Es fällt ein leichter Frühregen, wie sie durch die Sihlporte hinaus auf der Straße nach Alstetten ihren Auszug beginnen; Heinrich Pestalozzi hat die Geliebte eben noch in der Wohlhabenheit ihres Hauses gesehen, die nun fröstelnd in der kühlen Nässe neben ihm auf dem ärmlichen Fuhrwerk sitzt: so überkommt ihn die Wehmut, wie traurig es für sie sein müsse, die Heimat so zu verlassen und mit ihm ins Ungewisse zu fahren. Sie aber, die alles schon durchlebt hat, was bitter daran ist, sieht nicht ein einziges Mal zurück; sie nimmt nur, als sie seine Gedanken fühlt, mit einem tapferen Lächeln seine Hand — die nun ihre Heimat sei — und in ihren Augen, die nicht dunkel und voll Unruhe wie die seinen, sondern hell und ruhig sind, steht der geklärte Entschluß aus harten Monaten, treu zu beharren bei ihrem Herzen und dem Schicksal alles zu bezahlen, was es für die späte Liebe fordert. So Hand in Hand beieinander auf ihren Siebensachen sitzend, fahren sie durch den Herbsttag hin, der schon bei Alstetten zwischen aufgeregtem Gewölk ein blaues Auge zeigt und gegen Baden die Sonne zärtlich scheinen läßt.

Bis zur Hochzeit bleibt Anna Schultheß bei dem Pfarrer Rengger in Gebistorf, der auch der Freund ihres Bruders ist; dort in der alten Dorfkirche werden sie am letzten September getraut. Nachher gehen sie miteinander nach Müligen, wo ihnen das Babeli ein einfaches Mahl bereitet hat und mit einem bäuerlichen Spruch für die junge Frau unter der bekränzten Haustür wartet. Anna dankt dem treuen alten Wesen mit einem Kuß auf die runzelige Stirn und heißt es mit in ihrer Reihe sitzen, wie sie Heinrich Pestalozzi leise sagt, als Ehrengast. Der sieht die Braut allein von ihrer Sippe in der Mitte der Seinigen, als wäre er noch immer zu Haus; aber es sind andere Räume, und unmerklich ist in seinem Leben die Anna Schultheß an die Stelle der Mutter gerückt. Sie sitzen nebeneinander, die ihn geboren hat und die ihm Kinder bringen soll; es scheint ihm, als wären sie Schwestern, so ähnlich sind sie. Das ist so stark, daß ihm die beiden auf einmal entfremdet scheinen, weil er die eine nur als Mutter gekannt hat und staunend fühlt, wie unbekannt ihm ihre Frauenwelt war; in diese Frauenwelt aber ist die andere nun durch ihn eingefordert worden. Da fühlt er tief, daß menschliches Glück nicht in der Erfüllung der eigenen Wünsche bestehen könne, weil ein Mensch mit seinen Wünschen im Gefängnis einsamer Dinge bliebe. Nur, wessen Seele in andere Seelen einginge, könne aus der Enge seines zufälligen Daseins ins Leben kommen!

41.

Als Heinrich Pestalozzi Anna Schultheß aus ihrem wohlhabenden Stadtbürgertum in seine bäuerliche Einsamkeit holt, ist sein Besitz auf neununddreißig Jucharte angewachsen, die meist im steinichten Letten am Fuß und Abgang des Kestenbergs liegen. An die geplante Gärtnerei kann er nicht denken, solange er selber noch so weit entfernt von seinen zerstreuten Ländereien in Müligen wohnt; so beginnt er auf dem Hummelacker wie auf den unteren Feldern im Letten seine Krappkultur und sät die minderen Flächen vorerst mit Esparsette an, weil er weiß, daß dieser Futterklee auch auf steinichtem Boden gerät und das Land für anderen Anbau fruchtbar macht: das eifrigste seiner Geschäfte aber ist der Plan eines eigenen Wohnhauses, das den zerstreuten Besitz erst zu einem Gut machen muß, und mancher glückliche Herbstgang mit der tapfer erkämpften Lebensgefährtin gilt der Bestimmung des Platzes, wo sie als Hausfrau seiner Besitzung walten soll.

Auch was hierbei wehmütig ihre Schritte begleitet, daß ihr das eigene Elternhaus feindlich versperrt sei, erfährt bald eine unvermutete Wendung: ihrem Vater, dem Zunftpfleger zur Saffran, ist augenscheinlich die Trennung von seiner einzigen Tochter das eigentliche Ärgernis an ihren Heiratsplänen gewesen — um so mehr, als er mit den Söhnen nicht aufs beste steht und oft Verdruß mit ihnen hat — und auch die Mutter sieht nach der Trennung ein, daß es besser sei, eine Frau Pestalozzi als gar keine Tochter mehr zu haben. Nicht länger als zwei Monate hält ihr gekränkter Bürgerstolz der Sehnsucht stand, dann kommen Briefe nach Müligen, die deutlich nach einer Aussöhnung verlangen; und eben will der Winter das einsame Paar einschneien, als eine Einladung erscheint, den vorenthaltenen elterlichen Segen zu holen, damit Weihnachten keinen Unfrieden mehr in der Familie fände. Mitte Dezember schließen sie frühmorgens in dunkler Kälte die Haustür in Müligen ab und sind abends miteinander im Pflug, wo die Rührung des Wiedersehens die verlegene Erinnerung an die lange Zwietracht im ersten Augenblick zudeckt und danach rasch ein so erträgliches Verhältnis entsteht, daß sie statt der gewollten drei Tage bis über Weihnachten bleiben. Es kommt nun doch noch zu den verwandtschaftlichen Besuchen; die Mutter Pestalozzi erscheint im Pflug, und die Zunftpflegersleute bemühen sich zum Essen ins Rote Gatter, wo die geborene Hotzin sie mit den Formen ihrer Jugend empfängt. Auch sonst gehen die jungen Leute den Fäden ihrer Freundschaften nach, und der heilige Abend kommt als der Schlußpunkt fröhlicher Festwochen. Um den Übermut zu vollenden, erscheint der Oheim Hotz von Richterswil mit aller Behaglichkeit seines Alters und nimmt sie mit auf eine Schlittenfahrt nach Hegi und Winterthur. Als sie endlich, diesmal im Schiff, aus dem winterlichen Zürich heimfahren, sind sie beschüttet von Segenswünschen und Versicherungen herzlicher Freundschaft; denn der Heinrich Pestalozzi, im Pflug als Tochtermann angenommen, steht anders vor der Welt da als der Wundarztsohn, der mit der Tochter im Unfrieden auf einem Bauernfuhrwerk davongefahren ist.

So hätten sie Anlaß, fröhlich auf dem Wasser zu sein, das von der winterlichen Mittagssonne dampft, und Anna sagt es auch, noch von dem Übermut des Abschieds voll: daß dies erst ihre rechte Hochzeitsfahrt sei. Aber ihre Fröhlichkeit schwimmt nur noch wie das Schiff auf dem dunklen Wasser; und als ihr Heinrich Pestalozzi ins Auge sieht, traurig fragend mit diesem Blick, wie sie das meine, kommt sie unvermutet ein tiefes Weinen an, das er viel eher als den Übermut versteht. Ihm ist aus dem Lärm dieses Mittags schon vorher die Wehmut aufgestiegen, daß sie auf ihrem Wagen damals, den er selber durch den regnerischen Herbsttag lenkte, einander näher gewesen seien, und mehr als dies, daß sie näher am Herzen Gottes gehangen hätten als jetzt auf dieser schaukelnden Schiffahrt, wo sich ihre Hände aus der Zerstreuung so vieler Tage nicht zu finden vermögen.

Erst als sie von Turgi noch unter der mondhellen Sternennacht den langen Weg nach Müligen wandern und kein Wort sprechen, verliert sich Klang und Schaum der überfüllten Tage bis auf den letzten erdigen Rest, der ihnen bitter schmeckt — bis sich noch vor der Haustür Hand und Mund zum innigen Gelöbnis finden.

42.

Andern Morgens im Frühdunkel verläßt Heinrich Pestalozzi das Haus, um noch einmal nach den Feldern zu sehen, darüber er am selben Vormittag in Königsfelden vor dem Landvogt den Kaufvertrag machen will. Auf dem einen steht der breite Nußbaum, unter dem er oft mit seiner jungen Frau gestanden und das zukünftige Besitztum überblickt hat; da soll dann ein schattiger Sitzplatz sein. Es ist kaum hell, als er hinkommt; um so mehr erstaunt er, als Anschläge klingen und gleich darauf ein schwerer Baum krachend niederstürzt; wie er Böses ahnend zuläuft, liegt der Nußbaum auf der Erde, und der ihn gefällt hat, ist der Mann, von dem er den steinichten Acker um dieses Nußbaums willen nicht eben billig kaufen will. Es ist, wie er weiß, ein Tanner — so nennen sie die Tagelöhner im Birrfeld — dem es mit sieben Kindern übel geht und dem er deshalb auf Zureden Märkis auch den geforderten Kaufpreis ohne Abrede zugestanden hat. Da er nur zufällig noch auf den Acker gekommen ist und ihn andernfalls gekauft und bezahlt hätte, macht ihn die Niedertracht des Mannes wütend, sodaß er schimpfend gegen ihn anläuft. Der aber ist selber so im Zorn, daß er die Axt gegen ihn hebt; und als er seinem Frevel dann mit Worten beikommen will — nun kaufe er den Acker überhaupt nicht oder nur um die Hälfte des Kaufpreises — schlägt der Mann die Axt in den Stamm, daß es zischt: das sei ihm beim Leibhaftigen gleich, und nur der Märki habe den Schaden davon! Seine Wirtsschulden würden ihm doch falsch angekreidet, und er bekäme keinen Kreuzer von dem Kaufgeld. Den Baum habe er als Knabe selber gepflanzt und er solle auch keinem andern gehören!

Heinrich Pestalozzi hat schon mehrmals solche Dinge von dem Märki vernommen, und von dem Pfarrer weiß er, daß die Leute um seiner Verbindung mit dem Metzger willen gehässig gegen ihn sind; aber daß der ihn betrügt wie hier, wo er sich den höheren Kaufpreis in seine eigene Tasche gehandelt hat, das ist ihm eine bittere Erfahrung. Er geht traurig von dem Platz fort und läßt dem Märki durch einen Boten sagen: er könne nicht mit ihm fahren, würde aber pünktlich in Königsfelden sein. Als er dann nach einer verstimmten und nicht gradlinigen Wanderung den großspurigen Mann sieht, der auch unter Menschen immer dasteht, wie wenn er gleich zu metzgen anfangen möchte, hat er nicht den Mut, ihm den Handel auf den Kopf zuzusagen, unterschreibt auch den Kaufvertrag trotz dem gefällten Nußbaum — da der Märki die Vollmacht des Tanners vorweist — und ist erschrocken über soviel Verschlagenheit. Nur auf seinen Wagen steigt er auch diesmal nicht, und erst, als der andere ihn augenscheinlich um seiner Verstimmung willen in allerlei Gesprächen aufhält, sagt er ihm sein Erlebnis aus der Morgenfrühe ins Gesicht und läßt ihn stehen. Er hört ihn noch über das Tannerpack schimpfen, als er mit langen Beinen aus seinem Bereich eilt; und kaum ist er eine Viertelstunde unterwegs, da rollt der Wagen schon hinter ihm her. Er denkt nicht anders, als daß der Metzger sein Pferd zornig an ihm vorbeipeitschen würde; aber der läßt es in Schritt fallen, immer neben ihm heran. Ob der Herr Pestalozzi dem versoffenen Lumpenkerl vielleicht auch noch glaube? Dann möge er sich jemand anders für seine Geschäfte suchen: er habe sich weder aufgedrängt noch sei er versessen darauf, für ihn mit aller Welt in Händel zu geraten!