Schon am andern Tag macht er einen Weg in die Letten hinauf; er findet den Boden mit vermodertem Kalkgestein durchsetzt, das vielfach auch mit einem beinernen Glanz zutage liegt: Hier ist wirklich Ödland, aber wo der Hang ins ebene Feld ausläuft, doch wieder guter Boden, vor allem aber ist reichlich Wasser da, und die abseitige Lage lockt ihn besonders. Als er bis an den Waldrand hinaufgegangen ist und von da unter einem Nußbaum über das stundenweite Birrfeld hinsieht — stärker als je in dem Traum, es von hier aus stückweise zu erobern und ein Gartenmeer daraus zu machen, das Wohlstand in all die ärmlichen Dörfer rundum verbreiten soll — hört er hinter sich seinen Namen rufen, und als er umsieht, steht der Märki dort und winkt ihm. Augenscheinlich will er nicht gesehen werden, und so steigt Heinrich Pestalozzi zu ihm hinauf in den Wald. Der selbe Mann, der gestern gleichmütig war, scheint heute wütend: falls er etwa die Absicht habe, hier zu kaufen, so möge er sich selber das Geschäft nicht verderben, indem er hellen Tags hier herumlaufe! Bauern seien Bauern: wenn er, der Märki, etwa hinginge und ihnen bares Geld für einen Acker brächte, wären sie noch so froh; so aber der Herrenbauer käme, glaube jeder gleich das große Los zu spielen. Er wolle sich mit diesem Beispiel nicht etwa aufdrängen, er habe hier nur zufällig einer Klafter Kleinholz nachgehen wollen, die überm Winter vergessen worden sei. Da er ihm aber nun einmal den Rat gegeben habe, möge er natürlich nicht, daß er dabei zu Schaden käme und ihm schließlich noch Vorwürfe mache!
Nichts für ungut, sagt er dann wieder höflich, als er das alles mit rotem Kopf mehr geschimpft als gesprochen hat, lüpft an seiner Kappe und geht davon, gefolgt von einem Metzgerhund, der sich faul aus der Sonne aufhebt. Heinrich Pestalozzi bleibt wie ein gescholtener Schüler zurück, doch ist er dem Mann dankbar; wenn er an die Tagelöhner in Lupfig denkt, daß nie einer ein richtiges Wort aus den Zähnen läßt und jeder an seinem Mißtrauen würgt, irgend einen Vorteil zu verlieren, so ist dies doch von der Leber gesprochen. Er folgt seiner Weisung, geht nicht über Birr, sondern im Bogen durch den Wald gegen die Hummeläcker, wo ihm nun nichts mehr gefällt, sodaß er seine Pläne umdenkend nach Müligen heimkehrt. Noch am selben Abend schickt er dem Märki eine Botschaft nach Birr hinauf, und nun wird es rasch ein anderes Geschäft für ihn: in knapp acht Tagen hat er durch den gewandten Unterhändler zehn weitere Jucharte dazu gekauft, nicht übles Land, noch in der Ebene gegen den Letten gelegen, sodaß er einen guten Platz für sein Haus, einen Brunnen dazu und Land genug besitzt, um seine Plantage zu beginnen. Daß die nun in zwei Stücken auseinander liegt, die Hummeläcker mitten im Birrfeld und das andere eine gute halbe Stunde weiter hinauf am Letten, beunruhigt ihn ebensowenig wie der doppelte Preis: auch Tschiffeli hat so zerstreut Boden fassen müssen, und schließlich ist doch alles ein großer Besitz geworden. Seitdem er den Metzger Märki als Ratgeber hat, fehlt es ihm nicht mehr an Zutrauen, daß auch sein Traum gelingt. Denn daß er selber in die Hände eines Mannes geraten ist, der vieles zu sich heranbiegt, um daraus nichts als seinen Nutzen zu haben — was unter Kaufleuten die einzige Moral ist — während er sich selber einen Nutzen immer nur erträumt, um eine Quelle des Wohlstandes für die andern zu sein: das soll er noch erst erfahren.
39.
Über dem ist der Herbst gekommen und weht Heinrich Pestalozzi die dürren Blätter vor die Haustür; die Singvögel ziehen der scheidenden Sonne nach, und abends steigen die Nebel kalt aus der Waldschlucht, darin die Reuß ihr spärlich gewordenes Wasser der Aare zuführt: nach dem Sommer mit der sonnigen Fülle seiner langen Tage kommt der Winter, der die Menschen in den Kreis der Lampe drängt. An der seinen war das Messing blank, als Anna sie schenkte: aber ihre Hände sind nicht da, es zu putzen. Nicht einmal ein Stück Vieh steht im Stall, und Heinrich Pestalozzi, der doch ein Stadtkind und gewohnt ist, über seine Dinge zu sprechen, sitzt Abend für Abend allein in seinem Turm. Die Mutter kann nicht mehr kommen, weil der Großvater sie wieder nach Höngg gefordert hat; und dem Bärbel war es bald zu grauslich zwischen Wald und Wasser. Seit seinem heimlichen Verlöbnis ist mehr als ein Jahr verstrichen, Anna hat im Sommer schon ihren dreißigsten Geburtstag erlebt, und immer noch steht die Weigerung der Eltern vor der gemeinsamen Zukunft. Die Melancholie der Einsamkeit läßt ihren bitteren Saft in seine Stunden fließen, und andere Briefe flattern nach Zürich, als sie aus Kirchberg gingen. Einigemal reist er selber hin, auch nach Brugg kommt er Samstags, die Schaffhäuser Zeitung zu lesen: aber es ist eine tote Zeit für Heinrich Pestalozzi, da er zum erstenmal den einsamen Winter des Landmanns wirklich zu spüren bekommt.
Noch im Spätherbst haben auf einer Spazierreise zu Pferd einige Freunde aus Zürich bei ihm angeklopft, um sich den Scherz eines Besuchs bei dem Einsiedler von Müligen zu machen; sie waren überrascht, alles so heimelig bei ihm zu finden — das Bärbel war gerade da — und namentlich der Johannes Schultheß aus dem Gewundenen Schwert, dessen Vater Bankgeschäfte macht, zeigte für seinen Plan viel Aufmerksamkeit. Er hat ihm unterdessen mehrmals geschrieben und ist tatsächlich auch bei seinem Vater nicht untätig geblieben; als endlich das letzte Schneewasser mit hundert Bächen die Reuß braun färbt und die ersten vorwitzigen Singvögel den Sonnenschein prüfen, geht Heinrich Pestalozzi in der Entschlossenheit eines Verschwörers nach Zürich, mit dem Bankherrn in eine Geschäftsverbindung zu kommen. Es dauert zwar noch ziemlich eine Woche, und er muß sich manche Laune des aufbrausenden alten Herrn gefallen lassen; aber der Sohn läßt nicht locker, und schließlich kommt eine Abmachung zustande, daß der Bankiers mit einem Einsatz von fünfzehntausend Gulden allmählich in seine Pflanzung eintreten will und ihm gleich ein Drittel dieser Summe als Kredit eröffnet.
Damit steht Heinrich Pestalozzi vor den Kaufmannsleuten im Pflug als einer ihresgleichen da, und als er aus dem Gewundenen Schwert an die Limmat hinaustritt, seinen Kreditbrief in der Hand, wagt er damit auch den zweiten Gang. Er findet aber niemand zu Haus als den Bruder Salomon, da die Eltern mit Anna nach Wollishofen hinaus gegangen sind; das ist ein bequemer und weichlicher Mensch, der mit seinem Doktorstudium nicht fertig wird und den Schwarmgeist aus dem Roten Gatter wie eine Brummfliege haßt: er steht nicht einmal auf von der Polsterbank, und als ihm Heinrich Pestalozzi seinen Kreditbrief zeigt, spöttelt er, die Schwester sei ihnen kostbarer als solch ein Stück Papier. Auch Anna, die er am Abend für eine Stunde sieht, vermag ihm keine bessere Hoffnung zu geben, da die Mutter unversöhnlich sei und der Vater nichts gegen sie vermöchte. So muß er andern Nachmittags doch wieder ohne Braut in das Limmatschiff steigen.
Vorher ist er noch einmal nach Höngg hinaufgegangen, wo sein Freund Wüst als Vikar das Pfarramt versieht, dessen Würden der Großvater nur noch in seiner Studierstube zu tragen vermag. Er ist mit seinen sechsundsiebzig Jahren ganz wunderlich geworden, schüttelt zu allem, was er ihm sagt, nur den leeren Kopf, als ob er genug von den Dingen der Erde gehört habe. Erst wie er Abschied nehmen will und die zittrige Geisterhand in die seine nimmt, hebt er den anderen Zeigefinger, ihn zu vermahnen, läßt aber gleich wieder ab und schüttelt von neuem den Kopf, sodaß Heinrich Pestalozzi nichts vermag, als weinend seinen Mund auf die kraftlosen Hände zu legen.
Im Juli danach ist er tot; Heinrich Pestalozzi erhält die Nachricht so spät, daß er das Leichenbegängnis nicht mehr erreicht; wie er nach der langen Postfahrt den Berg hinauf hastet, kommt ihm auf der Straße still weinend Anna Schultheß entgegen, die außer dem Willen ihrer Eltern mit auf den Kirchhof gegangen ist und nun nach Hause will. Ihr so unvermutet auf dem Berg seiner Jugend zu begegnen, das reißt ihn hin; und auch sie ist durch das Ereignis so bewegt, daß die beiden sich aller Augen zum Trotz weinend in die Arme fliegen. Nachher gehen sie Hand in Hand nach Höngg zurück, wo unter den leidtragenden Amtsgenossen des verstorbenen Dekans noch die Mutter mit dem Bärbel ist. Heinrich Pestalozzi läßt auch da die Hand der Geliebten nicht los, und sie sträubt sich nicht, sodaß sie wie zwei Kinder an den frischen Grabhügel kommen. Beide entsinnen sich da des Grabes, das ihre Freundschaft zusammen führte; aber während er sie nun losläßt und weinend niederkniet, bleibt sie aufrecht und verharrend bei ihm stehen, bis sein Blick sie wiederfindet. Dann gibt sie ihm die Hand zurück, und weil er seiner Füße nicht geachtet hat, kommt es so, daß sie zu beiden Seiten des Grabes stehen, über dem ihre Hände sich für immer geschlossen halten.
40.
Seit dieser Begegnung in Höngg müssen die Kaufmannsleute im Pflug einsehen, daß nichts mehr ihre Tochter vor dem schwarzen Pestaluz bewahren kann. Als nacheinander seine Freunde Füeßli und Lavater — der nun schon Diakonus ist — sich um die Liebenden bemühen, als der wohlhabende und angesehene Doktor Hotz von Richterswil als Freiwerber für seinen Neffen erscheint und mit dem Antistes Wirz selbst der Bürgermeister Heidegger ein Wort für die Heirat findet, schickt sich die Mutter grollend in die Gewalt und gibt die Tochter frei; jedoch nur sie selber, ohne Aussteuer, allein die Kleider, ihren Sparhafen und das Klavier darf sie mitnehmen. Heinrich Pestalozzi kommt mit einem Wagen von Brugg, sie abzuholen; er hat sich den Tag anders gedacht, als daß er sie gleich einer Verstoßenen wegführen müsse. Der Zunftpfleger ist aus dem Hause gegangen, den Auftritt nicht zu erleben; die Mutter empfängt ihn ohne Gruß wie einen Landfahrenden und gibt der Tochter den zornigen Spruch mit, daß sie bei ihm noch einmal mit Brot und Wasser zufrieden sein müsse! Aber Anna verhält sich tapfer und schön; sie fühlt nun andere Mächte über sich als die elterliche Gewalt, und obwohl sie ihr Gesicht blaß geweint hat, steht keine andere Sorge darin, als der Mutter nicht hart zu begegnen.