Von Burgdorf nach Bern sind es fünf Stunden; er braucht den ganzen Tag dazu. Ich komme doch überall Zu früh, sagt er doppelsinnig zu sich selber, indem er bald hier, bald dort seinen Einfällen nachgeht und so schließlich erst gegen Abend vor dem Stadttor steht, bestaubt von der Straße und auch sonst unansehnlich genug. Zufällig sieht ihn da der Offizier der Wache, dem er verdächtig scheint; er fragt ihn nach seinem Namen, den er nicht weiter kennt, und da der Wanderer an seinem Halstuch lutschend ihm blöd vorkommt, läßt er ihn ohne weiteres als einen Landstreicher abführen. So kommt Heinrich Pestalozzi statt zu dem Ratsherrn von Fellenberg ins Fremdenarmenhaus, und seine Stimmung ist so, daß er sich nicht einmal ungern dahin abführen läßt; es ist ihm oft genug von den Züricher Freunden als sein sicheres Ziel prophezeit worden. Meines Besitzes ledig, ohne Amt oder Beruf, auf nichts als auf die Einfälle meiner Feder gestellt und auch damit längst nicht mehr willkommen: was bin ich vor ihrer bürgerlichen Ordnung anders als ein Bettler!
Als er seine Suppe und nachher ein Bett erhält, die eine wohlschmeckend und das andere sauber, vergeht sogar seine düstere Stimmung: er findet sich besser aufgehoben als zur vergangenen Nacht in Burgdorf, und die Freude, daß für die anwandernden Armen in Bern so gut gesorgt ist, macht ihn fast fröhlich. Er schläft gut, ißt andern Morgens in der Frühe wieder seine Suppe und macht sich Freund mit seinen Leidensgenossen. Ich habe eine Frau, ein Gut und einen Sohn gehabt, es ist ein Strudel von Sorgen und Aufregungen um mich gewesen, ich bin berühmt geworden mit einem Buch und wieder vergessen mit einem andern: aber alles das war mein Leben nicht! Ich hätte arm sein und bleiben sollen wie einer von diesen; das andere hat mich vom Notwendigen abgebracht und in tausend Alltäglichkeiten verstrickt, die nicht die Atemzüge wert waren, die ich dran wandte!
Er bleibt noch bis gegen Mittag da; erst, als er nachher eine Weile spazieren will, merkt er, daß sie ihn gefangen halten, und schickt dem Herrn von Fellenberg einen Zettel. Es dauert nicht eine halbe Stunde, so kommt der Ratsherr selber angeritten, und der Aufseher kann sich nicht genug verwundern, wie er vom Pferd springt und dem angeblichen Landstreicher um den Hals fällt. Hernach scheint er gereizt genug, sie alle um das Versehen anzufahren; aber Heinrich Pestalozzi legt ihm sogleich die Hand auf den Arm und lächelt ihn listig an mit allen Runzeln seines Gesichtes: Ich wollte doch nur sehen, wie ihr mit Betten und Suppen für die Landarmen sorgt!
62.
Erst als er mit dem Ratsherrn, der sein Pferd am Zügel führt, durch die Straßen von Bern geht, gesteht sich Heinrich Pestalozzi den Zweck seiner Reise ein: Fellenberg hat ihn dem Grafen Zinzendorf empfohlen; nun will er seinen Rat und andere Weisungen für Wien holen, denn nichts anderes als eine Wanderung dahin hat er im Sinn. In den Neuhof zurückzukehren, scheint seinem Trotz unmöglich, und sonst gibt es in der Schweiz nichts mehr für ihn zu tun; in Zürich, Basel und Bern, überall ist er der lästige Projektemacher. Zinzendorf war ziemlich der einzige, der ihm über den vierten Teil von Lienhard und Gertrud begeistert geschrieben hat; wenn er ihm unter die Augen träte — er hat sich den Augenblick hundertmal ausgemalt — könnte es garnicht fehlen, daß der Minister auch eine Stelle fände, sein Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu versuchen!
Fellenberg scheint diesen Reiseeinfall zunächst für einen Witz zu halten; er fitzt ein paarmal mit der Reitgerte durch die Luft und lacht dazu, als sie nachher miteinander auf einer Fensterbank sitzen: Das wäre allerdings keine üble Szene, wenn er in Wien als Wunderdoktor aufträte! Aber als Heinrich Pestalozzi mit einem Freudenruf aufspringt und redend ins Zimmer läuft, wie wenn er schon vor dem Grafen stände, wobei er sich freilich in einen Teppich verfängt und stolpert, fällt der Ratsherr ihm in den Arm, setzt sich aber gleich hin, ingrimmig lachend und den Kopf abermals schüttelnd wie einer, der mit seinem Verstande zu Ende ist. Je mehr sich Heinrich Pestalozzi in die Einzelheiten seines phantastischen Plans hinein redet — wie er als dramatischer Dichter versuchen will, dem ganzen Hof ins Gewissen zu reden — je schweigsamer wird der andere; bis beide schweigen und Fellenberg sich mit aller Gewandtheit seiner Diplomatie daran gibt, das Schaukelbrett wegzuziehen, darauf die Pläne seines Gastes gebaut sind: Der Wiener Hof und der Graf Zinzendorf hätten zur Zeit andere Dinge zu bedenken; der Kaiser Josef, durch dessen Eifer alle Mühlen in Österreich so eifrig am Mahlen gewesen wären, läge sterbenskrank darnieder, verbittert am Widerstand seiner Zeit. Er würde ihn wohl kaum noch lebend finden, wenn er in Wien ankäme; und so große Hoffnungen auch auf seinen Bruder Leopold, den Herzog von Toskana, als seinen Nachfolger zu setzen wären — Heinrich Pestalozzi habe ihm ja immediat schreiben dürfen und besitze sicher einen Gönner in ihm — er würde den Staat in einer Verfassung finden, die fürs erste auf andere Dinge als noch mehr Reformen ginge! Und was er sich sonst unter Wien und seinem Hof vorstelle? Es könne ihm passieren, daß er, einmal versehentlich ins Armenhaus gebracht, nicht so leicht wieder herauskäme wie hier. Jedenfalls würde ihn der Graf Zinzendorf kaum selber herausholen!
Es hilft nichts, daß Heinrich Pestalozzi seine Gegengründe mit den Armen heran bringt, diese Dinge kennt der Ratsherr besser als er; und da der ihm weder in Bern noch sonst in der Schweiz einen Platz für seine Experimente weiß, tritt er nach drei Tagen, gedemütigter als er gekommen ist — trotz aller ehrenden Sorge des Ratsherrn — seine Rückreise nach dem Neuhof an. Da es sein muß, vermag er den Weg nicht durch eine neuerliche Wanderung in die Länge zu ziehen; er fährt mit der Post und langt nach einer durchrumpelten Tagesfahrt nachmittags in Lenzburg an, von da über den Berg zu laufen. Er will sich im »Löwen« noch stärken für den Marsch, als ihm sein Sohn aus der Tür mit einem Mädchen entgegentritt, das er nach der ersten Überraschung als eine Brugger Tochter namens Fröhlich erkennt, die auch schon einigemal im Neuhof gewesen ist. Die beiden haben sich, wie sie abwechselnd errötend sagen, zufällig hier in Lenzburg auf dem Markt getroffen und wollen mit ihren Eltern im Wagen nach Brugg heimkehren. Da er ablehnt, mitzufahren, und der Wagen schon wartet, treten sie garnicht mehr mit ihm ein; so kommt er trotz der Begegnung allein mit dem Abend ins Birrfeld hinunter, nun völlig sicher, daß kein Platz mehr für ihn und seine Pläne auf dem Neuhof ist.
63.
Es geschieht so, wie Fellenberg prophezeit hat; nach einigen Monaten liest Heinrich Pestalozzi in der Schaffhauser Zeitung, daß der edle Kaiser Josef im neunundfünfzigsten Jahr seines Lebens und im fünfundzwanzigsten Jahr seiner Regierung gebrochenen Herzens gestorben sei. Damit ist der Rest seiner heimlichen Hoffnungen allein auf seinen Nachfolger Leopold gestellt, und im Herbst wagt er es, ihm mit einer Schrift durch den Grafen Zinzendorf seine Dienste anzubieten. Aber auch damit hat Fellenberg recht gehabt, der Brief bringt ihm nie eine Antwort ein, und während er nach Trostgründen sucht, stirbt der neue Kaiser seinem Bruder rasch hinterher.
Unterdessen ihm die Weltgeschichte diese Striche durch seine phantastische Rechnung macht, beeilt sich sein Sohn Jakob mit der Anna Magdalena Fröhlich von Brugg; im einundzwanzigsten Jahr macht er Hochzeit, und seitdem sitzt Heinrich Pestalozzi wirklich auf dem Altenteil im Neuhof. Seine Frau ist nun fast immer bei ihrer Freundin auf Schloß Hallwyl, und ihn treibt seine einsame Ruhelosigkeit nach Zürich, wo er den Rest seiner Freunde gelegentlich um neue vermehrt. Noch immer ist es die gelobte Stadt schwärmerischer Jünglinge, denen die Lage am See, der Ausblick ins Gebirge, dazu die gastliche Geselligkeit ihrer reichgewordenen Bürger und nicht zuletzt das durch Bodmer — den auch nun längst gestorbenen — begründete literarische Leben einen Zauber von freier Schönheit vortäuschen. Obwohl seine Schriften weder im Einklang mit dem Wesen der Stadt noch mit ihrem Ruf stehen, ist der Verfasser von Lienhard und Gertrud doch für manchen der fremden Jünglinge eine Bekanntschaft, die ihnen zugehörig scheint; und das Angenehmste, was Heinrich Pestalozzi von seinem Ruhm erlebt, wird ihm von ihnen gelegentlich in Zürich zuteil.