Das unsichere Verhältnis mit dem Gewundenen Schwert schleppt sich indessen unter Mißtrauen und Vertröstungen über den Herbst hin, bis seine Freunde in Zürich ein Abkommen zustande bringen, wobei der Bankherr ein Ende mit Verlust dem Verlust ohne Ende vorzieht und angesichts der Schädigung, die sein Teilhaber durch diesen Rücktritt erleidet, unter Zurücklassung von fünftausend Gulden auf das Geschäft verzichtet. Das ist für Heinrich Pestalozzi, der seinen Dingen noch immer ihren Wert beimißt, zunächst kein übler Schluß der mißlichen Angelegenheit; aber aus den berittenen Plänen seiner Musterwirtschaft werden simple Fußgänger, er kann nicht mehr über Jahre zielen und muß aus der Hand in den Mund leben wie die andern auch. Für die Krappzucht hat sich der Boden als zu rauh gezeigt, dagegen steht die Esparsette ausnehmend gut und könnte Futter für manches Stück Vieh liefern; seine Freunde raten zur Sennerei, und er müßte weniger Federkraft haben, um nicht gleich mit beiden Füßen in das neue Arbeitsfeld hineinzuspringen. Noch über den Winter werden neben der Scheune die Stallungen angebaut, und als er zum Frühjahr auf Neuhof einzieht, brüllen schon die ersten Kühe darin.

Es ist ein verdrießliches Regenwetter, als sie den Umzug machen, und einmal bleibt der Wagen mit dem Hausrat so in dem aufgeweichten Landwege stecken, daß sie ihn mitten im Birrfeld bei schneeigem Schlagregen abladen müssen, wobei ein jedes Stück seine Himmelswäsche mitbekommt. Dafür ist es auch zum letztenmal, daß wir umziehen, sagt er zu Anna, die unterdessen mit dem Kind im Pfarrhaus Obdach gehabt hat, als er sie nachher abholt und ihr das Mißgeschick schildert. Sie lächelt wehmütig dazu, als ob sie dieser Sicherheit nicht traue. Doch geht sie tapfer mit, das Kind in Tüchern eingewickelt auf dem Arm, den Einzug auf Neuhof zu halten. Er schreitet sorglich nebenher und hält ihren Regenschirm, den sie in den Mädchentagen von einer Reise mitgebracht hat, über sie und das Kind. Er ist für die Bauern in Birr, die nur ihre Regentücher kennen, ein so absonderliches Gerät wie die ganze Landwirtschaft dieses Züricher Stadtherrn: so stehen sie in den Türen, wie die drei daherkommen; einige Buben laufen ihnen durch die Nässe nach, und weil ein Witzbold unter den Alten das Wort aufgebracht haben mag, rufen sie es zum Schimpf hinter ihm her. Heinrich Pestalozzi hört nicht darauf, weil ihn der Gang sehr bewegt; doch als sie schon das Dach vom Neuhof im Regen glänzen sehen, hält ihn Anna am Arm zurück und hat ein seliges Lächeln in den Augen: Achtest du denn gar nicht, was sie sagen? Sie rufen: die heilige Familie mit dem Regenschirm!

Er versteht ihre lächelnden Augen lange nicht und erschrickt, als er den Sinn erkennt, wie über eine Lästerung, sodaß auch ihr das Lächeln in den Augen untersinkt. Als sie das letzte Stück dann schweigend gegangen sind und vor das Haus treten, das er für sie und sich, auch für den Knaben auf ihrem Arm aus kühnen Hoffnungen in Sorgen hineingebaut hat, vermag sie nicht freudig über die Schwelle hineinzugehen und beugt sich mit dem Kind weinend an seine Brust, als ob dort eine bessere Heimat sei als in der Ungewißheit dieser Steine. Nun aber hat sich ihr Lächeln in ihm zur Glut entzündet; gleich einem Wanderstab hält er den zusammengeklappten Regenschirm in der Hand und ist noch einmal Jüngling seiner rauschhaften Stunden: Die Knaben haben recht; es mag wohl sein, daß wir dies bald verlassen müssen wie Joseph und Maria auf der Flucht. Drum laß uns, Liebe, nur zur Rast eintreten, weil es doch regnet. Vielleicht, daß morgen schon wieder die Sonne auf unsere Wanderung scheint!

47.

Heinrich Pestalozzi beginnt seine eigene Wirtschaft auf dem Neuhof mit ungefähr hundert Jucharten; doch liegen die einzeln gekauften Acker nicht beieinander; er muß vielfach über fremde Felder fahren, wenn er zu den eigenen will, und wiederum andere Bauern fahren ihm über die seinen. Das macht Verdrießlichkeiten, weil er sich nicht an ihre Dreifelderwirtschaft binden und die vorgeschriebenen Zeiten der Zelgenwege einhalten kann. So muß er darauf sehen, sein zerstreutes Gut durch Tausch und Kauf einheitlich abzurunden, Und ist bald in hundert Händeln. Der Metzger Märki spielt darin immer noch die Hauptfigur, er hat die nötigsten Stücke an sich gebracht, wie er sagt, um der Preistreiberei der Bauern zuvorzukommen; aber darum sind seine Forderungen nicht weniger gesalzen, und als es ihm gelingt, das gute Land in den Hummeläckern gegen ein steinichtes Feld in den Letten zu tauschen, das Heinrich Pestalozzi für sein Wegrecht nötig braucht, ohne Nachzahlung, obwohl es nur halb so groß ist: wird dieser Handel zum Wirtshausgespött im ganzen Birrfeld, um so mehr, als der Märki selber mit dem Gelächter hausieren geht.

Nachher wird dem schlauen Händler freilich die Haustür im Neuhof zugemacht; aber weil er wirtet und das halbe Dorf in der Fron hält mit Trinkschulden — wie den Tanner, der den Nußbaum fällte — hat Heinrich Pestalozzi einen gefährlichen Feind an ihm. Gleich nach seinem Einzug auf Neuhof ist er schon mit der Dorfgemeinde Birr in Streit gekommen um einen Pfad nach Brunegg, den sie ihm mitten über seine Äcker laufen. Es führt zwar auch ein Fahrweg gegen den Wald hinauf, aber in den Zeiten, da die Felder meist unbebaut gelegen haben, ist der schnurgerade Pfad eine Gewohnheit geworden, deren Beseitigung sie dem Herrenbauer verübeln. Er versucht es mit Dornruten und Verhauen: aber was für Hindernisse er auch am Tag baut, in dunkler Nacht werden sie hartnäckig wieder zerstört, bis er den Weg durch den Pfarrer ins Verbot legen läßt. Damit bringt er endlich sein Recht zur Geltung, aber die Gemeinde ist ihm seitdem übel gesinnt, und als er auch den Weidegang auf seinen Feldern öffentlich und rechtlich untersagen läßt, beruft sich die Bauernsame von Birr auf ihr besonderes Weidrecht und fordert auch die von Lupfig auf, dem neumodischen Herrenbauer auf Neuhof den Prozeß anzusagen. Obwohl die Lupfiger sich dessen weigern, gibt es einen langen Rechtshandel, der ihn die bäuerliche Verbissenheit in täglichen Molesten spüren läßt.

Endlich wird zwar durch obrigkeitliche Entscheidung das Weidgangsrecht auf seinen Feldern gegen einen jährlichen Bodenzins von einem Neutaler aufgehoben: aber gerade das setzt in den Köpfen der armen Tanner, die keine eigenen Matten haben und auf den Weidgang angewiesen sind, das Gefühl eines Unrechts fest, das ihnen von dem neuerungssüchtigen Herrenbauer angetan wird. Was durch seine anfängliche Handelsgemeinschaft mit dem Märki begonnen wurde, das wird nun durch dessen hinterhältige Feindschaft vollendet: die Armen, denen zu helfen die heimliche Hoffnung seiner Bauernschaft gewesen ist, hassen ihn als einen neuen Ausbeuter ihrer Not. Und da der Neuhof kein einsames Bauernhaus ist, sondern oft städtischen Besuch erhält, da namentlich Anna einen freundschaftlichen Verkehr mit den Frauen der umwohnenden Herrenleute unterhält, ist Heinrich Pestalozzi selber in die Rolle eines der Stadtherren gekommen, wie er sie in seiner hitzigen Jugend zu Höngg verabscheute; denn was für Sorgen und Nöte er unterdessen mit seiner Besitzung hat, das sehen die Armen bei ihm so wenig, wie er es damals sah.

Eines Nachmittags muß er eine Bekannte seiner Frau zum Pfarrer nach Birr zurück begleiten, wo sie auf Besuch ist. Sie kommt aus Zürich und ist mit dem Aufwand der städtischen Mode derart geputzt, daß die Kinder aus den Häusern kommen und einige ihr nachlaufen. Gleich hat sie einige Batzen zur Hand, die sie zum Spaß hinwirft: nicht anders, als ob Hühner nach hingestreutem Futter sprängen, sind sie augenblicklich in einer Balgerei, die gleich einem Ball von Staub und Geschrei über den Weg rollt. Andere laufen neugierig herzu, und da die Zürcherin sich den Spaß noch ein paar Batzen kosten läßt, vergrößert sich der balgende Knäuel, indessen die herzlose Person vor Lachen wie toll auf ihren zierlichen Stiefelchen herum springt. Bisher hat Heinrich Pestalozzi alles für unbedachten Übermut gehalten, aber als sie ihm mit schadenfrohen Augen entgegen tritt — da haben Sie Ihr Volk, Herr Pestalozzi — und lachend gegen das Pfarrhaus davonläuft, erkennt er, daß der unwürdige Auftritt sein Gespräch mit ihr beantworten und verhöhnen soll.

Der Zorn über ihre Herzlosigkeit macht ihn wild: Dann gehöre ich auch dazu! schreit er ihr nach und fährt mitten in die Balgerei. Das erste, was er ergreift, ist der Schopf eines stakigen Mädchens, das gerade über einen Vierjährigen herfällt, ihm seinen Batzen aus der Hand zu reißen. Ehe er noch selber weiß warum, hat er sie und ein halbes Dutzend der andren verwalkt und ihnen, soviel sie kratzen und beißen, die Batzen abgenommen. Einigen gelingt es, mit ihrer Beute davon zu laufen; die nichts haben, bleiben stehen, und als er das eroberte Geld überzählt, braucht er nur drei Batzen aus seiner Tasche hinzu zu legen und er hat für jeden einen: Hier ging Gewalt vor Recht, sagte er, nun aber steht Recht vor Gewalt! zählt jedem seinen Batzen aus, vom Kleinsten angefangen, und heißt sie heimlaufen. Die nichts gerafft hatten, denen ist es recht, die andern aber — die ihr erobertes Eigentum aus seinen Händen verteilt sehen — rufen mit mörderlichem Geschrei die Ihrigen zur Hilfe, sodaß Heinrich Pestalozzi froh ist, als er den letzten Batzen verteilt hat und sich heim wenden kann. Doch hängt sich das schreiende Gefolge an ihn, und einige Mütter, von ihren Kindern aufgeklärt, fordern drohend den Raub zurück. Unter Schimpfreden und Steinwürfen kommt er gegen den Neuhof, wo ihn Anna mit dem Knaben an der Hand erschrocken empfängt; denn nun erst nimmt er wahr, daß er im Gesicht und an den Händen von Kratzwunden blutet und mit seinen Kleidern durch den Staub gewälzt ist. In der folgenden Nacht geschieht es zum ersten Mal, daß ihm einige von seinen blitzblanken Fensterscheiben eingeworfen werden.

48.