37.
Heinrich Pestalozzi hat auch die Frühjahrsbehandlung der Krappkultur erlebt, und seine Lehrzeit geht zu Ende; aber noch immer fehlt ihm das Jawort aus dem Pflug, sodaß er von dem zukünftigen Gut nicht mehr als den Hausschlüssel der Liebe in den Händen hält. Um ihren Eltern einen andern Begriff von dem schwarzen Pestaluz zu geben, schreibt er der Anna eine für fremde Augen geeignete Darlegung seiner Pläne mit scharfsinnigen Berechnungen der Rentabilität, wie er gleich seinem Lehrer Tschiffeli Ödland ankaufen und zur Krappkultur instand setzen wolle; nur zwanzig Jucharte, davon fünfzehn dem Krapp und fünf der Gärtnerei dienten. Artischoken, Spargel, Cardiviol und anderes Feingemüse im großen zu gewinnen und teilweise erst im Frühjahr — nach einer neuen Art der Überwinterung — mit doppeltem Abtrag zu verkaufen, dagegen keine Wiese, keine Äcker, keine Reben und wenig Vieh zu haben: das solle die nährende Grundlage seiner Landwirtschaft sein, daraus er genügenden Unterhalt zu finden glaube!
Es ist alles wie für eine Doktorarbeit durchgedacht; aber die praktischen Eltern im Pflug sehen den Scharfsinn auf die Mitgift ihrer Tochter gegründet und sind weniger als je geneigt, damit in ungewisse Projekte einzutreten; sie halten in den Dingen des Erwerbs praktische Hände für wichtiger als Ideen und finden in solchen Projekten nur den Bessermacher aus dem Roten Gatter, dem sie die Mitgift mit einem glatten Nein zudecken, in der Hoffnung, daß ihnen dann auch die Tochter bliebe.
So kommt Heinrich Pestalozzi im Frühsommer als ein von Sonne und Regen gebräunter Landwirt ohne Land nach Zürich zurück; auch seine Hoffnungen auf die wohlhabende Tante Weber in Leipzig erfüllen sich nicht; der Doktor Hirzel verschafft ihm zwar die Aussicht, das Pachtgut der Johanniter in Bubikon zu übernehmen, doch geht ein so weitschichtiger Betrieb über seine Kräfte. Verdrießlich an dieser Ungewißheit und weil es regnet, steht er eines Tages unter den Lauben, als ihm jemand die Hand auflegt; wie er umsieht, ist es der Pfarrer Rengger aus Gebistorf bei Brugg, den er aus seiner Kollegienzeit kennt. Der fragt ihn aus nach seiner Lehrzeit bei Tschiffeli, und als dabei der Grund seiner Verdrießlichkeit zutage kommt, spricht er scherzend von dem Birrfeld bei Brugg; dort habe man vor kurzem noch steinichte Äcker umsonst ausgeboten: wenn er etwa bei dem Hexenmeister in Kirchberg die Kunst gelernt habe, aus Steinen Brot zu machen, fände er dort Feld genug.
Er hat nur einen spöttischen Scherz machen wollen; aber Heinrich Pestalozzi nimmt den Vorschlag ernst und ist gleich eifrig dabei, Näheres zu wissen. Da dem andern nicht mehr als der allgemeine Verruf des Birrfeldes bekannt ist, führt er ihn von der Gasse weg ins Weiße Rößli am See, wo er sich — um einer geistlichen Tagung willen in Zürich anwesend — mit dem Pfarrer Fröhlich aus Birr und andern Kollegen abgesprochen habe. Der weiß genauer zu berichten: daß im ganzen fünf Gemeinden an dem Birrfeld teil hätten, daß es vielleicht mehr als andere Gegenden an der Mißwirtschaft des Weidganges leide, aber durchaus nicht nur ein wüstes Heideland sei, wie es verschrien wäre. Er rät Heinrich Pestalozzi, als er seine Absichten hört, ernsthaft zu einer Besichtigung, und da ihn nun auch Rengger freundschaftlich einlädt, springt er mit beiden Füßen in den Plan ein; um so mehr, als der Pfarrer Fröhlich von einem burgähnlichen Gebäude in Müligen an der Reuß spricht, seit altersher der Turm genannt, das mit Scheune, Stall und Garten zu mieten wäre.
Noch in derselben Woche ist er nach Gebistorf unterwegs; er findet das Birrfeld als eine stundenweite Hochfläche, die zur Reuß mit steilen Waldhängen abfällt und sich in steinichten Halden gegen das Kalkgebirge des Kestenbergs hebt, auf dem das alte Schloß Brunegg steht. Von einem mit Kiesgeröll gemischten Moder bedeckt und an vielen Stellen sumpfig wie ein altes Seebecken, ist sie mit Wacholder und kleinen Tännchen bestanden und bietet den Anblick einer Heide, obwohl sie da, wo sie wirklich bebaut ist, garnicht so üble Felder zeigt. Namentlich aber gefällt ihm die Wohnung in Müligen; mit Efeu dicht berankt und unter Bäumen am Hügelabhang sonnig gelegen, scheint sie ihm wohl geeignet als Nest für sein kommendes Glück. Sie gehört einer begüterten Familie in Brugg, und er beeilt sich, sie für vierzig Gulden jährlich zu mieten. Der heimlichen Liebsten kann er nur in Briefen blühende Schilderungen davon machen; aber seine Mutter kommt bald auf einem Wagen, das Nest mit einem Bett und dem nötigsten Hausrat einzurichten. Es wird anders mit ihren Söhnen, als sie gehofft hat: der eine tut als Kaufmann nicht gut, und der andere hat mehr als ein Dutzend Jahre die Schulbänke gedrückt, um die Weltverlassenheit dieser Bauernschaft als sein Glück zu preisen. Sie vermag bei seinen Freudensprüngen nicht mehr zu lächeln und sieht über die Stundenweite des Birrfeldes mit einer trostlosen Wehmut hin. Dies wird einmal ein einziges Gartenfeld sein! sagt Heinrich Pestalozzi und begreift die ärmlichen Dörfer des Landes in einer großmächtigen Armbewegung. Sie zieht das schwarze Witwentuch um ihre schmächtige Gestalt, als ob sie fröre; doch als er sie dann fast knabentrotzig fragt, ob sie es nicht glaube? weht ihr ein Lächeln alles Trübe fort aus dem blassen Gesicht: Wie soll eine Mutter anders als gläubig zu ihren Kindern sein!
38.
Jeden Morgen steigt Heinrich Pestalozzi den steinichten Hügelweg hinauf, das Birrfeld wie ein Eroberer zu durchqueren; die Mutter hat ihm einen Rest des väterlichen Vermögens mitgebracht, den sie zur Not entbehren kann, und so kann er auf eigenen Landerwerb ausgehen. Er findet die besten Plätze bald in den Hummeläckern, die ziemlich mitten im Birrfeld liegen und zu der Gemeinde Lupfig gehören. Die Üppigkeit einiger Kirschbäume gibt ihm Gewißheit, daß der verwahrloste Boden mit guter Düngung bald ertragreich zu machen wäre, und rasch entschlossen wendet er siebenundfünfzig Gulden an, sich vier bis fünf Jucharte davon zu kaufen, die er mit allem Eifer seiner gelernten Künste aus einem Mergellager am Kestenberg aufbessern will. Darüber aber kommt er bei den Leuten der Gemeinde auch schon ins Gespräch als Herrenbauer, und mehr als einer hört die ungewohnte Geldquelle gegen seine Äcker rinnen. Als er darauf mit weiteren Ankäufen zögert, fangen die bäuerlichen Listen an, sich mit Wegerechten, Weidgang und andern Vorwänden drückend zu machen, sodaß er wohl oder übel zu höheren Preisen kaufen muß.
In diesen Schwierigkeiten, die ihn allein befallen, weil seine Mutter wieder nach Höngg zum kranken Großvater gerufen ist, geht er eines Nachmittags verdrießlich nach seinem Turm zurück, als ihn ein Mann mit seinen Wägelchen einholt und aufsteigen heißt, da er gleichfalls nach Müligen führe. Er hat den Mann auf seinen Gängen schon mehrmals angetroffen, und weil ihn die Mißlichkeiten müde und unlustig zum Gehen gemacht haben, nimmt er das Angebot gern an. Unterwegs holt ihn der andere beiläufig aus, ob er auf seinem Hummelacker zu bauen gedächte, und als er das bejaht: ob er denn Wasser habe? Warum er nicht weiter aus dem Birrfeld hinaus, etwa da oben in den Letten baue? Da habe er Quellen genug, brauche sich mit keinem Anlieger herumzuschlagen und sei Herr auf seinem Boden. Billiger als da unten sei das Land sicher, wo auch sonst die Lupfiger keine günstige Nachbarschaft wären.
Heinrich Pestalozzi weiß, daß der Mann, den er von seinen Gängen her als einen Metzger und Wirt aus Birr mit Namen Märki kennt, wohlhabend und durch seine Geschäfte bewandert in allen Verhältnissen der Gegend ist. Irgendwie fällt ihm das Wort Bluntschlis von dem Ratgeber ein, und da ihn der Mann im Sprechen auffällig an seinen Lehrmeister Tschiffeli erinnert, nur daß er genau so drastisch in seinen Ausdrücken wie jener vorsichtig ist, sieht er ihn prüfend von der Seite an und nicht unlustig, seine Dinge mit ihm zu besprechen. Der aber scheint von dem Gespräch genug zu haben, kutschiert gleichmütig darauf los, bald hier bald dort mit dem Peitschenstiel auf eine Merkwürdigkeit deutend, sodaß Heinrich Pestalozzi fast bedauert, als sie hart bremsend den letzten gewundenen Abstieg nach Müligen hinunter fahren. Eine Einladung, bei ihm für einen Augenblick abzusteigen, nimmt der Mann nicht an, da er es wegen der Dunkelheit eilig habe. Bald sieht er ihn denn auch wieder den Weg hinauf kutschieren, rüstig zu Fuß, das Pferd am Zügel führend.