Endlich im Dezember beschließt das Direktorium der Helvetischen Republik, dem Bürger Pestalozzi die Einrichtung und Leitung eines Waisenhauses in Stans zu übertragen; er wartet die Ausfertigung nicht ab und fährt schon am zweiten Tag danach über den nebeligen See, um bei der Baueinrichtung dabei zu sein. Die Anstalt soll in einem Flügel des Frauenklosters eingerichtet werden, und der Baumeister Schmidt aus Luzern geht mit hinüber, die notwendigen Veränderungen zu machen. Da schon im Herbst eine scharfe Kälte eingefallen ist, sodaß den Bauern die Erdäpfel in den Feldern erfroren sind, hat der Hunger die Bettelwaisen aus ihren Schlupflöchern in die Häuser gejagt, wo ohnehin schon zuviel hungrige Mäuler warten. Längst schon, bevor er Betten und die sonstige Einrichtung hat, fängt Heinrich Pestalozzi an, Brot zu verteilen und dabei seine Zöglinge zu suchen; als er Mitte Januar die ersten Waisen bei sich hat, kann er zunächst an keinen Unterricht denken, so verelendet sind sie.
Es ist nur eine Stube fertig, sie aufzunehmen, und überall in den Gängen werkeln die Bauleute noch mit Staub und Lärm. Tiere könnten nicht so verwahrlost sein wie diese Menschenkinder, die mit eingewurzelter Krätze und aufgebrochenen Köpfen, viele wie ausgezehrte Gerippe, gelb, grinsend, mit Augen voll Angst und Mißtrauen von den Verwandten oder auch vom Landjäger in den Kreis seiner Liebe gebracht werden. Es ist anfangs kein Platz da, außer einer Haushälterin in der Küche irgendwen zur Hilfe unterzubringen; auch wenn es ginge, Heinrich Pestalozzi möchte es nicht. Damals in den rauchenden Trümmern hat das Mitleid sein Herz hineingerissen; jetzt aber gilt es das Experiment seiner Lehre: daß auch in dem niedrigsten Opfer der menschlichen Verwahrlosung noch ein Keim läge, der zum Dasein einer sittlichen und freien Menschlichkeit gepflegt werden könne. Er weiß, daß der Zwang einer äußeren Ordnung, Ermahnungen oder gar Strafen die Herzen nur verhärten würden, aus denen er dem Keim die erste Nahrung geben will; nur die Liebe vermag ihn zu wecken, und was diese Liebe von ihm zu tun verlangt, das vermöchte ihm kein anderer: er schält sie selber aus ihren Lumpen heraus, er wäscht ihnen die Geschwüre und die Krusten der Verwahrlosung ab, als ob er eine Tiermutter wäre in dem Winterlager, wohin sie die Not und Kälte aus der verschneiten Bergwelt getrieben hätten. Er ißt und schläft mit ihnen, er weint mit ihren Leiden und lächelt zu ihren kleinen Freuden, sie sind außer der Welt und außer Stans, sie sind bei ihm, als ob sie wieder in den Ausgang ihres Lebens zurückgekehrt wären, um hier den Mut zu finden, nach so vieler Bitterkeit das Dasein noch einmal zu versuchen.
In kaum einem Monat sind es siebzig Waisen, und obwohl allmählich mehr Stuben fertig werden und auch schon fünfzig Betten dastehen, sodaß er ihrer nur zwanzig am Abend heimschicken muß, die tagsüber kommen, ist er immer noch allein unter ihnen. Der Pfarrer Businger, den die Regierung an Stelle des entwichenen nach Stans gesandt hat, und der Bezirksvorsteher Truttmann — beides wohlgesinnte Männer, die tapfer zu ihm stehen — drängen darauf, daß er sich Hilfe nähme. Er fände keinen, der ohne Schaden zwischen ihn und die verscheuchten Seelen seiner Zöglinge treten könnte.
Als die Frühlingssonne den Schnee wegschmilzt, daß sich die grünen Matten immer höher hinauf in die weißen Berge heben, ist in der verwahrlosten Schar die Menschlichkeit schon äußerlich zu Hause; die älteren Kinder helfen ihm, daß sich die kleineren sauber halten, die ordentliche Nahrung hat vielen die Backen gerötet, und nun wartet er, daß die Frühlingssonne sie bräune. Einige lockt ihr Straßenblut, und manchmal geschieht es, daß eins in der Dämmerung entwischt, andere kommen dafür wieder: es ist ein wenig wie ein Bienenstock, wenn die Wärme drängt. Er läßt es sich nicht verdrießen, so sehr ihn der Undank und die Untreue schmerzen; denn nun ist er längst in den Dingen mit ihnen, die ihm mehr gelten als ordentliches Essen und saubere Kleidung. Der Seelenfänger hat ihnen die Schlingen gelegt, und ob ihn das Mitgefühl hinreißt, wo ein Schmerz oder eine Freude an sie kommt, ob er mit seinen Großvaterbeinen treppauf und -ab rennen muß und zwanzig Hände zu wenig wären, alles das zu tun, was auf ihn wartet: es sind nur die Spinnfäden seiner Absicht, die er unermüdlich um ihre Seelen legt; er selber sitzt still mitten im Nest und wartet auf die Stunden, wo er seine Lehre an ihnen versuchen darf.
73.
Längst hat Heinrich Pestalozzi angefangen zu unterrichten; anfangs ist er sich vorgekommen wie der alte Lehrer, zu dem ihn das Babeli brachte; auch so mit der Ungeduld seines Alters im Gedränge ihrer Wünsche und Fragen: wo es schwer wäre, mit einem Frager fertig zu werden, sind es Dutzende, und dabei sitzen die Trägen noch immer abseits in ihrer Untätigkeit. Doch merken sie bald, wenn er sich laut sprechend hinstellt, daß sie alle nur sein einziger Zuhörer sind. Er lehrt sie, seine Sätze im Chor zu wiederholen, und lockt Antworten heraus, die sie gemeinsam sagen können; täglich gewitzter in dieser Kunst, die auch die Unaufmerksamen in seinen Sprachkreis zieht, entdeckt er das Geheimnis der Klasse, die aus dem Vielerlei von Schülern ein Wesen macht, sodaß es gleich ist, ob ihrer drei oder dreißig dasitzen. Dabei nimmt er sich ängstlich in acht, etwas Fremdes in sie hineinzusprechen; immer lauert er, wo ihre Sinne und Gedanken sind, um sie für sich einzufangen. Irgendwo ist ein Riß in der Wand, der wie ein seltsames Tier aussieht, einen langen Schnabel wie eine Ente, aber Füße wie ein Maikäfer hat; ob sie wollen oder nicht, wenn ihre Blicke durch den Raum gehen, hängen sie daran fest: er fängt ihnen das Ungeheuer ein in Sätze, die sie willig nachsprechen, weil sie von ihnen selber gefunden sind.
Einige haben Bücher, und ein paar können sogar ein weniges lesen; er zeigt den andern, wo diese Hexenmeisterkunst ihre Herkunft hat. Er läßt sie in den Worten die tönenden und zischenden Laute finden und macht ein lustiges Spiel daraus, ihrer zwei miteinander zu verbinden, jeden einzelnen durchs Abc hindurch; dabei schont er sich nicht, unermüdlich das ba, be, bi, bo mitzusprechen, bis ihm die Stimme in der Brust schartig wird; manchmal kommt er sich vor wie ein Hahn, wenn er schwitzend dasteht und mit ihnen kräht. Bis eine Stunde mit Minuten und ein Tag mit Stunden abgelaufen ist, läßt sich viel hineinfüllen, und Tag für Tag geht es verzwickter zu, vom bal, bel, bil, bol, bul zum balk, belk, bilk: immer anders marschieren die Soldaten aus ihrem Mund auf, bis ihnen alle Übungen, rechts- und linksum, kehrt und vorwärts marsch gleich geläufig sind. Und eines Tages läßt er für die Augen sichtbar werden, was solange nur durch Mund und Ohren ging.
Er hat ihnen keine Fibeln mitgebracht, nur einen Korb mit Täfelchen, darauf die Buchstaben einzeln mit ihren Häkchen und Schnörkeln wie Vögel mit ihren Schwanzfedern prahlen, und rastet nicht, bis jeder seinen Laut als Namen hat, sodaß er ihn nur zu zeigen braucht, und schon gibt ihm die ganze Klasse Antwort. Sie wissen nun längst, daß keiner die siebzig Einzelnen verstehen kann, wenn jeder nach seinem Einfall losschreit, und warten das Zeichen ab, das ihnen sein Finger gibt. Sie sind dann wirklich eine Klasse, ein Wesen, das hundertvierzig Ohren und Augen, aber nur einen Takt und darum nur einen Mund hat. Und manche Nacht, während sie schlafen und er allein in der Schlaflosigkeit des Alters wach unter ihnen liegt, bildet sich traumdünn die Ahnung einer Lehrmethode: daß es wie mit den Buchstaben mit allen andern Kenntnissen des Menschen sei, daß sie sich bauen ließen, Steinchen um Steinchen, bis eine Wand, ein Zimmer und schließlich das Haus einer Wissenschaft dastände.
Kühner aber, als jemals sein Kopf ein Gespinst machte, scheint ihm dies: daß auch alles andere, was einen Menschengeist mitsamt der Seele ausmache, seine Denkkraft, seine Fertigkeiten, sein Wille, seine Wünsche, seine Absichten, sein Glauben wie seine Taten, in einem solchen Takt einzufangen sei, und daß, wenn einer erst den Taktstock dazu finde, ihn hundert andere gebrauchen könnten, um überall die wildaufwachsenden Menschenseelen in den Wohlklang der Ordnung einzuführen. Er kann sich dann ein Zukunftsbild austräumen, daß es zwar reich und arm, jedoch nicht mehr die häßliche Anwendung davon gäbe, wo die Habsucht und Willkür des Reichen den Armen unterdrücke und ausnütze; denn das einzige Mittel dieser Geldherrschaft sei die Unwissenheit des Armen: erst einmal im Besitz seiner entwickelten Seelen- und Geisteskräfte, könne er nicht mehr das Opfer herrschsüchtiger Ausbeutung sein! Was jetzt allerorten geschähe, daß Reiche den Armen helfen wollten durch Wohltätigkeit, sei Täuschung und Selbstbetrug: der Reiche könne dem Armen garnicht helfen, er habe nichts als sein Geld, das auch im Wohltun das Zwangmittel ungerechter Herrschaft bliebe; erst wo Gerechtigkeit regiere, könne eine brüderliche Hilfe von Herzen wohltätig sein!