Indessen Heinrich Pestalozzi so die flackernden Brände der Zeitgeschichte in den Spiegel seiner Ideen nimmt, sitzt er selber noch überflüssig auf dem Neuhof im Altenteil; so kommt ihm eine Anfrage seines Vetters, des Doktors Hotze, recht: Der will eine längere Reise nach Deutschland machen, wo seine Tochter einen Herrn von Neufville in Frankfurt heiratet, und er soll ihm über den Winter das Haus in Richterswyl hüten. Er sieht sich als stellvertretender Hausherr in die Sorglosigkeit eines wohlhabenden Hauses am See verpflanzt, den Freunden in Zürich mit einer nicht zu umständlichen Schiffahrt erreichbar und mitten in einer Landschaft, die ihn mit den letzten Gesängen der Weinernte umfängt und gegen das rauhe Birrfeld ein einziger Garten ist. Zum erstenmal in seinem unrastigen Mannesleben weicht die Täglichkeit der Sorgen von ihm zurück, und während er in den ersten Tagen sein zeitweises Besitztum abschreitet, gegen den See hinunter und bis an den Wald hinauf, kommt es ihm vor, als habe er in seinem Leben noch keinen Spaziergang gemacht.

Wie er nun eines Tages unten am See sitzt und sich von der letzten Wärme der Herbstsonne durchschauern läßt — es ist dieselbe Stelle, wo ihn die Mutter damals auf den Armen ins Haus holte — muß er an den Knaben im Federhut denken, der es unterdessen bei den Kaiserlichen zum General gebracht hat. Wo sind meine Taten? fragt er da in die blausonnige Seewelt hinaus, und alles, was er an großen Dingen versuchte, erst mit seinen mißlungenen Gründungen, danach mit seiner Feder, scheint ihm ärmlich und zerstreut. Wohl hat er mit Lienhard und Gertrud einen Plan aufgebaut, wie der verwahrlosten Menschheit zu helfen wäre, aber der Plan ist auf das Herrenrecht gegründet gewesen, das er nun überall wanken sieht. Er ist nicht auf den Grund der Menschennatur gegangen, er hat seine Vorschläge an Verhältnisse geklebt, die sich vor der großen Abrechnung, die nun kommt, nicht halten können, und so bröckeln sie mit ihnen hin. Nichts scheint ihm fest in dieser Zeit, als der Gedanke der menschlichen Verpflichtung, der sich im Schicksal der Tage aufringt und aus dem allein die Ordnung der Zukunft kommen kann.

Er sitzt noch mitten in dieser Rechnung, als er drei Männer vom Haus herunter an den See kommen sieht, von einer Magd zu ihm gewiesen: Landfremde, die er aus Zürich kennt, zwei Deutsche und der dänische Dichter Baggesen; der eine Deutsche aber, namens Fichte, hat die Tochter einer Freundin in Zürich geheiratet und ist ihm dadurch wie durch den Steilflug seiner Gedanken vertrauter geworden. Wie die drei gerade in dieser Stunde daher kommen, wird ihm alttestamentlich zumut, so wohl tut ihm ihre Gegenwart. Noch sind sie keine Stunde da, als er schon tief im Gespräch ist, wie nichts nötiger sei als eine Nachforschung über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts. Die Abrechnung mit der alten Zeit ist da, und allein aus der Natur kann die Formel für die neue gefunden werden. Er hat ein Gefühl, als ob ihm in der Tiefe ein Strom aufgebrochen wäre, daraus seine Rede zur Sprache des Lebens selber würde. Und da es Männer sind, die wie er diese Zeit im Innersten erleben, die nicht wie die Regierenden und Besitzenden händeringend um die bedrohte Macht und ihren Reichtum dastehen, sondern in sich die Seele und das Schicksal ihres Volkes und der Menschheit fühlen, spricht er nicht rauben Ohren. Der Tag geht hin und die halbe Nacht; und obwohl sie kaum Wein dazu trinken, ist ein Rausch in ihnen, daß sie sich aller Dinge kraft ihres Geistes mächtig fühlen.

Als gegen Mitternacht der Mond aufgeht, treten sie noch einmal hinaus, wo eine alte Linde ihre Äste über den Hof senkt. Das ist unser Freiheitsbaum, sagt Heinrich Pestalozzi und faßt die Hände seiner Nachbarn: seine Wurzeln im Saft der Erde halten die Krone im Wind; kein dürrer Steckling, sondern eine gewachsene Kreatur! Ehe sie es selber merken, hat sich auch Fichte als der vierte eingefaßt, sodaß sie in einem Ring um den Lindenbaum dastehen. Aber der Stamm ist so dick in den Wurzeln, daß sie sich alle vier ihm dicht zuneigen müssen und mehr in einer Umarmung als zum Reigen dastehen: Es ist nichts mit dem Tanzen, sagt Heinrich Pestalozzi, jetzt weiß ich, warum die Freiheitsbäume der Franzosen so dünn sind!

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Danach fühlt Heinrich Pestalozzi, wie alles in seinem Leben der Auflösung entgegengeht. Nach dem Winter in Richterswyl findet er sich nicht mehr in den Neuhof zurück; wohl hält er sich auch danach noch wochenlang dort auf, aber seitdem seinem Sohn eine Tochter Marianne geboren ist, die ihn zum Großvater macht, sitzt et nur noch wie ein Zuschauer dabei, wenn sie sich abends im Lichtkreis um den Tisch sammeln — es ist immer noch die Messinglampe, die ihm schon in Müligen geleuchtet hat und bis auf den Tag das Staatsstück des Hauses vorstellt. Er ist nun wieder viel und gern bei seiner Mutter, die noch einmal nach der kleinen Stadt hinübergezogen ist, wo sie mit einer Aufwärterin in zwei Stuben ihr einsames Wesen hat; denn auch das Babeli liegt bei St. Leonhard begraben nach seinem tapferen Leben. Sie ist nun in der Mitte der Siebziger, schlohweiß und eingeschrumpft; doch weiß sie noch immer, daß sie eine geborene Hotzin ist, und Heinrich Pestalozzi erfährt manchen Tadel, weil er nicht acht gibt auf ihre Ordnung und Reputation. Am liebsten hat sie, wenn er vom Bärbel und seinem Besuch in Leipzig erzählt und wie da alles in den Glanz des bürgerlichen Lebens gekommen ist, den sie entbehren mußte; es gibt Fragen, die sie schon hundertmal gestellt hat und deren Antwort sie doch immer mit der gleichen glücklichen Neugier abwartet. Auch ein paar dunkle Stellen sind da um den andern Sohn, wo sie den Kopf schüttelt und am Boden wie auf einer Landkarte den Verschollenen sucht; doch kennt Heinrich Pestalozzi die Brücken, um sie rasch hinüberzubringen in die sicheren Umstände ihrer Täglichkeit.

Eines Tages im März wacht sie nicht mehr auf aus ihrem Mittagsschläfchen; aber als er sie findet, liegt abgegriffen und weich, kaum noch wie ein Papier, der letzte Brief ihres Johann Baptista unter der Schürze, als ob sie ihn auch noch vor dem Tod ängstlich verstecken wolle.

Nun stehen wir vorn, sagt Heinrich Pestalozzi zu seiner Frau, als sie von dem Kirchhof bei St. Anna zurückkommen und abgesondert von den Leidtragenden in die leere Wohnung der Mutter gehen: wir beide sollten nun hier wohnen und auf den Herold mit der Sense warten! Aber Anna Schultheß, die auch schon achtundfünfzigjährig und eine rechte Großmutter ist, hat in den dreißig Jahren gelernt, daß nichts weniger als abwarten seine Sache ist: Wer weiß, sagt sie und lächelt ihn mit der Güte an, die über alles Schicksal ihr edles Teil für ihn geblieben ist: wer weiß, auf welchen Wegen wir noch gehen und den Herold abholen müssen!

Abend

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