Das Ergebnis dieser mißglückten Ausgleichung erschüttert Heinrich Pestalozzi ebenso tief wie der höhnische Anlaß, und tagelang vermag er nicht mehr an seine Dinge zu gehen, so mutlos wird er. Es ist nun schon das sechste Jahr, daß er sich müht mit der Landwirtschaft, und es ist nichts dabei heraus gekommen, als daß er sich und andere in Sorgen und Verluste gebracht hat; er sieht kein Ende, danach es anders werden könnte. Indessen gibt es solche Stadtfräuleins und solche Bettelbuben, als ob sie in der Welt sein müßten wie alles Gute auch, und aus allen seinen Plänen geschieht nichts, was etwas daran ändern könnte; denn selbst, wenn er zum Wohlstand seiner Träume käme: die Unfeinheit der einen und die häßliche Habgier der andern wäre damit doch nicht geändert. Wieder einmal erkennt er die Quellen allen Übels in der Natur des Einzelnen; und furchtsam sieht er auf seinen Knaben, der nun ins vierte Jahr geht und die ersten Anzeichen seiner Persönlichkeit nicht mehr verbirgt. Es ist sein Sohn, und schon meint er die eigenen Fehler an ihm zu sehen, seine Zerstreutheit, Unordnung und den unsteten Eigensinn. Namentlich die listigen Versuche des kindlichen Eigensinns besorgen ihn; es ist nicht anders, als ob der kleine Geist unausgesetzt eine Machtprobe gegen die Erwachsenen mache.

Unvermutet kommt Heinrich Pestalozzi in Eifer, an seinem Jaköbli den Schlichen und Trotzproben dieser kindlichen Willenskraft mit Experimenten nachzugehen, immer bemüht, die störenden Blätter beiseite zu biegen, damit der Kern aus sich selber wachsen könne. Er sieht erstaunt und betroffen zugleich, wieviel Schleichwege der kindliche Geist schon kennt, der Erziehung auszuweichen, und wievieler Strenge es bedarf, ihn dieser Schleichwege zu entwöhnen. Die Erinnerung an die eigene Jugendzeit macht seine Besorgnisse nicht geringer; denn nun meint er zu sehen, warum er selber solch ein im Wind der Gefühle schwankendes und von dem Rankenwerk wirrer Einfälle behangenes Gewächs geworden ist. Anna versucht ihm zu wehren, wo er dem Kleinen zu arg zusetzt; aber als der Winter gekommen ist, scheint es seinem entzündeten Eifer schon, als gäbe es nichts Dringlicheres für ihn und andere in der Welt, als diese Dinge in unausgesetzten Versuchen klar zu stellen; denn alles, was mit einem Menschen später auch geschähe: seine Kindheit bliebe die Wurzel seines Schicksals; wie die ins Erdreich finde, so wüchse es.

Als das Schwierigste erkennt er bald, die Wartung der kleinen Seele so zu halten, daß sie den Mut und die Freude nicht verliert; und es ist sein Knecht, der ihn auf diese Weisheit bringt. Denn als der das Jaköbli einmal in seiner Gegenwart einige Weisheiten sagen läßt, die er draußen am Bach mit ihm gelernt hat, und mit Vaterstolz fragt: ob der Knabe nicht ein gutes Gedächtnis habe? schüttelt der Knecht, der mit der kindlichen Munterkeit auf einem andern Fuß steht, traurig den Kopf: Das wohl, jedoch Ihr übertreibt es mit ihm! Und als er ihm betroffen sagt, das könne nicht wohl sein, weil das Jaköbli sonst sicher die Freude verlöre und furchtsam würde; dann hieße es natürlich, vorsichtig seinem Geist nachzugehen — da richtet sich der Klaus von seinem Holzscheit auf, daraus er einen Schwengel schnitzen will, und die Freude steigt ihm ins ehrliche Gesicht: Ihr achtet also des Mutes und der Freude! Eben das hatte ich gefürchtet, daß Ihrs vergessen würdet!

O, Klaus, sagt Heinrich Pestalozzi da zu seinem Knecht, und der Schrecken mischt sich mit dem Glück über das Wort: alles Lernen wäre nicht einen Heller wert, wenn Mut und Freude dabei verloren gingen!

49.

Es ist zum erstenmal, daß Heinrich Pestalozzi sich selber als Entdecker fühlt; was er bis dahin auch getrieben hat, von seiner Jünglingsschriftstellerei bis zur Landwirtschaft, immer hat ein anderer das Tor aufgeschlossen: hier aber hält er den Schlüssel selbst in der Hand, und so scheint ihm auch die nebensächlichste Erfahrung seiner Erziehungsversuche wichtig genug, sie in einem besonderen Tagebuch wortwörtlich aufzuzeichnen.

Mit diesen Aufzeichnungen tritt er aber auch den Gedanken seiner Jugend wieder näher, und als im Frühjahr die Helvetische Gesellschaft ihre vierzehnte Tagung in Schinznach abhält, pilgert er hinüber, zum erstenmal im Kreis dieser Männer zu sein, die aus dem herrschsüchtigen Kantonsgeist wieder einer Eidgenossenschaft im Sinn der Väter zustreben. Da sieht er den greisen Ratschreiber Iselin aus Basel, dessen Gestalt als ein neuer Stauffacher in der jungen Schweiz ein sagenhaftes Vorbild ist, und all die andern Träger würdiger Namen. Er meint fast, noch einmal in der Gerwe zu sein, so werden die spartanischen Vorbilder seiner Jünglingszeit in einem Vortrag wach, den der Landvogt Tscharner von Wildenstein hält; aber während der Mann die Abhärtung des Körpers und der Seele als Losung gegen den weichlichen Luxus der Zeit ausgibt, fängt es in ihm selber anders an zu brennen: er denkt an die Scharen der Bettelkinder, und daß keinem Tanner auf dem Birrfeld mit einer solchen Losung gedient sei, die für die Herrenkinder und Stadtbürgersöhne allein gedacht ist. Er sieht die gepflegten Gesichter der Zuhörer, die aus der Sicherheit ihres Standes tapfer und begeistert sind, gegen den Luxus zu kämpfen, und kommt sich plötzlich als ein Fremdling der Armut unter ihnen vor: Es ist eine ältere Generation! will er sich trösten; aber als er am andern Nachmittag allein auf der Höhe bei Brunegg steht, wo der Blick zurück auf das saubere Bad Schinznach trifft, aber vor ihm in die armselige Breite des Birrfeldes geht, fühlt er die Scheidung der Menschlichkeit in arm und reich wie zwei feindliche Heerlager, dazwischen er selber als heimatloser Überläufer im Zwiespalt geblieben ist. Sein Jaköbli bekommt zwar danach manches von den spartanischen Vorschlägen des Landvogts zu spüren, aber ihn selber treibt sein Gefühl in andere Notwendigkeiten.

Unterdessen machen ein böses Frühjahr und ein trockener Sommer auch die Hoffnungen seiner Sennerei zunichte. Die ersten Viehkäufe hat ihm der Märki noch besorgt, und es sind nicht einmal die schlechtesten gewesen; als er sich selber in die Untiefen der Märkte wagt, stellt er oft genug den Dummen dar, den die Händler suchen. Auch hat die kostspielige Einrichtung Schulden auf ihn gelegt, deren Zins ihn schon in guten Zeiten drückte; nun selbst die Bauern mit fetteren Ländereien in Futternot geraten, sitzt er auf seinem steinichten Neuhof bald in der Dürre da. Ein Stück Vieh nach dem andern geht ihm fort, bis der Rest den Aufwand seiner Sennerei nicht mehr ertragen kann. Da er mit den Zinsen in Rückstand bleibt, werden die Gläubiger besorgt; als erst einer sein Kapital gekündigt hat, folgen die andern dem Beispiel, und so steht eines Tages Heinrich Pestalozzi zum zweitenmal vor der Not, daß ihm seine Besitzung versteigert wird.

Es liegen fünfzehntausend Gulden Schulden darauf, und diesmal ist kein Bankherr als Teilhaber da, der sich mit einem Verlust herauszieht. So bitter und demütigend es für Heinrich Pestalozzi ist, nun können nur noch die Erbhoffnungen seiner Frau den Neuhof retten. Sie einigt sich mit ihren Brüdern — und hat nicht einmal Tränen gegen ihren Spott — daß sie die dringendsten Schulden für einen entsprechenden Verzicht auf ihre Erbschaft übernehmen. Nur glauben die nicht mehr an seine Landwirtschaft und richten ihm einen Baumwollenhandel ein, wo sie nach Zürcher Art den Rohstoff liefern, den er im Birrfeld zum Spinnen und Weben in die Häuser geben muß, sodaß er nichts als den karg bezahlten Aufseher ihrer Geschäfte vorstellt. Als endlich stürzende Herbstfluten den dürren Sommer auslöschen, ist von dem Traum seines Lebenskreises, der Wohlstand und Segen in der ärmlichen Landschaft verbreiten soll, nichts geblieben, als daß er im Dienst städtischer Fabrikherren die Not des Bauernvolks ausnützen hilft; und es bedürfte nicht der Erinnerung an den Ernst Luginbühl im Webstuhl und an den Großvater mit seiner Verachtung dieser ins bäuerliche Leben einfressenden Industrie, um ihm sein zertretenes Dasein zur Qual zu machen.

50.