69.

Mit diesem Vorspiel in der Scheune ist das Kriegstheater in Stäfa schon wieder aus; bereits am dritten Tag danach kommt der Bürgermeister Wyß, durch einen dringenden Brief Lavaters aus der Tagsatzung in Aarau gerufen, zu einer Sitzung der Rate und Bürger, die den Wünschen des Landvolks nachgibt. Heinrich Pestalozzi ist dabei, wie sie unter Glockengeläut und Freudenschüssen die Befreiten in geschmückten Wagen heimholen, und an der Grenze von Zollikon spricht er dem ehrwürdigen Bodmer einen Zuruf, dem diesmal die Freude lauter nachschreit, als die Wut in der Scheune. Den Luginbühl findet er nicht mehr, der gehört zu denen, die sich der neuen Lage mißtrauend davon gemacht haben, an einem andern Ort die Abrechnung zu erwarten; denn daß die alte Zeit stürmisch zu Ende geht, fühlt jeder in der Schweiz, seitdem der General Bonaparte von seinem siegreichen Feldzug in Italien nach Rastatt selbstherrlich durchs Land gereist ist, Gunst und Ungunst wie ein Herrscher verteilend.

Heinrich Pestalozzi vermag die Stunde nun doch nicht in Zürich zu erwarten; in der Seidenfabrik auf der Platte ist nur sein Name nötig, er selber geht noch einmal auf das Birrfeld zurück. Vorher läßt er die Stuben seiner Mutter ausräumen und fährt so nach dreißig Jahren zum andernmal auf einem Wagen mit Hausrat aus der Sihlporte hinaus. Es ist ein graulicher Wintertag, und er kommt im Dunkeln auf dem Neuhof an, wo ihm seine Schwiegertochter unterdessen ein zweites Enkelkind geboren hat, sein Sohn Jakob aber schon viele Monate gelähmt daliegt. Es war noch zu früh, sagte er der Lisabeth, die noch im Mondlicht mit einem schweren Korb aus der Scheune kommt und ihn vor Erstaunen hinsetzt: ich muß ein kleines warten, bis sie mich brauchen; meinen Namen hab ich dahinten gelassen; er ist in Zürich Fabrikant!

Es ist wirklich nur noch ein kleines; fünfmal kommt er noch Sonntags auf seinem Pferdchen nach Brugg, im Gasthof zum Sternen die Schaffhauser Zeitung zu lesen, und jedesmal sind es der Sturmnachrichten mehr: Im Waadtland fängt es an mit der lemanischen Republik; wohl rufen die Berner den Landsturm auf gegen die eindringenden Franzosen, und Tausende folgen den Sturmglocken, aber die Kräfte sind verzettelt; als es dem tapferen Oberst von Grafenried gelingt, die Welschen im Sensetal blutig zu schlagen, ist der Sieg umsonst, weil unterdessen der General Schauenburg nach dem Gefecht bei Fraubrunnen an einem Märzmittag in Bern eingezogen ist und der unbesiegten Stadtherrlichkeit eines Jahrtausends ein unrühmliches Ende gemacht bat.

Wie Heinrich Pestalozzi zum sechstenmal geritten kommt, steht von eilfertigen Patrioten aufgerichtet auch schon in Brugg der Freiheitsbaum: es ist vorüber mit der alten Eidgenossenschaft der Landstände; die Tagsatzung in Aarau muß im Zwang der französischen Waffen die Helvetische Republik proklamieren. Obwohl der Baum ihm immer noch zu dünn und ohne Wurzeln ist, steigt er ab von seinem Tier und tauscht den Bruderkuß. Im Sternen will man ihn deshalb hänseln, er aber fährt sie zornig an: Die alte Welt konnte von Heinrich Pestalozzi nur noch den Namen gebrauchen, vielleicht, ihr Herren, daß in der neuen Platz für mich selber ist!

70.

Heinrich Pestalozzi weiß wie wenige im Land, daß die Freiheit eines Volkes andere Dinge verlangt, als daß ihm die Ketten einer ungerechten Verfassung abgenommen werden: der Baum, den sie im Wald abschneiden und ohne Wurzeln in die Straße pflanzen, scheint ihm ein passendes Sinnbild solcher Freiheit. Er aber ist auf seinem Neuhof der Armennarr geworden, weil er einen Freiheitsbaum mit Wurzeln wollte: Ein Volk, das sind tausend und viele tausend Einzelne; jeder Einzelne aber bringt eine lebendige Menschenseele mit auf die Erde, und wer diesen Seelen ein Gärtner ist, daß sie in der Jugend Wurzeln schlagen können zu einer wirklichen Anschauung der Weltzusammenhänge, tut mehr für die Freiheit, als wer einen neuen Zaun mit prahlenden Fähnchen an den Toren um den Garten zieht. Von allen Figuren um Lienhard und Gertrud steht ihm der Leutnant Glüphi am nächsten, der sich kein besseres Los auf der Welt findet, als den Dorfkindern in Bonnal ein Schulmeister zu sein; und seit dem Tag, da die Helvetische Republik Raum für solche Dinge gibt, brennt Heinrich Pestalozzi vor Begierde, es seinem Leutnant gleich zu tun.

Gleich in den Frühlingstagen der jungen Republik geht er hinüber nach Aarau, sich dem Vaterland anzubieten. Er findet es ungünstig, indem der zuständige Minister, an den er durch Lavater dringend empfohlen ist, noch in Paris weilt. Trotzdem spürt er gleich, daß die Lebensluft der neuen Verhältnisse ihm günstiger weht; sein Name schließt Türen auf, an die er bisher vergeblich klopfte, und als er einen Brief hinterläßt, weiß er sicher, daß in den Aktenfächern kein Stockfisch daraus wird.

Der neugebackene Minister der Künste und Wissenschaften Albert Stapfer ist vordem Professor der Philosophie in Bern gewesen; er kann Heinrich Pestalozzi nicht freundlicher gesinnt sein, als es Iselin und Battier vor ihm gewesen sind, aber seine Ministerhände greifen breiter als die ihrigen; auch kehrt die neue Regierung noch scharf als neuer Besen, und unter den Männern in der Schweiz ist keiner, der aufrichtiger dabei helfen will, als der Einsiedler und Armennarr vom Neuhof. Stapfer ist kaum aus Paris zurück, als ihn die Bürger von Aarau schon fast täglich mit Heinrich Pestalozzi unterwegs sehen. Er lutscht noch immer an seinem Halstuchzipfel und stellt auch sonst neben dem feinen und gewandten Stapfer einen altmodischen Großvater vom Land vor; aber hier kennen und ehren ihn viele, die ihm nun die lange Schicksalszeit auf Neuhof als ein Martyrium der neuen Herrlichkeit anrechnen; denn in Aarau als Vorort ist man mit der Helvetischen Republik nicht übel zufrieden.

Stapfer, der voll eigener Ideen ist, will zuerst der allgemeinen Schulnot des Landes durch ein Lehrerseminar abhelfen, durch das endlich andere Männer als Schneider und Schuster in die Dorfschulen kämen; er tritt eines Tages auf der Straße mit dem Einfall auf ihn zu, daß er die Leitung übernehme. Aber Heinrich Pestalozzi hat gerade Kindern zugehört, die in einem schattigen Winkel Schule spielen und sich mit dem Prügelstock und Geschrei den Katechismus abhören; die ganze Sinnlosigkeit dieses Betriebes ist ihm aufgegangen als ein Handwerk, das weder Werkzeug noch Fertigkeiten hat, und wehmütig lächelnd entgegnet er dem Minister: Wie soll man etwas lehren können, was noch keiner kann? Es hilft nichts, Bürger Minister, ich muß erst Schulmeister werden!