Das Gespräch dauert bis in die Dunkelheit, und Heinrich Pestalozzi hätte es gern noch fortgesetzt, so beglückt ihn diese geheimnisvolle Möglichkeit, seine Ideen bei Ministern und Fürsten anbringen zu können. Aber der Fremde, der seinen Stand und Namen nicht einmal andeutet, muß mit der Post nach Baden zurück, von wo er gekommen ist. Er sagt ihm noch, daß eine Nachricht von Augsburg kommen würde, die er an die selbe Stelle beantworten möge, und läßt ihn in einem Schwall von Hoffnungen zurück, mit denen er nachher in einem gespenstischen Galopp durchs nächtliche Birrfeld reitet.

Durch diese Begegnung ist der Docht seiner Pläne wieder ins Glimmen gebracht; tiefer als jeder andere glaubt er die Not des Volkes zu kennen; während die Wohltätigkeit vergeblich an den bösesten Löchern flickt und, wie er sagt, die Gerechtigkeit in der Mistgrube der Gnade verscharrt, hält er die Menschenbildung als Heilmittel in der Hand. Er hat von dem Herzog von Württemberg gehört, der mit den Seinen als einfacher Landmann lebt; nun spürte er in der Rede des seltsamen Fremden einen Hauch dieses Geistes aus Deutschland herüber wehen, und als die angekündigte Schrift aus Augsburg kommt, tritt er mit weitgreifenden Hoffnungen in den Bund der Illuminaten ein, obwohl ihm die Geheimniskrämerei daran von Anfang an mißbehagt.

Er legt sich nach dem sagenhaften König der Angelsachsen den Namen Alfred zu und ist mit fiebrigem Eifer dabei, ein Memorial nach dem andern in den namenlosen Bereich des Ordens hineinzusenden, wie ein geschäftiger Apotheker sein Heilmittel anpreisend. Es gelingt ihm auch bald, über seine Vorschläge zur Menschenbildung mit einflußreichen Persönlichkeiten in einen direkten Briefwechsel zu kommen, unter denen der Herzog von Toskana und Graf Zinzendorf, der Minister Josefs II. in Wien, die wichtigsten sind. Von allen Zeiten seines Lebens ist diese nun die seltsamste, wo er sich in der bäuerlichen Verborgenheit des Neuhofs allmählich seinen Landsleuten aus dem Augenkreis verschwinden und den Ruhm seiner Schriftstellerei nach jedem neuen Buch mehr versiegen sieht, während er mit Ungestüm an das Gewissen von Ministern und Fürsten klopft. Den ersten Teil von Lienhard und Gertrud hat er noch im Angesicht des Birrfeldes geschrieben, und die Abendstunden von Christoph und Else haben als Katechismus in die Strohhütten gesollt: nun wachsen sich die beiden letzten Bände von Lienhard und Gertrud immer mehr in Gesetzesvorschläge hinein; aus dem Ungetüm der Wirtshäuser wird das Ungetüm der Verwahrlosung überhaupt, und an die Regierenden in Europa geht sein Aufruf, es mit dem Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu bekämpfen.

Er ist acht Jahre älter geworden seit dem ersten Band, als er den vierten hinaussendet, und er stapft schon mit einem Fuß auf die Fünfziger zu; die Straßen nach Basel und Zürich geht er nun gleich wenig, wohl aber studiert er auf der Karte die Reise nach Wien, wo Zinzendorf sich immer mehr für seine Dinge erwärmt und wo der Glanz des Kaisers seine Hoffnungen anlockt. Für die Bauern im Birrfeld bleibt er die Pestilenz, die sie nun schon wie etwas Zugehöriges über die Straßen reiten oder Sonntags in der Kirche nach seiner Gewohnheit am Halstuchzipfel lutschen sehen; für die weitere Heimat ist er die Vogelscheuche seines Ruhms geworden, die immer noch den unnützen Phantastereien seiner Jugend nachhängt und sich den letzten Ausweg zum Wohlstand als Schriftsteller mit dem angeborenen Ungeschick verbastelt hat.

61.

Lisabeth, die Magd, ist in den Jahren fleißig und sparsam gewesen, wie sie Heinrich Pestalozzi versprochen hat; sie hält die verkleinerte Wirtschaft über Wasser, bis der Jakob sie übernehmen kann. Der ist aus Mülhausen durch den tapfer sorgenden Battier in seine Handlung in Basel übernommen worden, um einmal besser als sein Vater für die geschäftliche Führung gerüstet zu sein. Doch läßt ihn seine Krankheit nicht mehr los; als er wieder auf den Neuhof kommt, ist es auf den ersten Blick ein großer und starker Jüngling, aber für Heinrich Pestalozzi stehen ihm die Spuren seines Zustandes zu grausam im Gesicht, als daß er seiner froh werden könnte.

Er ist ein Vierteljahr da, als der Vater Annas in seinem fröhlichen Greisentum kränkelt; der Tod nimmt ihn weg, bevor ein längeres Siechtum ihn mißmutig machen könnte. Sie begraben ihn an einem harten Wintertag hinter dem kleinen Schulhaus in Birr; auch die Brüder Annas sind da, und einer entäußert sich des gemeinsamen Verdrusses, daß sie nun ihren Vater, der doch ein Zürcher Bürger und Zunftpfleger gewesen sei, auf dem bäuerlichen Kirchhof im fremden Aargau begraben müßten, alles um der Projekte seines Schwiegersohnes willen! Heinrich Pestalozzi weiß, daß ihn viel mehr die Unstimmigkeiten mit den Söhnen auf den landfremden Altenteil getrieben haben — wodurch ihm die eigene Mutter scheu in der Einsamkeit des Roten Gatters geblieben ist — er hört aus den Worten des Schwagers schon die Entscheidungen heraus, die nachher kommen sollen, als es gilt, den Rest der Erbschaft aus dem Pflug zu teilen; denn so fern die Geschwister Schultheß allem stehen, was nach einem Erbstreit aussehen könnte, so wenig verhehlen sie ihre Besorgnis, daß auch der letzte Teil Annas in neuen Plänen verschwinden möge. Es findet sich auch eine Klausel im Testament, und ehe sich Heinrich Pestalozzi dessen versieht, ist er in endlose und manchmal hitzige Verhandlungen verwickelt, in denen sein eigener Sohn den Prozeßgegner vorstellt. Es wird schließlich ein Pakt gemacht, laut welchem er seinem minderjährigen Sohn Jakob den Neuhof für sechszehntausend Bernergulden verkauft; doch erhält er dieses Geld nicht, sondern es werden damit die Brüder Annas und andere Gläubiger abgelöst.

Es ist eine klare Regelung, und Heinrich Pestalozzi kann mit dem Ergebnis zufrieden sein, da es den Neuhof für seinen Sohn sichert, wie er es selber gewollt hat; auch werden die Beratungen mit dem Respekt geführt, den man dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud schuldig zu sein glaubt: aber das mildert nur wenig an der Grausamkeit, mit fünfundvierzig Jahren schon ausgezogen und auf die freiwillige Unterhaltung durch seinen Sohn gesetzt zu sein! Und bitterer noch als dieses Ergebnis sind die Bedenken, die dahin führten und die ihn — so sehr es auch verklausuliert wird — gleich einem Verschwender entmündigten.

So bin ich denn lebendig begraben! spottet Heinrich Pestalozzi grausam, als er seinen Namen unter den Vertrag gesetzt hat und unter dem Vorwand, in Bern mit dem Herrn von Fellenberg unterhandeln zu müssen, nicht mit Anna auf den Neuhof zurückgeht. Er kommt an dem Tag nur bis Kirchberg; denn als er da gegen Abend mit der Post durchfahren will, erschüttert ihn der Anblick der bekannten Fluren so, daß er aussteigt und sich in wehmütige Erinnerungen verliert. Es sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, seitdem er hier gelernt hat, und da der Vater Tschiffeli seit zehn Jahren in der Erde liegt, stehen die Felder längst nicht mehr von ihm bereitet da. Die Krappkultur ist auch hier bis auf spärliche Reste eingegangen, und wo damals junge Alleen führten, hängen jetzt vereinzelte Bäume verwildert im roten Laub: Ich bin Landwirt geworden, sagte er, wie ein Brot in den Backofen sollte; da haben sie mich vergessen, und ich bin in den Krusten vertrocknet!

Es fällt ihm ein, wie er hier mit Anna umher gegangen ist, mehr sie den Leuten, als ihr die Dinge zeigend; und weil sie damals einen Ausflug nach Burgdorf und seinem ragenden Schloß gemacht haben, läuft er noch am selben Abend durch den Mondschein dahin. Er kommt erst in der Nacht an und sieht nur noch im Unterdorf Licht in einer kleinen Wirtschaft, weil eine Kuh kalbt. Da findet er zwar ein Lager, aber er schläft nicht bis in die Frühe, und als dann endlich die bleierne Ermüdung auf seine rastlosen Gedanken gefallen ist, wird er bald wieder aus dem Morgenschlaf geweckt. Er träumt, daß er noch eine Armenanstalt habe und sich eifrig mit den Kindern plage; aber wie er wach wird, ist es die Hintersassenschule nebenan mit ihrem Lärm. Es lockt ihn nachher, als er mit der Morgensuppe fortgeht, die Schultür zu öffnen und in den Raum hinein zu sehen, wo immer noch wie damals in der Hausschule zu Zürich der Lehrer mit einem Stock schreiend in der Klasse herum wandert. Der Mann bemerkt ihn gleich und läuft unwirsch auf ihn zu: was er wünsche? Heinrich Pestalozzi sieht an seiner Schürze, daß es ein Schuhmacher ist, und die Bitterkeit schießt ihm auf, daß in der Schule das gleiche Elend geblieben ist durch vier Jahrzehnte: Ich wünsche, daß dies anders werden möchte! sagt er und geht fort, während der verdutzte Schulmeister in der Tür steht und dem Landstreicher nachsieht.