Was an Abhärtung getan werden konnte, um der Weichlichkeit seiner Natur zu begegnen, das hat Heinrich Pestalozzi spartanisch an ihm geübt, auch ist er mit List und Stärke dabei gewesen, seinen kindlichen Eigensinn zu brechen — bis der gefährliche Untergrund dieser Eigenschaften im Ausbruch seiner Krankheit herzschneidend zutage kommt. Es ist in der Zeit, da die Stimme anfängt zu wechseln; er hat einen Korb mit Pflanzkartoffeln aus dem Keller holen sollen und kommt nicht wieder. Als Heinrich Pestalozzi heftig hinunterläuft, sitzt er verträumt vor einem Spinnennetz; die Überraschung mag zu jäh gekommen sein: ehe Heinrich Pestalozzi bei ihm ist, tut der Knabe einen Schrei und fällt hin wie ein Toter. Doch hat er ihn kaum an der Schulter gefaßt, als das Leben mit unheimlichen Zuckungen wieder anfängt. Das fallende Weh rast in ihm und Heinrich Pestalozzi, der als eifernder Vater zu hadern gekommen ist, sieht sein armes Kind in dem fahlen Kellerlicht Mächten überliefert, die seiner Strenge wie seiner Liebe spotten. Erst als alles vorüber ist und der Knabe aus tiefer Bewußtlosigkeit erwacht, wagt er die Lisabeth zu rufen.

Seine Hoffnung, daß es ein einzelner Anfall gewesen sein möge, wird nicht erfüllt; die Krankheit kommt zurück und steht seitdem warnend hinter jedem ärgerlichen Wort, das er dem Knaben sagen will. Das Grauen nimmt ihm für lange den Mut; denn deutlicher als jemals sieht er, wie das Schicksal des Menschen als einer Kreatur nicht an eigene oder fremde Verschuldung allein gebunden ist, wie Glück und Unglück aus den Naturgründen des Lebens kommen und alle sittliche Sorgfalt zu verhöhnen scheinen. Lange versucht er, das Unheil Anna zu verheimlichen, die bei dem ersten Anfall in Hallwyl war; als sie es eines Tages doch erlebt — sie sind in den Letten hinaus spaziert und müssen ihn da in den rotblühenden Klee legen — meint er in dem entsetzten Blick der Mutter einen Vorwurf zu spüren, der ihm lange nachgeht und bald darauf eine peinliche Ergänzung findet. Er hört, daß die Leute in Birr der unvernünftigen Abhärtung — den Knaben von kleinauf, auch im Winter, im eiskalten Brunnenwasser zu waschen — die Erkrankung zuschreiben. Die Gewohnheit behält immer recht! sagt er bitter, aber ein grausamer Rest ihrer Schadenfreude bleibt zurück und quält ihn mit Zweifeln, ob er dem Knaben ein rechter Vater gewesen sei. Er sieht nun erst, daß der Jakob kaum lesen und schreiben kann und auch sonst gegen die Kinder seines Alters zurück ist. Am Ende kommt er mit Anna überein, ihn für ein Jahr oder zwei nach Mülhausen in eine Erziehungsanstalt zu geben, die ihm durch seinen Vetter, den Doktor Hotze in Richterswyl, empfohlen ist; die zage Hoffnung auf seine Heilung muß ihnen über den schweren Abschied forthelfen.

Auf der Rückreise sucht er einen Herrn Battier in Basel auf, der ihm noch durch Iselin bekannt geworden ist; ein Kaufmann, der fest im Sattel seiner zahlreichen Geschäfte sitzt, aber allen menschenfreundlichen Dingen mit der Kraft seiner unabhängigen und kühnen Natur zugewandt blieb; der will den Jakob nachher in die Lehre nehmen. Vorläufig aber hat er von all den kläglichen Nöten gehört, in denen der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud immer noch lebt, und setzt ihm hartnäckig zu, eine Liste seiner Schulden und Verpflichtungen aufzustellen. Es wird eine quälende Stunde für Heinrich Pestalozzi, in dem blitzsauberen Kontor und vor dem schneeweißen Halstuch dieses Kaufmanns seine verzwickte Lage zu offenbaren; auch vermag er aus der Erinnerung unmöglich durch den Urwald seiner Bedrängnisse hindurch zu kommen. Er weicht ihm schließlich aus mit dem Verspruch, ein genaues Verzeichnis seiner Güter und ihrer Belastung aufzuschreiben; aber der Kaufmann ist nicht für Ausflüchte: dann wolle er sich, wenn es ihm recht sei, den Neuhof einmal selber ansehen, und zwar gleich andern Tags, da er doch in Geschäften nach Zürich müsse!

So kommt Heinrich Pestalozzi am nächsten Morgen nicht bescheiden mit der Post aus Basel fort, wie er gedacht hat, sondern in dem blitzblanken Reisewagen des Kaufmanns Battier mit zwei Apfelschimmeln, die den Postwagen schellenklingelnd überholen und auch weiterhin nicht wie die Postgäule bei jeder Steigung aus dem Trab fallen. Mein Leben hat zwei Straßen, sagt er seinem unternehmenden Begleiter, als er Stück für Stück der wohlbekannten Landschaft flinker als sonst nahen sieht: auf einer bin ich von Zürich gekommen und die andre bringt mich zeitweils nach Basel; es will mir scheinen, daß die Basler mir allmählich geläufiger wird! Das ließe sich ändern, sagt Battier und legt ihm von hinten — als ob er ihn umarmen wolle — die Hand auf die Schulter: Wenn Sie selber nach Basel zögen, wäre es wieder nur die eine Straße, auf der Sie gekommen sind, und zu Ihrem Sohn hätten Sie es näher!

Es zeigt sich bald, daß dies nicht nur eine Augenblicksrede war; denn als der Kaufherr noch am selben Nachmittag stundenlang unermüdlich gewesen ist, jeden Acker in Augenschein zu nehmen, mit vielen Scherzen, als ob das alles nur ein Spaß dem schönen Wetter zuliebe wäre, und als sie danach bei einem Glas Landwein in der Stube sitzen, holt er aus seiner Tasche ein Bündel Papiere heraus, die längst schon in der saubersten Ordnung enthalten, was er soeben gesehen hat: jeden Acker nach seinem Tageswert abgeschätzt, und daneben das Verzeichnis aller noch ungelöschten Schulden und Verbindlichkeiten in einer Vollständigkeit, daß Heinrich Pestalozzi erstaunt und erschrocken zugleich ist; denn wenn es vor den Augen eines nicht einmal übel gesinnten Geschäftsmannes so mit ihm steht, brauchte nur das Soll mit dem Haben vertauscht zu werden und die Rechnung ginge so auf, daß er in der Mitte mit nichts übrig bliebe. Er muß an den Bankier aus dem Geschwundenen Schwert in Zürich denken, der damals auch so im Handumdrehen seinen Besitz beaugenscheinigte; nur daß der Basler sich den Bericht des Bedienten anscheinend schon vorher verschafft hat. Aber dann kommt statt der Enttäuschung von damals die Überraschung: das sei der Vermögensstand von heute; aber wie die Felder ständen und wie sie durch resolute Behandlung werden könnten, in dieser Differenz läge ein möglicher Zukunftsgewinn für einen praktischen Mann, der den Neuhof heute zu dem gültigen Satz übernähme. Dieser Käufer wolle er selber sein und ihm also schon jetzt die Zinsen des zukünftigen Wertes als eine Rente zahlen, die ihn und die Seinen mit einem Schlag sorgenlos mache und ihm erlaube, ungehindert seiner Schriftstellerei zu leben!

Heinrich Pestalozzi spürt die herzliche Absicht in dem Vorschlag; er sieht, wie der Mann glüht, ihm wohlzutun: aber er ist den schmerzlichen Blick noch nicht los, mit dem er seinen Knaben in der Franzosenstadt im Elsaß gelassen hat. Es ist ein blauer Himmel, der sich da nach Gewitter und Nebelschwaden auftut; nur würde er seinem Sohn das Erbe ableben, wenn er den Vorschlag annähme! Auch wäre es für ihn selber ein Verrat an seinen Plänen, die er heimlich viel ernsthafter trägt, als der Basler ahnen kann, der schließlich wie die andern auch nur den Schriftsteller in ihm sieht. Er nimmt die angebotene Frist bis zur Rückkehr aus Zürich an, lässt den Kaufmann mit fröhlichem Peitschenknall gegen Abend nach Baden fahren und steht winkend an der Straße. Aber als Battier nach drei Tagen wiederkommt, ist er mit Anna tapfer entschlossen, nicht die verlockende Fahnenflucht zu machen, sondern nach soviel überstandenen Bedrängnissen auszuharren und, sei es selbst durch bittere Nöte, dem Sohn das Hoferbe zu erhalten.

Battier nimmt die Absage seines edel gesinnten Vorschlags zunächst als Eigensinn, und er sagt das auch in der ersten Verstimmung, sodaß es diesmal einen unbewinkten Abschied gibt. Aber schon nach drei Tagen ist ein fröhlicher Brief von ihm da, als ob nichts anderes im Vorschlag gewesen wäre: er wolle die drängenden Schulden auf sich nehmen ohne Kauf und Verzinsung, nur gegen eine bestimmte Anerkennungsgebühr. Jetzt braucht es also nur, sagt die Lisabeth, der er den Brief zeigt, daß ich fleißig bin und daß der Herr Pestalozzi nicht über jeden Bettler mit einem Gulden herfällt!

60.

Unterdessen geht Heinrich Pestalozzi schon gegen die Vierzig; es kann ihm geschehen, daß er wie ein uralter Rabe dasitzt und über die Trümmerfelder seiner Mannesjahre wehmütig in die ferne Jugend denkt. Die erste Neugier um den Einsiedler auf Neuhof hat sich längst gelegt, und es ist selten, daß ein Wanderer oder gar ein Wagen den Weg zu ihm aufs Birrfeld findet. Solange der Knabe noch dagewesen ist mit seinen Spielen und Gesprächen, hat die Einsamkeit nur zum Besuch kommen dürfen; nun wohnt sie in seiner verlassenen Kammer und macht sich täglich breiter im Haus. Die einzige Verbindung mit den Vorfällen der Welt besorgt die Schaffhauser Zeitung, die Heinrich Pestalozzi Samstags im Gasthof zum Sternen in Brugg liest. Da ihm der Weg dahin allmählich zu mühsam wird, namentlich bei schlechtem Wetter, hat er sich angewöhnt zu reiten. Sein struppiges Pferdchen ist, wie die Bauern sagen, genau solch eine Vogelscheuche wie die Pestilenz selber, und da er immer noch die Gewohnheit seiner Jugend hat, das Tier mit dem Zügel im Trab zu halten, gibt er einen merkwürdigen Reiter ab, dem die vornehmen Kurgäste aus Baden oder Schinznach mit spöttischem Vergnügen begegnen.

Als er so eines Samstags sein Pferd am Sternen angebunden hat und drinnen bei einem Kirschwasser die Schaffhauser Zeitung liest, ist ein Fremder da, der ihn ungeduldig abwartet, ihn dann aber klug in ein Gespräch verwickelt, daß Heinrich Pestalozzi bald merkt, einen Mann von Kenntnissen vor sich zu haben, der auch seine Schriften und Taten genau kennt, obwohl er sonst wie ein Handelsmann aussieht. Ehe er noch eine Absicht des Mannes merkt, hat der ihm beigebracht, daß seine wie alle ähnlichen Mißerfolge nur von der Vereinsamung der einzelnen Menschenfreunde kämen, die wie die Prediger in der Wüste lebten und auf die zufälligen Bekanntschaften angewiesen wären. Wenn die sich etwa an den Jesuiten ein Beispiel nehmen und sich zu einer Gemeinschaft der Heiligen zusammen tun wollten, würde der Einzelne mit einem Schlag eine Macht bedeuten. Nur dürfe es keine öffentliche Gesellschaft mit dem Ehrgeiz der Führer und der Scheu der einzelnen Mitglieder sein: Wie zum Beispiel der Geheimorden der Illuminaten Hunderte von Mitgliedern hätte, deren keins das andere persönlich kenne, weil jedes nur mit einem selbstgewählten Namen geführt würde, aber unter diesem Decknamen mit jedem einzelnen korrespondieren könne, und zwar mit vermögenden und hochstehenden Persönlichkeiten.