Auch empfindet er nun, daß es etwas anderes ist, ob der Antistes von Zürich durch die Straßen geht, oder ob sein Großvater von Höngg zu einer Besorgung herein kommt; und als er erst einmal in der Wasserkirche gewesen ist, wo die alte Bibliothek der Stadt in zwei Galerien eingebaut steht und mit den alten Ölbildern an den Wänden gleichsam das Uhrwerk ihrer geistigen Geschichte darstellt, wird der stille Saal für ihn ein Raum mancher heimlichen Feier. Von hier aus beginnt er mit Stolz nach den Männern zu sehen, die zum Ruhm und Vorbild der Bürgerschaft leben, und wenn er nun den greisen Bodmer daherkommen sieht, fühlt er: es ist mehr als ein Professor der helvetischen Geschichte, es ist der Geist dieser tapferen Geschichte selber, der unter seinen buschigen Augenbrauen in die Gegenwart blitzt.
16.
In dieser Zeit fängt Heinrich Pestalozzi auch an, Kameraden zu bekommen; er ist den Wunderlichkeiten des alten Babeli entwachsen, und so sehr die Gute schilt, wenn seine Kleider bei einer unnützen Kletterei an der Stadtmauer oder sonst Schaden genommen haben: er ist zu lange in ihrer Stubenhaft gewesen, um nicht mit Ausgelassenheit die Freiheit solcher Streifereien zu genießen. Sogar reiten lernt er, als wieder einmal der Vetter Weber aus Leipzig für einige Zeit in Zürich auf Geschäften ist und ihm eins von seinen Rossen leiht. Es geht ihm immer noch wie damals bei dem Großvater in der Kalesche, er kann nicht mit dem Gaul übereinkommen, hält sich an den Zügeln fest, als ob es Rettungsseile wären, und macht das arme Tier einmal am Hottinger Pörtchen so wild, daß es auf der Holzbrücke anfängt, Männchen zu machen, und ihn beinahe über das Geländer in den Stadtgraben hinunter wirft. Schon läuft der Torwächter erschrocken hinzu, und die Spaziergänger flüchten sich; irgendwie aber bleibt er doch noch im Sattel hängen, das Pferd zieht es vor, den Stall zu suchen, und er widerstrebt ihm nicht, obwohl er dabei seine Mütze verliert und nicht gerade eine Reiterfigur macht.
Schlimmer geht es ihm jenes Mal, als er an einem Sonntagnachmittag mit einigen Kameraden in einem Weidling nach Wollishofen hinausgerudert ist und nachher wieder heim will. Sie sind nach Knabenart laut gewesen, haben Schweizerlieder gesungen und in dem schwanken Schiff ihre Katzbalgereien gehabt, als ob ihnen garnichts Schlimmes begegnen könnte. Beim Einsteigen aber, als sie noch mitten im Gelächter sind, kommt er mit dem einen Fuß nicht vom Landungssteg los, während er den anderen schon auf den Rand gesetzt hat. Durch den Ruck weicht das Schiff unter ihm fort, bis seine Beine zu kurz für die Spannung sind und er kopfüber in den See kippt. Er kann nicht schwimmen; das Wasser ist ihm immer unvertraut gewesen, und nur dadurch, daß die andern ihm schnell das Ruder hinhalten, als er mit zappelnden Armen hoch kommt, ertrinkt er nicht. Sie schleppen ihn daran wie einen gefangenen Fisch gegen das Ufer zurück, wo sie ihn diesmal mit größerer Vorsicht ins Boot holen wollen. Er mag aber nicht mehr, verschlägt sich unter den Scherzen der andern seitwärts an eine durch Büsche geschützte Uferstelle und trocknet da seine Kleider in der Sonne. Das dauert einige Stunden, während die andern wieder ihre Tollheiten in dem Kahn machen und ihn schließlich, seine Feigheit verhöhnend, im Stich lassen. Daß seine Kleider naß geworden sind, macht ihm nichts aus bei der Sonne; auch ist er so rasch wieder oben gewesen, daß er gleich mit den andern dazu gelacht hat: nun er aber allein so am Wasser sitzt, das auf eine gierige Art ans Ufer schwappt, fängt das Erlebnis an, ihn schwermütig zu machen. Er hat, als er untersank, für einen Augenblick die Augen der Mutter dicht vor den seinen gesehen, und den Großvater dahinter, wie er ihm die Hand auf die Schultern legte: nun hört er das übermütige Geschrei der Knaben vom See und kann nicht begreifen, daß er selber dabei war. Es wäre nichts als ein unnützer Knabe gewesen, den das Wasser an ihm verschluckt hätte; weil aber nichts so heftig in seiner Seele aufbegehrt als der Ehrgeiz, sich selber wert zu halten und es den großen Männern seiner Stadt einmal gleich zu tun, werden für Heinrich Pestalozzi die beiden Nachmittagsstunden, während er am See bei Wollishofen in der Sonne sitzt, zu einem Selbstgericht, wo ein beschämter Jüngling die Kleider halbtrocken wieder anzieht, die sich der Knabe naß vom Leib gerissen hat.
Stärker als damals in Höngg vor der Tür des Ernst Luginbühl ist das Gefühl eines eitlen und selbstgefälligen Daseins in ihm. Mit all seinem Selbstbewußtsein, mit seinen Vergangenheitsträumen und spintisierten Taten ist er doch nur ein Schüler, nach dem niemand fragt, als die, denen er mit seinen Großsprechereien zuleide ist. Seine Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit der Lehrer, wenn der Kantor betrunken in die Singstunde kommt oder der Provisor Weber — der selbe, der sich einmal eine Laus vom Kopfe nahm und ihm auf dem Papier zerknickte — dem Ludwig Hirzel vom Schneeberg ein paar Fehler übersieht, weil dessen Eltern ihm eine Metzgeten ins Haus geschickt haben; sein ganzes Weltverbesserertum setzt er nun gegen die Unfähigkeit, mit sechzehn Jahren sich selber und seine Kleider in Ordnung zu halten oder einen Heller zu haben, den er seiner Mutter nicht abgebettelt hat, als ob die ganze Schöpfung nur da wäre, einem Schulknaben nach seinen Einfällen und Sinnen gefällig zu sein.
Freilich, als er dann sucht, wie er seine unnützen Beine unter dem Tisch der Mutter fortbringen könne, findet er nichts als die Kaufmannschaft, dahinein sie schon im Frühjahr nicht ohne Tränen den Johann Baptista getan hat. Ihr zuliebe muß er die Schule durchhalten; so ist es unvermutet doch wieder der Zirkel solcher unnützen Schülerschaft, darin er seine Jugend gebunden sieht. Trotzdem, als er im späten Nachmittag allein gegen Zürich geht, fröstelnd von den nicht völlig trockenen Kleidern, ist es ihm, als ginge er nun wirklich in den großen Schritten des Vaters, die er als kleiner Knabe so gern versucht hat. Er mochte sich kein Gelöbnis geben, und auch diesmal sind die Kreise seiner Gedanken gleich dem Ringelspiel um die Steine verlaufen, die er draußen in den See warf: doch geht eine Sicherheit mit ihm, als läge sein unnützes Knabentum noch mit den Kleidern auf einem Häufchen im warmen Uferschilf. Weil aber doch für einen Augenblick der Tod an seine Natur gerührt hat, ist die heimliche Lust des Lebens in ihm, die — wie er danach noch tiefer erfahren soll — durch nichts so sehr als durch das Grauen des Todes angeregt wird.
17.
Heinrich Pestalozzi ist im Januar siebzehnjährig geworden, als er zum Frühjahr ins Collegium Carolinum eintritt. Er weiß, daß er für keinen schlechten Kopf gilt, wenngleich er bis zuletzt als ein unordentlicher und zerstreuter Schüler gescholten worden ist: nun liegt die Zeit der Abrichtung hinter ihm, und er steht als Student zu Hause wie vor den Mitbürgern mit dem Stolz da, endlich auf die Wissenschaften selber zu zielen. Wo Bodmer helvetische Geschichte lehrt und Breitinger außer den alten Sprachen Philosophie, da hat die Schulmeisterei ihr Ende; das sind Männer, um die er Zürich von halb Europa beneidet weiß, und zu denen weither die Berühmtheiten angereist kommen. Namentlich Bodmer mit seiner vaterländischen Begeisterung, der auch als Mitglied des großen Rates in Zürich selber in die Regierung eingreift, ist das Ziel seiner Verehrung. Der ist damals noch nicht der schrullenhafte Greis, trotz seiner fünfundsechzig Jahre behend und rasch mit der trefflichen Rede. Unter seinen Zuhörern zu sitzen, bedeutet für Heinrich Pestalozzi, in die geistige Gemeinschaft seiner Stadt eingetreten zu sein; und als es ihm zum erstenmal gelingt, einige Worte mit ihm zu sprechen, erzählt er nachher der Mutter und dem Bärbel glückselig von der Begegnung. Die Mutter, wie immer, hört mit leiser Trauer zu; das Bärbel aber, das nun schon vierzehnjährig mit seinen Italieneraugen ein zärtliches Kind vorstellt, ist stolz auf den großen Bruder.
Heinrich Pestalozzi spürt seit dem ersten Tage, daß ihm die Zeitumstände einen günstigen Wind in sein Studium bringen; tagtäglich kann er neue Segel aufziehen, und wenn er sein Lebensschiff in dieser ersten Studentenzeit aufmalen könnte, wäre es von der Mastspitze bis zum Steuer bewimpelt.
Aus Frankreich ist die Nachricht von einem Buch gekommen, das einen Schweizer, den Genfer Uhrmacherssohn Jean Jacques Rousseau, zum Verfasser hat und im Auftrag des Parlaments in Paris vom Henker zerrissen und verbrannt worden ist; auch der Magistrat in Genf hat das Buch verdammt, und so gibt es wenige, die seinen Inhalt wirklich kennen. Aber als ob aus den Flammen des Henkers Funken fortgeweht wären, nistet sich der Brand allerorten ein, sodaß die Wirkung des »Emil« — wie das Buch heißt — ihm in hitzigen Gesprächen vorausläuft, besonders da, wo die übrigen Schriften des welschen Schweizers seine Naturreligion schon verbreitet haben. Heinrich Pestalozzi kann nicht daran denken, so bald ein Exemplar dieses Buches zu erhalten, wohl aber bekommt er seine Wirkung zu spüren. Er war eben aus der Lateinschule gekommen, da haben die neun Schweizer, durch Iselin in Basel gerufen, ihre Freundschaftsfahrt nach Schinznach gemacht, die helvetische Gesellschaft zu gründen. Auch ein Zürcher, Hans Kaspar Hirzel, ist dabei gewesen, und obwohl die Gestrengen Herren im nächsten Jahr die Teilnahme an den Verhandlungen in Schinznach als staatsgefährlich verboten haben, weiß er wohl, daß ihrer sieben heimlich dort gewesen sind; und er entsinnt sich noch, mit welchen Augen selbst die Knaben in der Schule davon sprachen, als ob Schinznach ein neues Rütli für die Eidgenossenschaft wäre gegen den gewalttätigen Herrschaftsgeist der einzelnen Kantone. Und nun kommt der Tag, wo der alte Bodmer das Licht öffentlich aufsteckt, das bis dahin nur mit Tüchern verhüllt heimlich von Haus zu Haus getragen worden ist; wo er als der einzige in Zürich, der die Geltung und den Freimut zugleich besitzt, dergleichen zu wagen, die helvetische Gesellschaft zur Gerwe einrichtet.