Als Heinrich Pestalozzi und seine Frau Anna ein paar Stunden lang still miteinander in den Stuben geblieben sind, daraus sie morgens seine Mutter als die letzte von den vier Eltern ihrer Ehe auf den Kirchhof getragen haben, trennen sich ihre Wege für lange Zeit. Nicht, daß sie unfriedlich auseinander gingen; ihre Seelen sind selten so im Rätsel der Vertrautheit gewesen wie an diesem Nachmittag, wo sie im Vorhof des Todes und also im Allerheiligsten des Lebens ihre Hände und Augen ineinander legen und das Naheste ihres Lebenskreises, ihr Fleisch und Blut im Neuhof und dahinter die Herzensfreunde nur noch wie eine fremde Ferne fühlen. Aber Abmachungen vom Morgen rufen Anna zu ihren Brüdern im Pflug, wo noch am Abend ein Wagen sie zu einer Freundschaft abholen soll. Er mag weder zum einen noch zum andern: Es sind deine Sachen, sagt er, wie meine Mutter allein die meine ist; ich will noch ein paar Tage ihr Sohn gewesen sein, weil nun der Faden meiner Kindheit abgeschnitten wurde.
Es schlägt fünf Uhr, und der Märztag geht rötlich dem Ende zu, als er sie auf die Straße bringt. Wir sind im Nachmittag, sagt er, und weil am Morgen und Mittag alles kam, wie es geschehen mußte, wird auch der Abend unseres Lebenstages nicht anders sein! Danach geht er hinauf und sitzt zum Abend schon tief in den Gedanken, die seit Wochen und Monaten das Selbstgericht seines Daseins sind: »Ich will wissen, was der Gang meines Lebens, wie es war, aus mir gemacht hat; ich will wissen, was der Gang des Lebens, wie es ist, aus dem Menschengeschlecht macht!« Das sind seine Nachforschungen aus Richterswyl, und er verläßt die Stuben seiner Mutter nicht eher, als bis er die Schrift vollendet hat, an der er nun schon im dritten Jahr seine Denkkraft versucht. Er schreibt sie nicht für sich und nicht um seinetwillen, er sieht sich in der Menschheit und die Menschheit in sich, er will der wirren Zeit einen sicheren Maßstab und Weiser ihrer Taten geben. Dies aber ist ihm im Einzelnen wie in Allen der gleiche Gang der Natur: aus dem tierischen Paradies der Jugend in die gesellschaftliche Verpflichtung als Bürger, als Teil der Familie, der Gemeinde, des Staates, als Erfüller eines Berufes; doch kann für ihn dieses Dasein des brauchbaren Bürgers nicht Sinn und Ziel des Lebens sein: das Ziel ist allein der Mensch als sittlicher Zustand, der sich jenseits von allem bürgerlichen Zweck in das Weltwesen einordnet, wie es der Weisheit des Alters vorbehalten scheint. Die selige Unschuld der Jugend kann er mit dem Bewußtsein des Alters nicht wieder erreichen, aber doch die Unfreiheit des gesellschaftlichen Menschen überwinden und als letzte Einsicht die Einheit der Kreatur mit dem Schöpfer wieder gewinnen, die das Tier in seiner paradiesischen Unschuld nicht verliert.
Es ist der Abschied von seinen Mannesjahren, den Heinrich Pestalozzi einsam feiert, als er über dieser Schrift wochenlang mit dem hitzigen Eifer seiner Jünglingsjahre sitzt. Daß er sie in der Stube seiner Mutter niederschreibt, bringt ihm auch sonst die Stimmung der Zeiten zurück, da er den spartanischen König Agis in die Zürcher Verhältnisse beschwor. Wie damals hätte er gern einen Kreis Gleichgesinnter gehabt, ihnen die gelungensten Stücke aus seiner Schrift vorzulesen; aber es gibt keine Gerwe mehr, Bodmer liegt seit dreizehn Jahren in der Erde, und statt seiner heiteren Menschlichkeit herrschen die Humanisten über die Zürcher Jugend. Gleichwohl, als er zu Ende ist mit seiner Schrift und im Gefühl tiefer Dankbarkeit aufatmet nach der fiebrigen Anspannung dieser Wochen, treibt es ihn, einen Kreis alter Freunde zu suchen, denen er die Hauptstücke seiner Nachforschungen vorlesen darf. Die meisten sind unterdessen Großvater geworden gleich ihm, und der Beruf hat nicht allen Zeit gelassen, den Lebensfragen so nahe zu bleiben wie er; aber die Feuersbrunst von Westen hat so viele Brandflocken in die Schweiz herüber geworfen, daß auch die Zurückhaltenden die Unruhe der Zeit fühlen; und schließlich ist Heinrich Pestalozzi nicht mehr allein der Armennarr von Neuhof, sondern auch der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud und schweizerischer Ehrenbürger der französischen Republik.
So kommt es zu einem Frühsommerabend, wo er wieder wie als Jüngling mit dem Agis nun mit seinen Nachforschungen über den Gang der Natur dasitzt und seine zitternde Stimme Wege in ihre Herzen suchen läßt. Er weiß, dies ist für ihn mehr als eine Schrift, es ist die Grundlage alles dessen, was er in Taten und Worten versucht hat, die Rechtfertigung seines im bürgerlichen Sinn gescheiterten Daseins und zugleich ein Religionsbuch der Zeit, wie er keines kennt. Aber die Freunde haben etwas anderes von dem Ehrenbürger der Franzosen erwartet, etwas, darin der Brand der Zeit ist; sie sehen sich wieder einmal enttäuscht durch ihn, und obwohl sie betreten schweigen und vor seinen zitternden Worten stumm bleiben, mag in allen das gleiche Gefühl sein: daß in diesem Menschen eine krankhafte Sprunghaftigkeit sei; nun er als Figur für die Öffentlichkeit feststeht und sein Weg durch die Erfolge vorgezeichnet ist, verfällt er auf philosophische Spekulationen, zu denen es ihm — so scheint es ihnen — durchaus an der Bildung fehlt. Der Abend geht peinlich in eine betretene Stimmung aus; nur ein alter Landpfarrer vom See, der ihn schon mehrmals im Neuhof besucht hat, ein ehrlich gesinnter Menschenfreund, ist erregt von dem Abend. Er begleitet ihn nach der kleinen Stadt hinüber, und Heinrich Pestalozzi scheint es, als ob er auf der mondlichten Brücke und nachher in dem Schattengewinkel der Gassen ein paarmal tief vom Herzen seufze. Erst vor seiner Tür findet der Mann die Worte zu seiner Bewegung, indem er die Kappe abnimmt und ein paarmal über sein weißes Haar streicht: er müsse Abschied von ihm nehmen; er könne sich nun einmal sein Christentum nicht als einen Kirschbaum denken, den sich die Menschen selber in ihren Garten gepflanzt hätten!
In seine Milde ist ihm unvermutet der pfarrerliche Zorn gefahren; ehe Heinrich Pestalozzi — der mehr den Zorn als die Worte versteht — aus seiner Bestürzung antworten könnte, ist der alte Mann schon im Schlagschatten der nächsten Quergasse verschwunden. Sie wollen alle das Beste, sagt er bitter, als er im Dunkeln die enge Stiege allein hinauf tappt, aber sie fürchten das Gute. Noch in derselben Nacht aber schreibt er sich selber eine bittere Grabrede als Nachwort zu seiner Schrift: »Und die Welt zerschlug ihn mit ihrem eisernen Hammer, wie die Maurer einen unbrauchbaren Stein zum Lückenfüller zwischen den schlechtesten Brocken!«
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Es geht Heinrich Pestalozzi mit seinen Nachforschungen in der großen Welt nicht anders als in der Enge seiner Zürcher Freunde; trotz seinem flehentlichen Schlußwort kommt kein Echo, und wenn alles ein blasser Unsinn gewesen wäre, könnte die Stille nicht peinlicher sein. Aber nun ist es zu Ende mit der Einsiedlerschaft und der Wartezeit seiner einsamen Mannesjahre: die Stube der Mutter hat ihn wieder in seine Vaterstadt gebracht, und von den Signalen seiner Jünglingszeit erfüllt, nimmt er teil an dem Handel mit dem aufrührerischen Stäfa, der auch den Gestrengen Herren in Zürich die Schicksalsstunde läutet.
Er hat den Anfang schon in dem Winter erlebt, als er seinem Vetter Hotze das Haus in Richterswyl hütete. Auch durch die Dörfer am See ist der Sturmwind der Menschenrechte geweht und hat in dem unterdrückten Landvolk die Erinnerung an alte Gerechtigkeiten geweckt, an den Kappeler Brief und den Waldmannischen Spruch. Als die Urkunden sich in der Gemeindelade zu Küsnacht wirklich fanden, haben die Seebauern zu Küsnacht, Horgen und Stäfa, ein Memorial an die Gestrengen Herren in Zürich gesandt, ob diese Briefe noch zu Recht beständen? Das allein aber hat den Rädelsführern schon den Kopf kosten sollen, und nur der hinreißenden Beredtsamkeit Lavaters ist es gelungen, Bluturteile zu verhindern. Seitdem sitzen ihrer zwei aus den drei Orten gefangen im Wellenberg, und über dem Haupt des Ältesten, eines siebzigjährigen Greises aus Stäfa, namens Bodmer, ist auf offenem Markt das Schwert des Henkers geschwungen worden, zum Zeichen, daß sein Leben den Zürcher Herren verfallen sei.
Heinrich Pestalozzi hat damals selber im Verdacht gestanden, das Memorial verfaßt zu haben; als nun der Handel in einen Bürgerkrieg auszugehen scheint, indem das erbitterte Landvolk — von den Sturmnachrichten aus Frankreich mutig gemacht — die Aufhebung des ungerechten Urteils und die Freigabe der Eingekerkerten unter Androhung offener Gewalt verlangt, sodaß die Revolution in der Schweiz hier ihren Ausgang nehmen will: ist er der einzige Zürcher, der es wagen darf, in das empörte Stäfa zu gehen, um mit der Geltung seines Namens den blutigen Ereignissen entgegenzuarbeiten. Er hat es unterdessen auf sonderbare Weise noch einmal zum Fabrikanten gebracht: eine Seidenfirma Notz richtet auf der Platte in Zürich eine Fabrik ein und braucht einen Zürcher Bürger als Inhaber, um die Erlaubnis der Niederlassung zu erhalten; weil, wie er selber spottet, sein Name in den zweiundfünfzig Jahren das einzig Brauchbare an ihm geblieben ist, läßt Heinrich Pestalozzi sich den abkaufen. So führt er bürgerlich nur noch ein Schattendasein; aber mit Sendschriften und Flugblättern flackert sein landfahrender Menschengeist durch den wilden Handel. Zum erstenmal seit seiner Jünglingszeit kommt er dabei wieder mit Lavater überein, der — wie er in den Seegemeinden — in Zürich die Regierung von gewaltsamen Schritten abhält. Überall liegen die Waffen zur offenen Empörung bereit, Blut soll die verweigerte Gerechtigkeit auslösen, und die Verhandlungen zwischen den feindlichen Mächten sind abgebrochen: da überbringt Heinrich Pestalozzi einen offenen Brief Lavaters an den redlichsten Mann in Stäfa, in dem eine friedliche Freilassung der Verurteilten aufs bestimmteste in Aussicht gestellt wird. Und so ehrlich ist das Vertrauen der Landbürger auf die beiden Männer, daß die Waffen noch einmal ruhen.
Umso aufrührerischer aber tut das zugelaufene Volk, das sich eine Gelegenheit entschwinden sieht. Seitdem es sich herumgesprochen hat, daß in Stäfa der Handel des unterdrückten Landvolks mit den hochmütigen Stadtherren zum Austrag kommen soll, ist dort alles zusammengeströmt, was in der Zürcher Herrschaft und in den Kantonen rundum auf den Tag der Abrechnung wartet, sodaß die Wirtschaften und Scheunen in Stäfa voll sind von einer braunen wilden Menge: ehrlich Verbitterte, die auf Vergeltung lauern, und gewalttätiges Bettelvolk, das schon von einer Plünderung der reichen Zürichstadt träumt, alte Kriegläufer, die in der neuen Ordnung keinen Platz mehr gefunden haben. Sie haben ihr Hauptlager in einer leeren Scheune, wo sie die Zürcher Herren mit wilden Flüchen nach dem Pariser Vorbild an die Laternen hängen, obwohl sie vorläufig weder Laternen noch Zürcher dahaben. Im Vertrauen auf seine Geltung wagt sich Heinrich Pestalozzi mit dem Brief Lavaters auch dahinein; aber da wissen sie nichts von Lienhard und Gertrud und seinem Ehrenbürgertum, ihnen ist er nichts als ein Zürcher Spion, und so empfängt ihn in der halbhellen Scheune eine Schweigsamkeit, die nur höhnisch lachen, nicht mehr sprechen kann. Zu arglos in seinem Eifer fängt er an, gutmütig scheltend auf sie einzureden; aber als er schon denkt, sie zu rühren — so still ist es um ihn — tut einer einen Ruf, und gleich ist es, als ob sich rundum ihre Hörner senkten. Er hat noch ein Stück seiner Rede im Mund, da heben sie ihn wie eine Strohpuppe an den Beinen hoch und tragen ihn, die Marseillaise heulend, durch den Raum. Noch immer täuscht sich Heinrich Pestalozzi über die Gefahr und versucht, auf sie einzureden; aber je mehr er dabei in ihren Fäusten zappelt, umso höhnischer wird das Hetzgeschrei — bis ein Schuß fällt. Einer hat den Zürcher abschießen wollen wie einen Schützenvogel, aber gefehlt, und die Kugel zischt ins Gebälk. In der Verwirrung kommt er wieder auf den Boden; aber es wäre keine Rettung für ihn gewesen, wenn sich nicht ein stakiger Kerl mit einem alten Soldatenhut vorgedrängt hätte, der ihm gleich beim Eintritt durch das von feurigen Narben entstellte Gesicht und um einer Ähnlichkeit willen aufgefallen wäre: Heißt der Mann nicht Pestalozzi? Und als einige verblüffte die barsche Frage bejahen: Dann Brand und Pest, wer ihn anrührt! Er gehört mir, wir haben noch etwas miteinander auszumachen! Dabei hat er schon seinen alten Reitersäbel blank, und Heinrich Pestalozzi meint, sein Arm müsse unter dem Griff zerbrechen, wie er ihn durch das Gedränge schiebt und mit dem Fuß das klappernde Tor aufstößt: So, Heiri, sagt er, als er ihn draußen hat — und Heinrich Pestalozzi aus dem verwüsteten Gesicht den Ernst Luginbühl erkennt — jetzt schau, daß du weiterkommst!