Über Nacht gibt es Regen, und er muß die Post nehmen; ein guter Zufall setzt ihm den Statthalter Schnell aus Burgdorf in denselben Wagen. Der kennt ihn, hat am Abend vorher schon durch Stapfer von seinen Absichten gehört und ist begeistert, dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud gefällig sein zu können. Die Fahrt wird in Gesprächen kurz, und in Burgdorf muß Heinrich Pestalozzi sein Gast sein; auch der Doktor Grimm wird Hals über Kopf zu Tisch geladen, und es ist eine wahre Verschwörung, wie sie ihm alles einrichten wollen. Sie wundern sich, daß er gerade an der Hintersassenschule lehren will, und wollen ihm das ärmliche Lokal erst zeigen. Er erzählt ihnen von dem Morgen, wo er vorwitzig hinein sah, und ist fast ausgelassen vor Erwartung. Gegen den Abend, als der Regen endlich nachläßt, macht er noch einen Gang zum Schloß hinauf, das eine kleine Festung vorstellt, aber augenscheinlich seit langem verwahrlost ist. Das äußere Tor hängt offen in den Angeln, und an dem innern läutet er so lange vergebens, bis er merkt, daß die Schlupftür geöffnet ist. Die Kiesel im Schloßhof sind vom Gras überwachsen, hinten steht eine Linde, und als er bis an die Mauer geht, fällt der Berg da fast senkrecht in die schäumende Emme, die ihn im Bogen umfließt. Es nisselt immer noch, und sein Rock ist längst feucht; er merkt es nicht, er hat zuviel gesprochen bei den Männern da unten, und nun sind die Gedanken wie eine Krähenschar, die nicht zur Ruhe kommt:
Er hat es Mord genannt, wie die Kinder bis ins fünfte Jahr im sinnlichen Genuß der Natur bleiben, wie sie sehen, sprechen und ihre andern Sinne gebrauchen lernen, und sich von selber eine natürliche Anschauung der Welt in ihrer Seele aufbauen: wie sie dann aber gleich Schafen zusammengedrängt in eine stinkende Stube geworfen würden, um der fremden, sinnlosen Buchstabenwelt ausgeliefert zu sein! Nun denkt er, wie auch die Moral und das Gesetz, selbst die Religion und ihre Tugenden von hier aus der jungen Menschenseele aufgenötigt würden und dadurch leicht das bittere Beigefühl lebensfeindlicher Mächte behielten; sodaß, was dem Leben des Menschen einen höheren Sinn geben solle, im Gefühl der Armen als Mittel der Unterdrückung bliebe. Seine Gedanken können es noch nicht greifen, aber er fühlt sie dicht daran: daß er alles, was nur aus dem Buchstaben gelernt würde, als fremd und gleichgültig in seinem Unterricht ausscheiden, daß er den Naturgang der ersten fünf Lebensjahre weiterführen möchte; nicht, um es den Kindern bequemer zu machen, sondern um die Unnatur aus dem Wachstum des Menschen zu nehmen.
Er ist so versessen in diese Gedanken, daß er garnicht hört, wie jemand von hinten zu ihm kommt und die Hand auf die Schulter legt. Als er sich umkehrt, ist es Fischer, der ihn zufällig aus seinem Fenster gesehen hat: Wir sind die einzigen Menschenseelen in dem ganzen Gebäude, sagt er erklärend zu ihm; aber Heinrich Pestalozzi ist noch viel zu sehr bei den Reitversuchen seiner stolzen Gedanken, um ihn wörtlich zu verstehen: Dann müssen wir jeden Tag den Berg hinunter traben, sagt er und muß hellauf wie ein Knabe lachen, so rasch springt ihm aus der abendlichen Grübelei ein Scherz auf: Zwei Narren in einem leeren Schloß mit einem Steckenpferd, das wird ein schönes Rittertum, wenn wir ausreiten.
78.
Nach acht Tagen kommt Heinrich zum zweitenmal aus Bern; diesmal in einem heiteren Wolkenwetter zu Fuß; die Verwaltungskammer hat ihm im Schloß ein Zimmer als Wohnung eingeräumt und für die Hintersassenschule die Lehrerlaubnis erteilt. Der Schulmeister Samuel Dysli muß ihm einen Teil von seinen dreiundsiebzig Schülern überlassen; weil aber nur eine Stube da ist, vereinbaren sie einen Strich, der die Klassen trennt: auf der einen Seite stellt sich Heinrich Pestalozzi auf und fängt wieder tapfer an, aus der Sprache die Buchstabenlaute abzulösen; auf der andern wandert der Schuhmacher von Bank zu Bank und behört den Heidelberger Katechismus. Er kann es nicht verwinden, daß man ihm den alten Landstreicher in die Schulstube schickt, die doch mit dem Haus sein angeerbtes Eigentum ist, und wenn er in der Folge das unaufhörliche Geschrei hört, wie der andere die Kinder abrichtet, im Chor zu sprechen, wobei er selber mitkräht, wenn er sieht, wie sie keine Bücher und Schreibhefte, nur eine Schiefertafel haben — nie hat er solch ein Schreibzeug gekannt — darauf sie mit dem Griffel allerlei Winkel und Figuren kritzeln: glaubt er einem Tollhäusler zuzusehen. Er versucht, ihm zur Beschämung, mit seiner Schar die gewohnten Dinge zu treiben, aber auch die ist von dem seltsamen Wesen angesteckt, hat Augen und Ohren auf der andern Seite; und weil er sich scheut, vor den Augen dieses Narren wie sonst mit dem Stock drein zu fahren, frißt ihm der Ingrimm über die Vergewaltigung Stunden und Tage auf. Er sieht bald, daß einer von ihnen beiden hier unmöglich wird, und da es seine eigene Werkstatt ist, aus der er sich hinterlistig verdrängt sieht, richtet er sich auf den Krieg ein.
Wenn Heinrich Pestalozzi, der ihn im Eifer meist ganz vergißt, ihn kollegialisch ansprechen will, stellt er den gekränkten Stolz seiner Bildung zwischen sich und ihn; denn er hat bald gemerkt, daß der andere den Firlefanz nur treibt, weil er weder den Katechismus noch sonst etwas nach der Vorschrift kann. Der Wurm der Kränkung will ihm unterdessen das Herz abfressen, und schließlich geht er zum Pfarrer. Dem ist es verdächtig, sich in diesen Handel zu mischen, weil er die Hintermänner kennt; doch gibt er ihm Lienhard und Gertrud mit, damit er sehe, was für ein Wundertier dieser Mann vorstelle. Samuel Dysli hat schon gehört, daß es ein Romanschreiber sei, doch macht es ihm zu viel Mühe, so dicke Bücher zu lesen; er blättert nur höhnisch darin herum, und so findet er die Stelle, wie es dem alten Schulmeister in Bonnal übel geht und wie sich der stelzbeinige Leutnant mit allerlei Schleicherkünsten an seiner Stelle einnistet. Nun weiß er Bescheid, und während Heinrich Pestalozzi schon wieder besessen von seiner Absicht ist und gleich einem Specht an der Anschauungskraft der Kinder herumklopft, bearbeitet Samuel Dysli die Väter, und eines Sonntags halten die Burgdorfer Hintersassen eine Art Landesgemeinde in seiner Werkstube ab: Wenn die Bürger und Herren schon ihre Narrheit mit der neumodischen Lehrart hätten, möchten sie die Probe auch an den eigenen Kindern machen!
So aufgereizt sind sie, daß sie es nicht bei dem Beschluß belassen; als Heinrich Pestalozzi am Montag danach um sieben Uhr in die Schulstube kommt, sitzen auf seiner Hälfte nur noch drei Kinder und heulen. In der ersten Bestürzung ist er töricht genug, den Dysli zu fragen; der läßt den Katechismus herunter schnurren, als ob er ihn extra für ihn aufgezogen hätte. Da merkt er, daß ihm einer das Uhrwerk abgestellt hat; doch kann er seinen Jähzorn noch meistern und geht hinaus. Und nun meint er, daß der Schulmeister ihn wiederkennen müsse; denn wie damals an dem Morgen kommt er ihm nach bis in die offene Tür. Auch sonst stehen die Leute an den Fenstern und auf der Gasse; er sieht im Vorbeigehen, daß sie die Kinder hinter sich halten, als ob sie ihre Brut vor dem Wolf schützen müßten. Einige vermögen ihre Schadenfreude nicht zu meistern und rufen ihm nach; ein Flickschneider, der ein Schwager des Dysli ist, verfällt auf die Rache, laut zu buchstabieren: b u bu, b e be, b a ba! Die ganze Gasse ist begeistert davon, und so muß Heinrich Pestalozzi Spießruten laufen durch sein höhnisches Echo, das ihm noch nachkräht, als er schon im Oberdorf ist.
Er will zu seinen Freunden, aber weder den Statthalter Schnell noch den Doktor Grimm trifft er zu Hause, und Fischer ist für ein paar Tage nach Bern gereist. So geht er kopfschüttelnd und trotz seiner Großvaterschaft dem Weinen nahe wie ein Knabe den steilen Schloßweg hinauf. Der Hof ist leer wie immer, und die Sonne malt die verzogenen Schatten der Dächer hinein, als ob auch die ihm Fratzen schneiden wollten. Es ist ihm für den Augenblick gleichgültig, wohin er geht, weil jeder Schritt zwecklos ist; so tritt er unter die Linde und starrt über die Mauer in die glitzernde Emme hinunter. Auch da unten sind noch Hütten der Hintersassen, denen er aus der hilflosen Armut helfen will, aber die bellen ihn an wie Hunde. Der Abend fällt ihm ein, wo er zum erstenmal hier stand und das von dem Steckenpferd sagte. Nun haben sie mir auch das fortgenommen, denkt er, und jetzt laufen ihm richtig die trotzigen Tränen übers Gesicht, daß er ihre Schärfe in den Mundwinkeln schmeckt.
79.
Das Erlebnis geht Heinrich Pestalozzi so nah ans Herz, daß er an diesem und auch am folgenden Tag das Schloß nicht verläßt, obwohl er Hunger leidet. Dann kommt Fischer aus Bern zurück, hört schon im Stadthaus, wo er aus der Post steigt, von dem Aufruhr der Hintersassen, und nun erlebt der Geschlagene, was treue Freundschaft für ihn vermag: Grimm und Schnell helfen, und noch in derselben Woche steht Heinrich Pestalozzi in der Buchstabier- und Leseschule der Margarete Stähli, wo er seine Versuche ohne Widerstände fortsetzen kann. Da sind nur zwei Dutzend Kinder in einer hellen Stube, und die Jungfrau bescheidet sich, ihm eine Gehilfin zu sein. Er ist zwar im Anfang noch verscheucht, man möchte ihn noch einmal aus der Schulstube fortschicken, und hält sich ängstlich an die äußeren Vorschriften — täglich von acht bis sieben Uhr, die Mittagspause abgerechnet, steht er in seiner Klasse — aber indem er nun nicht mehr wie in Stans durch die wirtschaftlichen Sorgen als Hausvater belästigt und bedrückt wird, auch keine verwahrlosten Bettelkinder, sondern gepflegte Bürgertöchter vor sich hat, kann er sich ungehindert dem Abc der Anschauung widmen, das ihm als die Grundlage aller Kenntnisse und Fertigkeiten täglich geläufiger wird. Noch immer geht er von keinem vorgefaßten System aus; er verläßt sich auf seinen Instinkt, daß er für jeden Unterricht den natürlichen Anfang finden wird. Namentlich im Rechnen versucht er nun, von den kindlichen Zählspielen ausgehend, zu den Schwierigkeiten der vier Spezies zu gelangen. Er ist wie ein Chemiker im Laboratorium, immer neue Mischungen versuchend, bis er die rechte Verbindung gefunden hat; und die Jungfrau Stähli geht ihm mit gemischter Verwunderung zur Hand.