So trifft er einmal einen jungen Holsteiner namens Nicolovius, der mit dem Grafen Stolberg nach Zürich gekommen ist und sich — wie er Heinrich Pestalozzi sagt — seit Beginn der Reise darauf gefreut hat, ihn zu sehen. Die norddeutsche Kühle des jungen Mannes entspricht wenig dieser warmen Versicherung, und er erwartet eigentlich nicht viel, als er ihn einlädt, ihn einmal auf dem Neuhof zu besuchen. Wie er dann aber kommt, ist er ohne seinen Grafen viel weniger steif, und als sie erst einen Spaziergang miteinander machen übers Birrfeld und Müligen nach der Reuß hinunter, erschließt er ihm bald sein Herz. Der Jüngling hat all seine Schriften mit glühendem Eifer gelesen und den Plan seines eigenen Lebens darauf gebaut. So erlebt Heinrich Pestalozzi ganz unvermutet an ihm das Glück einer wirklichen Jüngerschaft; in der Gedrücktheit seiner Lage wird das ein berauschendes Erlebnis für ihn, und wie er trotz Iselin und Battier niemals zu einem der Schweizer Freunde hat sprechen dürfen, so öffnet er diesem Jüngling sein Herz. Er kommt fröhlicher als seit langem heim, und darum fällt ihm die Traurigkeit so schneidend ins Herz, als um einer Besorgung willen sein Sohn ins Zimmer tritt und die beiden nebeneinander stehen, ziemlich gleich groß im Bau, aber der eine stumpf und von der Verbitterung seiner Krankheit mißmutig, trotzdem er das fröhlichste Frauenzimmer der Welt sein eigen nennt, der andere hell, klug und voll Schwung, ein junger Bach, in den er alle Trübheit seines Alters gießen könnte, ohne die gläserne Helligkeit zu trüben. Ach wäre es mein Sohn! schreit eine Stimme in ihm auf, wieviel leichter stände ich in der Welt, einen solchen Erben meiner Wünsche für die Menschheit zu haben! Und um nicht weinend über diesen Zwiespalt dazustehen, läuft er hinaus gegen den Wald, mit stürzenden Tränen wie in seiner Jugend.
64.
Nicht lange danach macht Heinrich Pestalozzi die erste größere Reise seines Lebens; die Tante Weber in Leipzig ist gestorben, und weil er am ehesten abkömmlich ist — wie ihm der Vetter Hotze in Richterswyl nicht ohne Spott beibringt — reist er als Erbbevollmächtigter seiner mütterlichen Familie hin. Er reist gern, weil er sich freut, das Bärbel wiederzusehen, das ihm in den fünfzehn Jahren als Frau Groß nicht untreu geworden ist und aus seinen Briefen von allem Schicksal weiß. Dahinter aber lockt die Hoffnung, daß er nun selber in dieses große Deutschland fährt, aus dem ihm immer noch das stärkste Echo gekommen ist. Vielleicht, daß er doch einen Reichsfürsten für seine Pläne findet!
Die Fahrt geht noch im nassen März über Schaffhausen, Ulm, Nürnberg, Bamberg; aber diese Städte sind nur die größeren Nachtpausen in der endlosen Fahrt, die durch ein Gewirr von waldigen Hügeln, Wiesentälern und Ackerfeldern unaufhörlich über neue Grenzen in immer fremdere Gebiete führt. Wie es heißt, sind deutsche Heere nach Frankreich gezogen, den gefangenen König zu befreien, und überall begegnet er den Spuren dieses Feldzugs, sodaß er froh ist, nach einer fast vierzehntägigen Reise endlich in Leipzig zu sein. Er findet seine Schwester, die als Mädchen fortging, als eine stattliche Matrone wieder an der Seite eines Mannes, der vom ersten bis zum letzten Augenblick des Tages keinen andern Gedanken hat als sein Geschäft. Die Förmlichkeiten der Erbschaft denkt er bald zu erledigen und danach den eigenen Sachen nachzugehen; aber eine Eingabe zieht die andere nach sich und ein Anwalt den andern; schon nach acht Tagen sitzt er vor einem Berg von Akten, und jedes Papier hat die Sache schwieriger gemacht. Dabei ist er ein Schweizer unter lauter Sachsen, und so komisch er ihre Sprache findet, sie können das Lachen nicht verhalten vor der seinen. Selbst wenn er jemand für seine Sache eifrig gemacht hat, zerstört ein Gespräch mehr, als drei Briefe Nutzen brachten. Ist er in der Schweiz mit seinen Taten der Narr der Leute gewesen, so wird er es hier mit seiner Erscheinung; er vermag schließlich nur noch ängstlich über die Straßen zu gehen, weil immer wieder die Buben mit Gelächter hinter ihm drein laufen.
Sein geheimer Plan, nach Weimar oder sonst an einen Fürstenhof zu fahren, verdrückt sich dadurch; verschüchtert und ingrimmig über die langwierigen Termine und die Ergebnislosigkeit seiner Reise fängt er bald an, Heimweh nach seiner Schweiz zu kriegen, und eher, als er gedacht hat, ist er auf der Rückfahrt. Nicht einem Menschen hat er ernstlich von seinen Dingen sprechen können, aber mit seinen Luftschlössern im Ausland ist er trotzdem fertig. Er hat gesehen, daß Zürich und Leipzig für ihn dasselbe ist; hier wie dort gibt es Stadtbürger, deren Namen einem gefüllten Geldsack den Klang verdankt; hier wie dort sind diejenigen weiße Raben, die mehr als ihren Vorteil wollen, nur daß er die weißen Raben daheim allmählich kennt und zu beurteilen weiß, während er dort nicht einmal zu einer oberflächlichen Kenntnis kommt! Auch auf der Heimreise sieht er nichts von den Ländern, durch die sein Postwagen fährt. Überall Postmeister, Stadtsoldaten und Zöllner, Schlagbäume und mürrisch geöffnete Stadttore. Ohne ein eigentliches Erlebnis kommt er gedemütigt wieder an und nicht geneigt, mehr als seinen geschäftlichen Bericht von der Reise zu geben. Daß er zweimal dicht am Rheinfall vorüber gefahren ist, erfährt er erst, als man ihn danach fragt.
Das einzige, was er mitbringt, sind die ungeheuren Vorgänge in Paris, von denen täglich neue Blutberichte nach Leipzig kamen. Noch lebt der König, aber schon weiß man, daß er kaum mehr als ein Gefangener der Empörer ist. Auch sonst scheint die Weltordnung einzustürzen; das Elend und die Verzweiflung der Armut stehen auf, wie Heinrich Pestalozzi es längst befürchtete, und da er das Heilmittel angepriesen hat, die Regierungen mit ihren Völkern übereins zu bringen, kommt er sich wie ein Prophet vor, auf den niemand hören wollte. Aber als bis in den Hochsommer hinein sich die Schreckensnachrichten häufen, sodaß es scheint, als ob Paris den Untergang Jerusalems noch einmal erleben solle, bekommt er die Nachricht, daß ihm die Nationalversammlung der Empörer in Paris das Ehrenbürgerrecht des französischen Volkes verliehen habe. Achtzehn Ausländern ist es zugesprochen worden, und neben den weltberühmten Namen Washington, Klopstock und Schiller sieht er den seinigen geehrt, wie er es niemals geträumt hätte.
Er ist wieder einmal mit Hans Heinrich Füeßli zusammen — den sie unterdessen in Zürich auf den Lehrstuhl für vaterländische Geschichte am Collegium Carolinum berufen haben — als die Nachricht eintrifft: Das ist was Rechtes, spottet der, um seine Freude zu verbergen, Ehrenbürger einer Räuber- und Mörderbande zu sein! Aber in seinem Kopf haben alle Gedanken schon eine neue Windrichtung angenommen: Wo Heinrich Pestalozzi Ehrenbürger wird, sagt er fest, und bleibt in seiner Gläubigkeit allem Hochmut fern, ist etwas Gutes im Wege! Für eine Räuberbande könnten sie landauf, landab schon andere Leute finden, auch in Zürich.
Trotzdem, ein Ehrenbürger des Aufruhrs bleibst du, sagt Füeßli nun gleichfalls ernst und setzt seinen Hut auf, weil er doch gehen will! Da gibt ihm Heinrich Pestalozzi die Hand, und jedes Rünzelchen seines braunen Gesichts scheint einzeln zu lächeln: Du meinst, weil ich selber ein Aufrührer sei? Ich hätte freilich gern euren Brei gerührt, er war zu zäh für meine Holzlöffel, die mir nacheinander zerbrochen sind. Was gilts, die haben eiserne Löffel, und ihr werdet daraus essen müssen!
65.
Seit diesem Tag ist ein Schein in der Welt, der Heinrich Pestalozzi das Blut unruhig macht; er fühlt, daß es die Sache der Menschheit ist, die in Paris verhandelt wird, und soviel Greuel da mit Greueln totgeschlagen werden: er wartet aus der wilden Mordnacht getrost auf ein Morgenlicht, das auch seinen Dingen scheinen soll. Für ihn bedeutet die Verkündigung der Menschenrechte auch die der Menschenpflichten; während die Franzosen ihrem König den Kopf abschlagen, schreibt er in einer glühenden Schrift sein klares »Ja oder Nein« zu dem Aufruhr der verwahrlosten Menschennatur; und weil er sieht, wie nun das Christentum von denen zur Hilfe gerufen wird, die es bisher nicht brauchten, scheut er sich nicht, die Übereinstimmung der christlichen Lehre mit den sozialen Forderungen der Revolution in einer zweiten Flugschrift darzulegen. Aber er findet keinen Drucker in der Schweiz für diese Kühnheiten, und seine Freunde sind erlöst, daß er sie ins Schubfach legt.