Heinrich Pestalozzi kann nicht antworten, so widerlich ist ihm nun Art und Stimme des Mannes. Er tritt in den Graben und will ihn vorfahren lassen; der Märki aber hält sein Pferd an, wie wenn er ihn anders verstanden habe: er wolle also doch noch aufsteigen? Da merkt er, daß ihn der Metzger nicht loslassen will, und läuft querfeld über den gefrorenen Acker davon, wo ihm das Fuhrwerk nicht folgen kann. Noch von weitem hört er das höhnische Gelächter, und es hallt ihm noch in den Ohren, als er verbittert über sich und seine Händel zum Mittag durch die Haustür in Müligen eingeht. Da will es sein Unglück, daß auch Anna Ärger mit ihrer aufsässigen Magd gehabt hat, sodaß sie beide gereizt am Tisch sitzen. Er will ihr nichts sagen, aber sie fragt, bis seine kargen Antworten ihr doch den Handel verraten. Da legt sie freilich den Löffel hin: ob er den Kauf wirklich gemacht habe? Und als er, nun schon trotzig, ja sagt, entfährt ihr ein hartes Wort. Sofort flammt auch sein Jähzorn auf, und obwohl er innerlich verzweifelt vor ihr kniet, daß sie ihm die Sätze nicht nachtragen möge, bleibt sein hitziges Blut im bösen Streit mit ihr, bis er vom Tisch aufspringt und gegen die Reuß hinunterläuft.
Vor dem emsigen Zorn der Wellen findet er sich wieder, und schon zur Vesper sind sie nach bitteren Tränen der Reue wieder ausgesöhnt: doch bleibt das Weh seiner Scham, daß er sterben möchte und sich danach auch wirklich bis zur Krankheit in die Selbstanklagen vergrübelt. Sylvester feiern sie noch miteinander auf die vorbedachte Art, indem sie an die Armen von Müligen einen Korb Brot verteilen — was als ein Anfang seiner Wohltätigkeit gedacht war, scheint ihm nun ein kläglicher Rest seiner Beglückungspläne — dann legt er sich hin und bleibt fast eine Woche lang im Bett, unfähig vor Fieber und Mutlosigkeit. Es ist längst nicht mehr der böse Tag allein, was ihn quält; es ist die erste Abrechnung mit seinen Plänen und mit sich selber, dem hochmütigen Plänemacher. Die Sehnsucht seiner Jugend hebt sich auf und steht ratlos vor dem Schwall seiner Handlungen in diesem letzten Jahr. Er weiß nicht, wo seine Füße anders hätten gehen sollen; nur daß sie falsch gehen, das fühlt er genau. Gleich Trompeten schreit eine Stimme in ihm, daß er die Forderungen seiner Natur betäubt habe: Was bin ich, und was wird aus mir werden? schreibt er ins Tagebuch seiner Frau, das immer offen vor dem Bett liegt, obwohl sie sich selber darin nicht schont. Und alles, was er als Antwort findet, ist die Verzweiflung, in Irrtum und Unrecht unwichtiger und falscher Dinge verstrickt zu sein; nicht anders, als ob er selber mit der Peitsche im Metzgerwagen des Märki säße und seine Seele über die hartgefrorenen Felder angstvoll davonliefe.
43.
Als Heinrich Pestalozzi wieder aufsteht von seiner Krankheit, ist kein Entschluß aus seinen bitteren Gedanken gekommen; sie sind vergangen, wie nach Unwetter tagelang die Wolken auf den Bergen lasten, als ob sie sich nie wieder heben wollten, und eines Morgens scheint doch die Sonne in eine blanke Welt. Er kann wieder mit Freude an seine Unternehmungen denken, und alle verzweifelten Gedanken daran kommen ihm als bequeme Mutlosigkeiten und als Rückfälle in die unstete Natur seiner Knabenjahre vor; er weiß, daß er in diesem Jahr Vater werden soll, und schämt sich der Unmännlichkeit, die nicht für das Kind und seine Mutter die selbstgewählte Pflicht erfüllt.
Der erste, an dem er sich erprobt, ist Märki; der kommt, das vorgelegte Kaufgeld einzufordern, und ist wieder der schlau beherrschte Mann, der Nachsicht mit den Launen seines Schützlings hat und ihn, wo er sich auflehnen will, die Überlegenheit an Alter und Erfahrung fühlen läßt. Heinrich Pestalozzi begreift sich selber nicht mehr, wie er ihm damals ausweichen konnte: er sagt ihm unverhohlen und ohne Zorn, daß er das andere anweisen, jedoch die Kaufsumme für den Acker um den geschlagenen Nußbaum kürzen müsse, da er ihn hierbei in einer Täuschung gehalten habe. Der Märki will aufbrausen, aber er verweist ihm das gleich so bestimmt, daß der den andern Wind merkt und sich nach mehreren Seitensprüngen um der Freundschaft willen, wie er sagt, zu der Sache bequemt.
Nach einigen Tagen bringt der Baumeister den Plan des Wohnhauses, wie es nach seinen eigenen Angaben sein soll: etwa dreißig Schritt im Geviert mit einem Zeltdach und ganz aus Steinen gebaut; es soll unten am Letten stehen, wo der angeschwemmte Boden als Gartenland geeignet ist, und Neuhof heißen. Der Baumeister hat neben den Aufrissen auch eine Ansicht des Hauses in Farben gemacht; es sieht mehr einer italienischen Villa gleich als einem schweizerischen Bauernhaus, aber gerade das gefällt ihm. Er scherzt, daß er selber ein Italiener wäre, und so oft er das hübsche Bild ansieht, wird der Traum seiner landwirtschaftlichen Existenz daran lebendig: wie er mit seiner Stauffacherin da aus und ein gehen wird, wie unter den Bäumen — die bis jetzt nur auf dem Papier grün sind — Kinder spielen und auf den Feldern rundum fleißige Tanner lohnende Arbeit finden, wie die breit gewölbten Keller sich mit Feldfrüchten füllen, und wie er als ein neuer Tschiffeli der Mißwirtschaft des Birrfeldes aufhielt durch sein Beispiel planvoller Arbeit!
Auch der Baumeister Daniel Vogel, den er sich als fachmännischen Berater aus Zürich holt, billigt den Plan; der setzt im freundschaftlichen Vertrauen die Berechnungen fest und macht die Akkorde mit den Handwerkern unter genauen Abmachungen über das Material und die Ausführung. Es ist ein sicherer Gang der Ordnung, wie ihn Heinrich Pestalozzi bisher noch nicht in seinen Dingen gespürt hat; als ob ihm neue Hände gewachsen wären, seitdem in den abwartenden Verdruß des Winters ein wirkliches Geschäft gekommen ist, so gibt sich eins ins andere und bringt die Fröhlichkeit zweckbewußter Arbeit mit. Als erst der Boden ausgehoben, Steine gebrochen und die Fundamente gelegt werden, ist er von früh bis spät dabei und scheut das nasse Schneewasser nicht, selber jede Art von Arbeit mitzutun. Daß morgens die Leute kommen, Tag für Tag, zum Teil stundenweit und sichtlich froh, gute Beschäftigung zu haben, gibt ihm ein Vorbild, wie es einmal auf Neuhof sein soll; und wenn er sie Sonntags entlöhnt, ist sein Traum schon Wirklichkeit: daß er als der Mittelpunkt einer Unternehmung dasteht, daraus die ersten Quellen aller Wohlhabenheit, der sichere Verdienst einer regelmäßigen Arbeit, ins magere Birrfeld fließen.
Nachdem Ende Januar unerwartet ein Wechsel aus dem Pflug nach Müligen geflattert ist für das Laufende, kommen nacheinander die Brüder, am längsten der Doktor Salomon, der die warmen Frühlingstage schon zum Angeln — seiner Lieblingsbeschäftigung — geeignet glaubt. Sie mögen Bericht nach Zürich gegeben haben; denn an dem Mittag, da sie abreisen wollen, steht unvermutet die alte Schultheßin mit dem jüngsten Bruder gerade vor der Haustür, als sie hinaustreten. Nun bleiben alle bis zum andern Tag, und weil die Aprilsonne scheint, wird noch am Nachmittag ein fröhlicher Spaziergang durch die Felder und auf den Bauplatz gemacht, wo die Fundamente schon kniehoch aus der Erde sind und eingewölbt werden sollen. Auch auf den Hang kommen sie, wo der Nußbaum niedergebrochen ist; sein Stamm reicht allen zum Sitz, sodaß einer den Scherz macht, sie weiheten die Bank ein, bevor das Holz dazu geschnitten wäre. Von unten klappert das Gewerk der Maurer, und einer, der den Mörtel in der großen Pfanne rührt, singt das alte Grenchenlied mit dem spöttischen Hohoho als Schlußreim, in den die andern einfallen. Auch die Schultheßin, die mit unverhohlenem Mißtrauen den ausgespreiteten Mergel auf den Kleefeldern für weißen Schutt gehalten hat, vermag die fröhliche Luft nicht einzuatmen, ohne daß auch ihr etwas davon ins gallige Blut geht. Die Scherze der Brüder sorgen dafür, daß die Ausgelassenheit auch den Rückweg im sinkenden Nachmittag besteht, durch den sie, nun selber das Grenchenlied singend, über die Kante des Birrfeldes nach Müligen hinunter kommen.
Andern Morgens nehmen sie Anna für ein paar Tage mit nach Zürich, wo sie das Rote Gatter ebenso überraschen will, wie sie selber überrascht worden sei. Heinrich Pestalozzi gibt ihnen das Geleit bis Baden; der laute Abschied erinnert ihn an die wehmütige Winterschiffahrt, und daß ihm die Brüder mit ihrer Ausgelassenheit die Geliebte für ein paar Tage entführen, ist ihm auch nicht recht; doch läßt sie ihm ein inniges Wort zurück, das er feierlich durch den Morgen nach Hause trägt: Ich will deiner Mutter meine Hoffnung sagen!
Er ist noch keine Viertelstunde unterwegs, als er den übrigen Schwall schon vergessen hat und nur noch an das Glück denkt, das sie bei der Mutter mit ihrem Geständnis einbringen wird. Dabei lallt er die sieben Worte immerzu; sie bilden eine Perlschnur, an der die beiden Frauen als die letzten angereiht sind — bald werden sie eins weiter gerückt und in die Kette eingereiht sein — ihm aber ist sie mit der Sorge in die Hand gelegt, daß die Perlen bei dem Wechsel der Vergangenheit in die Zukunft keinen Schaden nähmen. Was bin ich, und was wird aus mir werden? hat er ins Tagebuch seiner Frau eingeschrieben; aber auf die Anklage seines Leichtsinns hat das Gefühl der Vorsehung einen Segen gelegt, den er glücklich in den Lerchenmorgen hinein trägt: Was er ist, darauf haben die beiden Frauen in unübersehbaren Stunden Schätze der Liebe gehäuft. Und wenn er ein sinnloser Verschwender damit würde, es kann ihm nicht gelingen bis in den Tod, sie auszugeben! Als ihn kurz vor Brugg ein Bettler um Geld anspricht, bietet er ihm alles, was er in seiner Tasche findet, und geht glücklich weiter, ihm für eine Stunde um keinen Kreuzer voraus zu sein.