Ehe er es gedacht hat, ist er nach Zürich unterwegs mit seinem Schatz, der diesmal ein handgreifliches Päckchen statt einem geträumten Luftschloß ist, obwohl Anna, an den Zusammenbruch so mancher mit Worten aufgebauten Hoffnung bitter gewöhnt, nur wehmütig über seine Begeisterung gelächelt hat. Füeßli ist nicht der Mann dazu, in Rauch und Feuer aufzugehen, auch sieht dies anders aus als die Schnurre von den ungekämmten Nachtwächtern; er weist ihn an den gemeinsamen Freund Pfenniger, der in den Dingen des literarischen Geschmacks sachverständig wäre. An die Literatur hat Heinrich Pestalozzi freilich nicht gedacht, als er schrieb, und erst garnicht an den gebildeten Geschmack, der, statt den geistigen Dingen zu dienen, mit anmaßenden Forderungen vor ihnen steht. Pfenniger findet die drei oder vier ersten Bogen, die er ihm vorliest, nicht übel, aber so voll unerträglicher Verstöße gegen den literarischen Geschmack, daß er ihm dringend die Umarbeitung des Buches durch einen Menschen von schriftstellerischer Übung empfiehlt und auch gleich einen theologischen Studenten nennt, der das literarische Handwerk ebenso beherrsche, wie es ihm fehle. Das Wort Lavaters von seiner Unfähigkeit, einen einzigen Satz richtig zu schreiben, hat er noch nicht vergessen, und kleinlaut überläßt er sein Buch den Ordentlichen, daß sie es für ihren Gebrauch zurecht machen: Ich will nur abwarten, sagt er bitter, ob es mir Unordentlichem einmal gelingt, ohne Euch richtig zu sterben!

Doch vermag er nicht, sich ganz von seinem Buch zu trennen; er läßt ihnen nur die ersten drei Bogen, damit er die Bearbeitung erst sähe, und geht für ein paar Tage nach Richterswyl hinaus, wo sein Vetter, der Doktor Johannes Hotze, die Praxis des Vaters mit Klugheit verwaltet, während der jüngere Bruder mit dem Federhut richtig unter die Soldaten gegangen und bei den Österreichern schon General geworden ist. Er weilt gern dort, weil der Doktor Hotze ein Philanthrop von Einsicht und Willenskraft ist; aber als er ihm mit Andeutungen seines Buches begegnet, hält der es anscheinend für einen neuen Seitensprung und wehrt warnend ab. So kommt er demütig zu Pfenniger, seine Handschrift wie einen vom Lehrer verbesserten Aufsatz zurück zu erhalten; aber als er sein Naturgemälde des bäuerlichen Schicksals unter dem frömmelnden Firnis dieses Theologen wiedersieht und angesichts der steifen Schulmeistersprache, die seine Bauern darin reden, an seine Entdeckungsfahrten denkt, fällt die Demut erschrocken ab: Dann wolle er doch lieber mit Beulen und steifen Gelenken ein ungekämmter Stadtwächter sein, als ein derart gekämmter, sagt er zu Füeßli, der zugegen ist, läßt dem Pfenniger die gesäuberte Umarbeitung und macht sich auf den Heimweg mit seiner ungesäuberten Handschrift, die anscheinend ebensowenig in die ordentliche Welt paßt wie er selber!

Er ist schon in Baden, als er es nicht vermag, mit diesem Ergebnis heimzukehren, und entschlossen seine Reise nach Basel fortsetzt, um auch bei Iselin sein Glück zu versuchen, bevor er selber an seinem Buch zweifelt. Er darf ihm und seiner Gattin noch am Abend seiner Ankunft einige Kapitel daraus vorlesen; so inbrünstig seine Hoffnung insgeheim um ein günstiges Urteil gefleht hat, auf einen solchen Erfolg rechnete sie nicht. Die Frau Ratsschreiber weint vor Rührung, und der Ratsschreiber selber geht mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab, bis er ihm die Handschrift aus den Händen nimmt, als ob er sich vergewissern müßte, daß dies alles auch wirklich dastände. Er lachte herzhaft auf, als er die Schrift in den roten Tabellen hängen sieht; und auch als er dann liest, schüttelt er immer wieder den Kopf: es sei nicht zu glauben, wie einer so etwas Herrliches ausdenken und zugleich solche Sprach- und Schreibfehler machen könne! So wie es dastände, wäre es allerdings ein ungekämmter Stadtwächter, aber den zu strählen, brauche es keinen Theologen, sondern einen Setzer, der deutsch könne. Er müsse freilich das Buch erst ganz lesen, aber nach dem, was er bis jetzt gehört habe, wüßte er nicht seinesgleichen.

Heinrich Pestalozzi bleibt drei Tage lang in Basel, und es ist eine Zeit für ihn, als ob Schlaf und Wachen ein einziger Traum geworden wären; so erlöst ihn der Beifall dieser klugen und herzlichen Menschen aus dem Gefühl seiner Unbrauchbarkeit. Die Schreibfehler in der Handschrift verspricht Iselin selber zu beseitigen; auch schickt er gleich einen Brief an den Verleger Decker in Berlin, ob er das Buch herausbringen wolle? Um ihm aber zu den vielen Tauben auf dem Dache doch einen Spatz in die Hand zu geben, offenbart er ihm zum Abschied, als er bis Liestal mit ihm gegangen ist und da auf die Post wartend im Ochsen noch ein Glas Wein trinkt, daß die Aufmunterungsgesellschaft zwar nicht ihm allein, aber doch ihm zu gleichen Teilen mit dem Professor Meister in Zürich den Preis von zwanzig Dukaten zuerkannt habe.

Es geht mir wie dem Mann, sagt Heinrich Pestalozzi, der am Sonntag zehn Louisdor verloren hatte und sich am Montag freute, weil er drei Kreuzer fand.

57.

Schon Anfang September erhält Heinrich Pestalozzi Nachricht, daß der Verleger Decker aus Berlin in Basel gewesen sei und ihm für jeden Druckbogen einen Louisdor als Honorar bewilligt habe. Das wäre vormals nicht viel gewesen, jetzt aber bedeutet es für den ausgeplünderten Neuhof eine Quelle, die bei sparsamer Verwendung seine Insassen auf eine gute Zeit vor Nahrungssorgen schützt und Heinrich Pestalozzi mutig macht, auch noch den Rest seines Tabellenpapiers vollzuschreiben. An eine neue Erzählung vermag er nicht zu denken, so voll sind ihm noch Kopf und Herz von dieser. So beginnt er noch im Herbst, bevor das Buch gedruckt ist, eine Erläuterung dazu zu schreiben, die er »Christoph und Else« nennt! In einer angeblichen Bauernhaushaltung läßt er abends seine Geschichte von Lienhard und Gertrud lesen und besprechen, wobei er dann wieder selber auf der Bühne erscheinen und den Vorgängen der Handlung seine Nutzanwendung mitgeben kann: So sind die Leiden und Schäden des Landvolks, so sind die Wurzeln seiner Kraft und Urkraft, und so kann der Verwilderung geholfen werden! Aus der Abendstunde eines Einsiedlers werden Abendstunden einer gutwilligen Gemeinschaft.

Er ist noch mitten in dieser Arbeit, als der Tod in der Familie seiner Frau vorspricht und sich die kränkelnde Mutter, gebotene Holzlaub, heimholt. Dem alten Zunftpfleger, dem der braune Bart längst weiß geworden ist, wird es danach unheimlich im Pflug, wo seine Söhne eigenwillig schalten; er zieht der einzigen Tochter nach, an der immer sein Herz gehangen hat. So wird der Haushalt um einen Greis vermehrt, dem das Leben die Augen zur Freundlichkeit und Milde geöffnet hat, obwohl er von Haus aus zornig war. Von seinem Vermögen ist nur noch ein bescheidener Altersteil in seinen Händen; aber auch damit bringt er eine Sicherung in den Neuhof, die wohlig empfunden wird und das Gefühl einer vorsichtigen Wiederherstellung verstärkt. Als dann zur Ostermesse endlich »Lienhard und Gertrud« erscheint und seine Wirkung macht, sodaß vieler Augen sich auf den Neuhof richten, finden sie nicht mehr die Trümmerstätte selbstverschuldeter Armut, als die er den Bauern im Birrfeld und dem selbstgerechten Bürgersinn der Zürcher gegolten hat.

Der erste, der ihm Gutes berichtet, ist Iselin, der zwar bescheiden die dankbare Widmung aus dem Buch beseitigt hat, aber stolz und beglückt durch den Erfolg zu seinem Schützling steht. Er gibt Nachricht von dem Beifall der Zeitungen in Deutschland und wie man dort nach dem ungenannten Verfasser des Dorfromans riete; auch sammelt er, was Rühmens in den Schweizerblättern steht, und hat einen fröhlichen Eifer damit, ihm nach den ersten spärlichen Posten ganze Stöße von gedruckter Anerkennung in den Neuhof zu schicken.

Heinrich Pestalozzi, dem die Mißachtung einen bösen Bannkreis um seine Einsamkeit gezogen hatte, sieht sich in die Beleuchtung eines rasch wachsenden Ruhmes gestellt, in den nun mancher wieder hineinlärmt, der sich vorher still beiseite getan hat; denn ob sein Name nicht auf dem Deckel des Buches steht, dafür sorgen die fleißigen Gerüchte, daß überall, wo die Gestalten von Lienhard und Gertrud in ein Schweizerhaus eintreten, auch der Armennarr von Neuhof als ihr Pate gilt. So ist es kaum noch nötig, daß Iselin den Namen des Verfassers in den Ephemeriden bekannt gibt; wohl aber scheint es ein Signal zu sein für die Kutscher und Postillone, die nun fast täglich Besucher nach dem Neuhof bringen. Sie finden da einen freundlichen Greis, der sich über den Ruhm seines Schwiegersohnes um seiner verhärmten Tochter willen freut und gern ein Wort spricht; einen elfjährigen Knaben, der als das Jaköbli mit den Bauern auf einem vertraulichen Spielfuß steht und augenscheinlich beliebter bei ihnen ist als sein Vater; eine Frau von dreiundvierzig Jahren, die sich dem Schwall nach Möglichkeit entzieht; endlich ihn selber, dem das braune Gesicht mit Rünzelchen verkritzelt ist, als ob er sechzig statt erst fünfunddreißig wäre, der aber alle fröhlich willkommen heißt, nicht eitel, doch sichtbar glücklich, daß er nun endlich Macht über die Menschen gewonnen hat, wie er sie für seine Dinge jahrelang vergeblich erflehte. Als eines Morgens der Wagen des Herrn von Effinger mit zwei galonierten Dienern vor dem Neuhof hält, ihn nach Schloß Wildegg als Ehrengast zum Essen abzuholen, und als noch am selben Tag von der Ökonomischen Gesellschaft in Bern fünfzig Dukaten mit einer goldenen Denkmünze ankommen, da scheint es zu Ende mit seiner angeblichen Unbrauchbarkeit, da ist Heinrich Pestalozzi, der gescheiterte Landwirt und Armennarr auf Neuhof, ein Schweizerbürger geworden, auf den die Augen seines Volks mit Stolz sehen. Und nun endlich kann auch die Stunde nicht mehr fern sein, wo aus Reichen und Armen, Klugen und Törichten, Herrschaften und Beherrschten die Volksgemeinschaft wird, darin die Menschenbruderschaft des Evangeliums aus der Sonntagspredigt in die wirklichen Wohnungen und Geschäfte der Menschen kommt. Er ist auf der Höhe seines Lebens, als er diesen Glückstraum erlebt; die Gier und Sehnsucht seiner Jugend, die Radbrüche seiner ersten Fahrten und der grausame Unfall gelten ihm nun nichts mehr, da er sich durch die Hand des Schicksals, die er in einem tieferen Sinn als die Sonntagsgläubigen und Kirchenbeter Gott nennt, in Schuld und Sorgen zu solcher Erfüllung geführt sieht.