Gleich andern Tags versucht er nun das Dichterhandwerk, angebliche Menschen als Gestalten seiner Absichten in eine Handlung zu stellen. Es gelingt ihm leichter, als er erwartete, und am Abend ist das erste Ding schon rund gebracht; aber als er es dann überliest und mit dem Vorbild vergleicht, findet er wohl, daß seine Gestalten sich ernsthafter unterhalten als bei Marmontel, doch ist die Unterhaltung so sehr die Hauptsache, daß es wenig Zweck hat, sie mit den Armen und Beinen der Personen zu umgeben; auch haben sie für gemeine Bürgersleute eine Art zu predigen, die ihnen nicht ansteht. Aber nun ist einmal sein Eifer geweckt, und schon am nächsten Tage läßt er ein neues Paar anmarschieren. Diesmal sind es zwei Bauern, ein alter und ein junger, die sich über die neumodische Landwirtschaft erhitzen; haben die Bürger gepredigt, so verkniffeln sich die Bauern wie zwei Advokaten, und da auch hier wieder die Reden des Verfassers die Hauptsache sind, hätten die Personen ebensowohl daheim bleiben können. Noch drei- oder viermal versucht er es, um immer bedenklicher einzusehen, daß er kein richtiges Bauernmundwerk aufs Papier bringt. Soviel er auch an den Tannern im Birrfeld erlebt hat, nun merkt er, daß er sie garnicht kennt; und wie er das Abc erst an seinem Knaben studiert hat, beginnt er nun, mit ihnen seine heimlichen Experimente anzustellen.
Die Leute von Lupfig und Birr machen sich verdächtige Zeichen, als der Herrenbauer vom Neuhof anfängt, in ihren Wirtschaften herumzusitzen; sie wissen aus Erfahrung, wie dies das Ende solcher Existenzen ist, und weil er kaum etwas trinkt, deuten sie hämisch auf seine leere Tasche. Er dagegen merkt bald, daß sie mit ihm anders als unter sich sprechen, so hält er sich abseits, in einem Wettergespräch oder sonst mit dem Wirt, während sie bei ihren Karten oder um irgend einen Handel untereinander sind. Wenn ihm dabei eins seiner eigenen Bauerngespräche beifällt, kommt ihm alles darin so papieren vor, daß er manchmal im Eifer mitanfängt zu fuchteln, als ob er damit die richtigen Worte festhalten könnte.
Darüber fangen sie an, ihn vollends für übergeschnappt zu halten, und legen sich aufs Hänseln; aber nun reitet ihn schon der Teufel seiner Leidenschaft, auch um andrer Dinge als seiner Schriftstellerei willen tiefer in ihre Wirtshauswelt hinein zu kommen. Er sieht, wieviele Dinge hier ihren Anlaß und ihre Stärkung haben, wieviel aus der Bahn geworfene Existenzen am Wirtshaustisch ihr Schicksal absitzen, und wie nicht der Schnaps und der Wein allein sie dahin ziehen, sondern der Trieb unnützer Buben, mit Hänseleien und großmäuligen Prahlereien beieinander zu hocken. Hier müßte zu Hause sein, sagt er sich oft, wer eine Armenanstalt aufmachen will; hier ist der Lebensboden aller Laster, die in einem Menschen allein garnicht wachsen können, weil immer nur mehrere zusammen das Ungetüm ausmachen, das den einzelnen mit Haut und Haaren frißt; was nachher dann aus dem Wirtshaus nach Hause geht, ist nur noch ein Stück von diesem Ungetüm, dem es natürlich nirgend mehr wohl sein kann als bei sich zu Hause, nämlich auf der Wirtshausbank, wo es zu fressen und zu saufen bekommt.
Heinrich Pestalozzi hat schließlich ein System von Listen, das Ungetüm lebendig zu sehen, indem er sich selber anscheinend mit auffressen läßt oder unter einem Vorwand nebenan in der Küche lauscht. Als er eines Nachmittags in Mellingen eintritt, weil er schätzt, daß ihrer da mehrere vom Viehmarkt sitzen würden, findet er das Zimmer noch leer, und da der Wirt augenscheinlich auch noch unterwegs ist, juckt ihn der Vorwitz so, daß er in eine große Futterkiste klettert, die in der dunklen Ecke neben dem Ofen als Truhe dient und deren offener Deckel ihn wie eine Wand verbirgt. Er hört auch bald ihrer zwei hereinkommen und über den Metzger Märki in Birr schimpfen, der ihnen beim Handel die Flöhe abgesucht hat, wie sie sagen. Weil das Gespräch einmal den Lauf genommen hat, bleibt es auch dabei, als andere eintreten, und so bekommt Heinrich Pestalozzi unvermutet eine Predigt über seinen ehemaligen Ratgeber zu hören, wie sie nicht in seine Tabellen gegangen wäre. Aber als sich das Ungetüm so recht wieder aneinander gewachsen hat und groß tut mit Fäusten und Flüchen, wird es still von einem Schritt, der durch die Tür hereinkommt und nach einem brummigen Gruß mitten im Zimmer stehen bleibt. Heinrich Pestalozzi hinter seiner Wand hört das Ungetüm schnaufen, bis einer den Märki — denn niemand anders ist es — nach den Hummeläckern fragt und gleich das Gelächter über die Anspielung losbrüllt. Aber so ist der Metzger nicht, daß er sich abtrumpfen läßt: im Nu ist er mit ihnen aneinander in einem Maulgefecht; und wollten sie ihn um den ausgezogenen Herrenbauer im Neuhof hänseln, so gibt er ihnen sein Kunststück mit frecher Prahlerei preis: warum sie es nicht selber gemacht hätten, wenn es so leicht gewesen wäre? Jedenfalls habe er das Kalb abgestochen; sie könntens ja mit ihm auch einmal versuchen: er würde ihnen schon dartun, wer der Meister wäre, wie er es diesem Herrn Pestalozzi auch dargetan habe!
Die Abfertigung scheint dem Ungetüm plausibel, denn es schweigt; aber als der Märki sich abseits von ihnen auf seinen Trumpf setzen will, findet er keinen besseren Platz als die Futterkiste; er klappt den Deckel zu, merkt garnicht, daß ein Widerstand da ist, und will sich gerade noch einmal auslachen, als es unter ihm mit Faustschlägen rumort. Wenn der Teufel selber aus dem Kasten gestiegen wäre, hätte die Wirkung nicht anders sein können als nun, da das abgestochene Kalb seiner Prahlerei heraus springt. Auch das verdutzte Ungetüm muß sich einen Augenblick am Wirtstisch festhalten, und es ist noch nicht zu sich gekommen, als Heinrich Pestalozzi durch die Tür dem gemeinsamen Gelächter entgeht.
56.
Die Bauern auf dem Birrfeld sagen, daß dem Märki die schwarze Pestilenz als Teufel aus der Futterkiste erschienen wäre; aber so sehr sie dem Metzger den Schrecken gönnen, die Narrheit bleibt doch an Heinrich Pestalozzi hängen; und wie sie ihn danach bei Sonnenschein und Regen draußen herumlaufen sehen, bestätigt ihnen nur, daß ihm sein Unglück mit dem Neuhof und der Armenanstalt auf den Verstand geschlagen sei.
Er ist aber nur in eine Auseinandersetzung mit dem Ungetüm geraten, das nicht — wie es scheint — vom Überfluß, sondern von Mühsal und Armut lebt; denn die ihm zu fressen geben, sind die Schwachen, Leichtfertigen und Verzweifelten, die, irgendwie von der Bank unverdrossener Arbeit abgerutscht, ihr Letztes in Trunk und Geschwätz vertun, während der Wirt die ärmlichen Groschen einsammelt und also von dem Ungetüm lebt wie ein Savoyardenknabe von seinem Murmeltier. Er will es zum Helden einer Geschichte machen; und ob er somit den Kampf mit dem Ungetüm nur auf dem Tabellenpapier seines Erbahnen aufnehmen kann: mit einer Handlung, einfach und drastisch genug in alle Köpfe einzugehen, wird seine Feder, so hofft er, ihm doch eine gefährliche Waffe werden.
Diese Handlung aber vermag er lange nicht zu finden, weil er immer noch nicht von sich selber loskommt und sich stets wieder als vorwitziger Advokat allein auf der Bühne redend findet. Da hilft ihm unvermutet die tapfere Lisabeth aus der Not; als er sie eines Tages wieder bei ihrer Unverdrossenheit beobachtet hat, wie sie den Kreis der Ordnung Tag für Tag um ihren Mittelpunkt vergrößert, als er sich ausmalt, wie sie einem Mann anders als die meisten Bauernweiber an die Hand zu gehen vermöchte, von dem Ungetüm los zu kommen: da hat er endlich den Gegenspieler seiner Handlung gefunden, um dem hundertköpfigen Tier nicht mit den Mitteln fremder Hilfe, sondern mit den Waffen der Armut selber beizukommen. Er braucht der tapferen Person nur einen leichtfertigen Mann und Kinder anzudichten, wofür sie kämpft, und schon ist der Aufbau einer Handlung gegeben, die sich anders als die moralischen Erzählungen Marmontels in die Wirklichkeit einstellen soll.
Als ihm dann noch der Märki als Vogt und Wirt in seine Handlung kommt und er ihm um der Hummeläcker willen den Namen Hummel gibt, macht er eine Gertrud aus ihr, die als die Frau eines Maurers namens Lienhard den Kampf mit dem Vogt beginnt und schließlich das ganze Dorf von ihm und dem Ungetüm befreit. Er hat sich dessen nie für fähig gehalten: wie die Gestalten seiner Handlung von allen Seiten zulaufen, wie sich Gespräch und Tat verflechten, und wie aus der geplanten Belehrung eine Darstellung des Schicksals wird, die ihn selber oft genug zum Weinen erschüttert. In wenigen Wochen stehen die hundert Kapitel seines Buches da, als wären sie nicht erfunden, sondern ein Bericht aus dem Leben, wie es sich wirklich abgespielt hätte. Da weiß er, daß die Schriftstellerei mehr vermöge, als müßigen Leuten die Langeweile zu vertreiben, daß sie eine geheimnisvolle Gabe sein könne, die Erfahrungen des Lebens zu verdichten und Hunderten von Lesern die Wege des Schicksals aufzuzeigen, wo sie selber nur heitere oder traurige Vorfälle sehen.