Der empfängt ihn mit einem Blatt in der Hand. Er habe Stafette bekommen, daß am frühen Morgen der General Lecourbe einrücken würde; er müsse Platz besorgen für einige tausend Mann und ein Hospital für die Verwundeten und Kranken herrichten, dazu habe er keinen andern Platz als das Waisenhaus. Obwohl Heinrich Pestalozzi beim ersten Wort weiß, daß ihm nun das Brett unter den Füßen fortgezogen wird, damit er noch über den Bergbach zu kommen hoffte, kämpft er wie ein aufgescheuchtes Tier für sein Nest und seine Brut. Aber nun ist er mit allem Ruhm seiner Bücher und mit der ewigen Absicht seines Werkes nur der Bürger Pestalozzi, der andere aber steht als Regierungsgewalt da und löst das Waisenhaus auf. Weil er nicht wie die Nidwaldener kämpfen und sterben kann, sondern dem Federstrich gehorchen muß, erfüllt er bitteren Herzens den Rest seiner Pflicht. Er teilt jedem Kind doppelte Kleidung, Wäsche und einiges Geld aus für das Notwendigste, rechnet mit dem Statthalter ab und übergibt ihm von den sechstausend Franken, die ihm das Direktorium bewilligt hat, den Rest mit dreitausend Franken — mehr hat er nicht gebraucht in den fünf Monaten mit all den Kindern. Noch eine Nacht geht er in seiner schlafenden Herde ruhelos umher, nimmt in der Frühe weinenden Abschied von ihnen allen, deren Vater er durch seine Liebesgewalt geworden ist, und am Nachmittag, als die ersten Franzosen einrücken, fährt er nach Stansstad hinunter mit dem, was er für bessere Zeiten retten will. Wieder einmal sitzt er auf einem bepackten Wagen, diesmal auf Säcken neben einem Knecht, der ihn gleichmütig in sein ungewisses Schicksal hinaus kutschiert; es ist ein Appenzeller, der den Pferden mit der Peitsche die Fliegen vertreibt und dazu mit halber Kehle seine heimatlichen Jodler singt, als ob es eine Lustfahrt wäre. Er fühlt die Schmerzen in seiner Brust heftiger und die brennende Angst fährt mit ihm, daß er nun sterben muß: dann ist alles umsonst gewesen, was er Unmenschliches in diesen Monaten ertrug; denn er allein weiß, daß er in Stans den Weg zur Befreiung der Menschheit entdeckt hat, kein anderer kann fortsetzen, was für ihn selber ein tastend beschrittener Anfang, aber darum doch das Ergebnis vieler Tausend fiebernd benützter Stunden ist.
Immer noch läuft eine letzte Hoffnung hinter dem Wagen her, daß die Luzerner Freunde mächtiger sein könnten als der Regierungsstatthalter; als er ankommt in der vieltürmigen Stadt, muß er erfahren, daß die Regierung der in tausend Nöten gefährdeten Helvetischen Regierung nach Bern ausgeflogen ist.
76.
Es ist ein heißer Julitag, als Heinrich Pestalozzi durch das breite Entlebuch ins waldige Emmental hinüber und durch seine reichen Dörfer nach Bern hinunter fährt. Die Fahrt über die holprigen Bergstraßen bekommt ihm schlecht, und als er spät abends anlangt, fühlt er sich sterbenselend. Bis zum Schluß sind immer noch die Bauleute im Kloster zu Stans gewesen, und wenn er hustet, meint er noch den scharfen Kalkstaub in der Lunge zu spüren. Trotzdem ist er am andern Morgen schon früh bei dem Minister Stapfer. Der erschrickt, wie er ihn sieht, und rät ihm, den ungewollten Urlaub vor allem zu einer Kur zu benutzen, damit er wieder zur Arbeit fähig sei, wenn nach dem Krieg die Anstalt neu eingerichtet würde. Da er selber zu einer Sitzung muß, übergibt er ihn seinem Kanzleivorsteher Fischer, einem ehemaligen Theologen, der auch schon in Stans war.
Der bietet ihm willfährig seine Begleitung an, wohin er auch wolle, und ehe Heinrich Pestalozzi sich beiseite tun kann, hat er ihn auch schon eingefangen mit klugen und ehrlichen Fragen. Es findet sich, daß sie Leidensgenossen sind, indem auch er den Traum seines Lebens an die Schule gehängt hat. Er ist Schüler bei dem Philanthropen Salzmann in Schnepfental gewesen und will nun in Burgdorf eine Musterschule, wenn es erreichbar ist, ein Lehrerseminar einrichten. Es ist immer noch das Lehrerseminar, das Stapfer ihm selber in Aarau angeboten hat, und obwohl sich Heinrich Pestalozzi im stillen wundert, wie unbekümmert sein Nachfolger die Schwierigkeiten übersieht, die ihm fast das Leben kosten, ist er ihm doch dankbar, weil er die Lauterkeit in seinem Wesen spürt. Er bleibt ziemlich den ganzen Tag mit ihm zusammen und erwirbt durch ihn eine Bekanntschaft, die in seine gehetzten Tage eine breite Pause bringt: Noch am selben Abend sitzen sie zu einem Mann aus Bad Gurnigel, namens Zehender, der seine Schriften liebt und sein Märtyrertum in Stans glühend bewundert; der lädt ihn ein, einige Wochen bei ihm da oben in der reinen Gebirgsluft zu wohnen und von der Quelle zu trinken. Stapfer und Fischer reden ihm dringend zu, und da der Mann mit seinem Wagen andern Tags zurück muß, kommt Heinrich Pestalozzi schon am Abend mit ihm auf dem Gurnigelberg an.
Ein verrauschtes Gewitter hat ihnen einen Regen nachgeschickt, der die Talweite unter ihnen mit Nebelschwaden bedeckt; auch wirft ihn sein Elend nun ganz hin, sodaß sie ihn fast aus dem Wagen ins Haus tragen müssen. Den andern Tag läßt ihn sein Gastfreund nicht aus dem Bett, auch den zweiten nicht: da es draußen doch noch regne! Am dritten Morgen liegt er schon lange wach und wartet mit Sehnsucht auf den Tag; als die Fensterscheiben in der Morgenröte warm werden, springt er mit beiden Füßen aus dem Bett und reißt ein Fenster auf, seine Faulheit zu lüften. Er tritt erschrocken zurück vor der unendlichen Weite; in einer überirdischen Bläue sieht er das Tal zu seinen Füßen liegen, unermeßlich und schön; er hat noch nie eine so weite Aussicht gesehen, und das Glück davon überwältigt ihn so, daß er die Hände wie ein Kind danach ausbreitet. Fast ängstigt ihn die Höhe, aber als er nach rechts und links äugt, sieht er die hohen Baumgruppen; er fühlt den Wald und den Berg hinter sich als sicheres Ufer, von dem aus er über das Meer der morgendlichen Erde tief unter sich hinschaut. Und ehe sich noch die Worte dazu bilden, ist ein Gefühl in ihm, wie wenn da unten sein eigenes Leben läge: aus den blauen Seeweiten der Kindheit durch die ruhelose Brandung seiner Mannesjahre bis auf die Bergkanzel dieser Stunde hinauf.
Aber wie er sich umwendet, ist sein niedriges Menschenzimmer wie ein Kästchen ganz getäfelt und auf dem runden Birnenholztisch liegt ein Buch, das ihm bekannt scheint: »Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts« steht auf dem Titel. Er weiß nicht, warum ihn die Erschütterung hindert, es in die Hand zu nehmen; er sieht sich wieder in dem Sterbezimmer seiner Mutter daran schreiben — als ob es gestern oder vor hundert Jahren gewesen wäre, so nah und so fern — fast meint er, es wäre dasselbe Zimmer, aber seine Augen suchen vergebens in den fremden Sachen. Er ist wieder mitten drin im hochmütigen Elend jener Tage; die Brandung spritzt, und er fühlt sich versinken in die Tatenlosigkeit der endlosen Mannesjahre: da weiß er, es ist kein Ufer, an dem er gesichert steht, es ist nur eine Insel, ein Stein im Meer, darauf ihn die Brandung geworfen hat.
77.
Sechs Wochen lang ist Heinrich Pestalozzi auf dem Gurnigel, von lieben Menschen treu gepflegt. Die reine Höhenluft heilt in seiner Lunge aus, was Kalkstaub und Abc-Geschrei darin verwüstet haben. Es sind noch andere Kranke oben, auch Gesunde, die vor der herrlichen Natur in Schwärmerei vergehen. Seit seinem ersten Morgen vermag er nicht mehr in die blaue Talweite hinunter zu blicken, ohne an sein verlassenes Werk zu denken. Er sieht unter allen Dächern die Wohnungen der Menschen und weiß, von wieviel Verwahrlosung jede Wohlhabenheit da unten umgeben ist. »Meine Natur ist der Mensch,« sagt er den Schwärmern, und eines Morgens ist er mit seinem Stock und Ranzen nach Bern unterwegs. Er hat keinen Wagen gewollt; es tut ihm wohl, so bergab schreitend den Takt seines fröhlichen Marsches zu fühlen: alle lebendigen Dinge gehen im Zweischritt, hat er dem besorgten Zehender zum Abschied gesagt, nur das Leblose und Kranke rollt auf Rädern.
Zum Mittag hat er die sechs Stunden bis Bern hinter sich, und als Rengger und Stapfer, die beiden Minister, aus einer gemeinsamen Sitzung noch etwas zu besprechen haben, das sich auf dem Heimweg besser als im Betrieb der kommenden und gehenden Posten erledigen läßt, läuft er ihnen buchstäblich in die Arme und lacht mit seinem Runzelgesicht wie ein Knabe, der aus den Ferien wiederkommt. Er will Kinder haben, es ist ihm gleich wo, an denen er seine Versuche fortsetzen kann, bis sein Waisenhaus in Stans wieder kriegsfrei ist; und noch in derselben Viertelstunde schlägt ihm Stapfer vor, nach Burgdorf zu gehen, wo auch Fischer seit einem Monat sei und an dem Statthalter Schnell wie an dem Doktor Grimm einsichtige Helfer habe. Als Heinrich Pestalozzi das Wort hört, fährt ihm eine halbvergessene Erinnerung auf, wie ihn der Vorwitz eines Morgens dort in die Hintersassenschule brachte; er nimmt es als eine Fügung, auch scheint es ihm eine Erleichterung, in Burgdorf nicht wieder einsam zu sein. In seiner Fröhlichkeit sagt er gleich zu, so kann Stapfer die Eingabe ans Direktorium vorbereiten, er selber macht sich am andern Morgen gleich unterwegs, sein neues Arbeitsfeld abzuschreiten.