Während Heinrich Pestalozzi so mit seinen Waisen auf der Wanderung nach einer neuen Menschlichkeit ist, wächst das Dickicht der alten ihm rundum die Wege mit Unkraut und Brennesseln zu. Noch immer zieht der Haß seine Schwaden durch die Täler des Nidwaldener Landes; der Aufruhr wurde in Blut und Brand erstickt, aber was ihn heraustrieb, blieb mit tausend Wurzeln lebendig. Für die Stanser ist Heinrich Pestalozzi ein Ketzer, von der Revolutionsregierung gesandt, ihre Waisen und Armenkinder im Unglauben der neuen Zeit abzurichten, sie den Sitten der Väter und dem Glauben der Heimat mit Teufelslisten zu entfremden. Sie sehen seine verwahrloste Kleidung und achten ihn für einen Landstreicher, der bei der neuen Herrschaft der Lumpen und Schelme untergeschlupft ist.

Aber auch die Freunde fangen an zu zweifeln; sie verstehen nicht, warum er sich allein mit siebzig Kindern abplagt, eigensinnig ihr Lehrmeister, Aufseher, Hausknecht und Dienstmagd in einem und dabei selber zum Erbarmen verwahrlost ist. Sie raten und drängen, doch Gehilfen zu nehmen, damit er endlich aus seiner Anstalt ein richtiges Waisenhaus mache, und sind verstimmt, weil er sich unter Ausflüchten weigert. Er scheint ihnen vom Eigensinn des Alters wie von einem Fieber befallen, und vertrauliche Briefe gehen an die Minister, daß man dem alten Mann mit Gewalt aus diesem Zustand helfen möge. Stapfer aber hält treu und weitsichtig zu ihm, weil er das Experiment fühlt und daß Heinrich Pestalozzi erst zu Resultaten gekommen sein muß, bevor er Hilfe brauchen kann. Er ermuntert ihn auch im Mai, als warme Sonnenbläue die Täler füllt und der See rund an den Ufern in einem Blust von Blumen zu schäumen scheint, mit seinen Zöglingen einen Ausflug nach Luzern zu machen.

Es ist Sonntag, und sie gehen die drei Stunden zu Fuß, bei Stansstad in Kähnen hinüber nach Hergiswyl und dann zwischen Pilatus und dem See bis Horw, wo sie den weiten Talboden der Allmend von Luzern erreichen. In Horw rasten sie, und da sie früh aufbrachen, sehen sie da erst, wie die Sonne überm Rigi hochschießt; ein jedes hat Brot im Sack, und Wasser fließt überall aus den Brunnenrohren. Die älteren haben gesorgt, daß sie alle sauber sind; nur auf ihren Schuhen liegt der Staub wie Mehl, als sie singend über die alte Kapellbrücke in Luzern gehen und die vielgetürmte trutzige Stadt bestaunen. Es ist Sonntag, und viele Leute spazieren auf den Straßen, die den seltsamen Zug und den seltsameren Mann davor belächeln. Einige kennen ihn von seinem Luzerner Aufenthalt und lüpfen den Hut, um ihm kopfschüttelnd nachzusehen. Aber Stapfer, der Minister, hat gesorgt, daß die Stanser Waisen nicht unbegrüßt in der Landeshauptstadt sind: auf dem alten Kornmarkt vor dem Rathaus steht einer in blanker Uniform mit einem Leinenbeutel, darin rasseln lauter nagelneue Zehnbatzenstücke der Helvetischen Republik, und jedes Kind bekommt eins zum Andenken in seinen Sack. Sie singen ein Schweizerlied zum Dank, und Heinrich Pestalozzi, dem nichts so fern liegt wie Musik, kräht mit vor Rührung; garnicht merkend, wie falsch er die Töne nimmt, bis alles hinter ihm lacht.

Auch sonst geschieht den Kindern der Nidwaldener Gutes in dem katholischen Luzern, und wie ein siegreicher Heerhaufe ziehen sie am Nachmittag wieder hinaus. Aber nun hat die Sonne ihre strahlende Bahn durch den Himmel gezogen und aus dem Weltall Glut auf die Erde geschüttet. Die Kinder werden müde, und er muß nun hinter ihnen gehen, die letzten anzutreiben. Dabei ist ihm selber schwül und nicht froh zumut; er hat in Luzern von dem Lauf der Dinge gehört, die für Monate außer ihm gewesen sind: der Krieg ist wieder im Land, überall bläst der Wind hitziger Zeitläufte den Zunder an, und es gilt schon als ausgemacht, daß die Regierung der Helvetischen Republik nach Bern übersiedeln wird, wo ihr der Boden sicherer scheint als hier in der Aufsässigkeit der Urkantone. Am Gotthard schlagen sich die Franzosen mit den Österreichern herum, und viel wird gesprochen von den Taten seines Vetters Hotze, der als kaiserlicher General über den Bodensee bis Zürich ins Land gedrungen ist; es kann in einigen Wochen wieder aus sein mit der republikanischen Herrlichkeit. Zu diesen Sorgen tut ihm die Brust weh, und er merkt, wie ihm die Monate zugesetzt haben. Der Pilatus zieht verdächtige Wolken an, und als ob über eine ferne Brücke Lastwagen rollten, grollt ein Gewitter in der Luft: er kann sonst über Ahnungen lachen, aber nun ist ein Gefühl da, daß es ihn treffen wird. Gerade gehen sie von Steinrüti gegen Hergiswyl am See hin, der dick und still daliegt, da wird ihm süßlich im Mund, und das Licht tanzt ihm wie Mücken vor den Augen; er will einem Buben, der vor Müdigkeit weint, die Hand geben, da fühlt er sich tiefer zu ihm hinsinken, als es nötig ist, und sieht noch für einen Augenblick die erschrockenen Augen über sich.

Heinrich Pestalozzi meint, er sei gleich wieder aufgewacht, aber es muß wohl länger gewesen sein; nebenan steht ein Wagen, der vorher nicht da war, und im Kreis der Kinder bemühen sich Leute in Hemdärmeln um ihn. Tiefer als im Schlaf war er aus allem fort, nun er die Augen aufschlägt, nimmt sein Bewußtsein mit einem Blick den Kreis seines Daseins auf, darin er Kind, Mann und Greis zugleich ist. Rund um diesen Kreis sieht er die Berge spukhaft in den gewitterlichen Dunst des Himmels ragen und fühlt, daß so die Schwierigkeiten um ihn stehen, denen er nichts als die Willenskraft seiner zu Boden geworfenen Natur entgegenstellen kann. Im gleichen Augenblick setzt er sich auf, von dem ungebeugten Willen kommandiert; da merkt er, daß Blut in seinem Mund ist.

Darüber erschrickt er tief und läßt sich nun willig in den Wagen heben. Die von den Kleinen am müdesten sind, müssen zu ihm, und so im Schritt vor seiner Schar her geht es heim. Einer hat sich neben den Knecht gesetzt, und der läßt ihm die Zügel, weil er den Gaul kennt. Heinrich Pestalozzi muß wehmütig an den Tag denken, wo er mit dem Großvater nach Höngg fuhr und auch so unablässig an den Zügeln rupfte, wie nun der Knabe vor ihm: Ich habe mirs nicht abgewöhnt bis heute, lächelt er bitter, wo ich selber ein Großvater bin, und alles, was ich in die Hand nehme, ist so geblieben! Wenn mir jedes so in Ordnung ginge, wie hier dem Gaul und dem Knecht, ich würde auch die Zügel gleichmütig hängen lassen; aber nun bin ich dreiundfünfzig und über meine Jahre gealtert, gar noch krank, und habe erst den Anfang vom Weg gefunden. Ich müßte wohl den Gaul für ein paar Wochen in den Stall tun; doch ist er unabkömmlich, weil ich noch weit mit dem Abend muß!

75.

Die zweite Woche seit seiner Wallfahrt nach Luzern ist noch nicht ins Land gegangen, als Heinrich Pestalozzi eines Mittags durch Trommelwirbel aufgeschreckt wird. Wie er ans Fenster läuft, rücken die schweizerischen Soldaten, die gegen Engelberg und Seelisberg hinauf als Rückendeckung der Franzosen ausgestellt sind, eilig in Stans ein: die Österreicher kommen, heißt es und die im Uri geschlagenen Franzosen seien über den See zurück. Die Panik des Krieges ist wieder in Stans, bevor ein Schuß in den Nidwaldener Bergen fiel; wer noch bewegliche Habe hat, flüchtet sie in die Sennhütten hinauf, händeringende Weiber und trotzige Männer kommen, ihre Kinder zu fordern, und Heinrich Pestalozzi vermag nicht, sie zu halten. Als ob eine Mure vom Stanserhorn niederginge, läßt er die andern ihre Bündel raffen, zur Flucht bereit zu sein. Gerade hat er sie um sich versammelt im Arbeitssaal, da fällt ein Schuß; die Kinder schreien, einige laufen ihm zu, viele aber auch hinaus auf die Gasse, sich noch in die Berge zu retten.

Als danach alles still bleibt — die Alarmnachrichten waren falsch, und auch der Schuß ist nur einem hitzigen Sennbuben losgegangen — sitzt kaum noch die Hälfte seiner Kinder da. Zwar kommen im Nachmittag noch einige wieder, auch finden sie andere weinend irren, als sie gegen Abend den Ort absuchen: aber die Besorgnis bleibt über ihnen wie die schwarze Wolkendecke, die sich mit dem Abend vom Entlebuch herüberdrängt. Die Kinder schlafen sich schließlich in angstvolle Träume ein; Heinrich Pestalozzi bleibt wach: seit seiner Ohnmacht fühlt er, daß es in Stans zu Ende geht. Mit einer Kerze in der Hand wandert er um Mitternacht von Bett zu Bett; einigen, die sich stöhnend wälzen, legt er seine Hand auf die Stirn, daß sie, erwachend, ins Licht blinzeln und vor seinem Gesicht mit einem erlösten Lächeln um die Lippen einschlafen. Nachher sitzt er noch, bis das Licht niedergebrannt ist, streicht in seiner Liste die Schäflein an, die ihm fehlen, und denkt den einzelnen nach, wo sie wohl seien. Bald aber wandern die bekümmerten Gedanken auf einsamen Höhen, wo er mit seinem Werk allein ist. Was auch mit den Kindern geschieht, für keins — das fühlt er sicher — ist die Zeit vergebens gewesen: aber sein Werk, wenn er es jetzt abbrechen muß, ist verloren. Es ist ihm zumut wie einem Kundschafter im weglosen Dickicht; er hat sich durchgearbeitet, bis er eine getretene Fußspur fand, die ihn zum Weg führen muß: da reißt ein Bergbach die Schlucht vor ihm auf, und ob er drüben die Spur deutlich weiter gehen sieht, er kann nicht hinüber.

Andern Tags ist alles vorbei, als ob es nur böse Träume gewesen wären; die Bauern sind wieder bei ihrer Arbeit, und die Soldaten in den Quartieren singen Schweizerlieder. Die Sonne geht ihren strahlenden Lauf, als wolle sie es diesmal zwingen, über die Ermattung des Mittags fort in den unendlichen Himmel hinein zu steigen. Noch ein paar Kinder wagen sich unsicher wieder herzu, und als nach diesem Tag noch ein zweiter und dritter die weißen Sommervögel durch sein dickes Blau schwimmen läßt, fängt auch Heinrich Pestalozzi an, den Nacken zu heben. Am dritten Abend sitzt er scherzend und fragend mit ihnen bei der Hafersuppe, da ruft ihn ein Bote eilig zu dem Regierungsstatthalter Zschocke.