi hätte längst heim gemußt, er kann sich aber nicht von den andern lösen, solange derartige Dinge in den Worten sind; so geht er treulich noch am nächtlichen Limmatufer mit den andern hinauf und befindet sich, als es unvermutet eine Abschiedsecke gibt, zu seiner eigenen Verwunderung mit dem Kandidaten allein.

Der in seiner gereizten Stimmung ist augenscheinlich froh, noch einen Zuhörer für seine zornigen Gedanken zu haben. Vielemal läuft er mit ihm disputierend am Wasser auf und ab, auf dem der Mond sein Silberlicht in einen ruhelosen Abgrund schüttet: Er habe die Grundlage der sittlichen Bürgerordnung, nicht den Aufruhr stipulieren wollen, sagt der Kandidat, und obwohl Heinrich Pestalozzi seine Freude an dem braunbärtigen Manne gehabt hat, folgt er dem Aufgeregten in seine Welt. Es tut ihm wohl, von dem Älteren so gewürdigt zu werden, und als er endlich allein — vom Nachtwächter verscheucht — zum Roten Gatter hinaufgeht, geben die einstürmenden Erinnerungen aus der Stadtgeschichte nur noch die Begleitung zu seiner fast trunkenen Melodie, daß er nun mit beiden Füßen in das Gemeinleben der Stadt eingetreten sei und daß er an dem Kandidaten einen Bekannten gewonnen habe, von dessen entschiedenen Meinungen er sich manches für seine eigene Zukunft erhoffen dürfe.

19.

In der Folge sorgt Heinrich Pestalozzi, daß ihn der Bluntschli nicht wieder aus den Augen verliert. Er weiß, wie der unbemittelte Sohn eines Steinmetzen es gleich ihm nicht leicht hat zwischen den reichen Bürgersöhnen, aber um seines Fleißes und der jungmännlichen Strenge willen mit besonderen Hoffnungen betrachtet wird. Wen der Bluntschli von den Studenten seines Umgangs würdigt, der ist damit schon etwas Besonderes; obwohl er den unfröhlichen Menschen bisher nicht günstig angesehen hat, überläßt sich Heinrich Pestalozzi nun willig seiner Führung, weil sein Ehrgeiz in dieser Gefolgschaft schneller einen Weg in die Lebensdinge zu finden hofft, als auf dem Umweg der Schule.

Es dauert auch nicht lange, so darf er ihn besuchen im Zunfthaus zu den Zimmerleuten, wo sein Vater Stubenverwalter ist. Er spürt wohl, daß der Bluntschli einen herrschsüchtigen Hang hat und seinen Freunden strengere Pflichten auferlegt, als es einem Lehrer gestattet würde; aber weil er selber in einen fanatischen Lerneifer geraten ist, sodaß er nicht essen kann, ohne daß noch ein Buch neben dem Teller liegt, ist ihm die Strenge recht.