Er hätte nötig, daß diese Ostertage Ferien für ihn würden, aber sein Sohn Jakob will sterben, und während draußen der Frühling schäumt, zerreißen die Schmerzen den hilflosen Mann, dem er den Neuhof als Erbschaft mühsam aufgespart hat. Zerstört von Nachtwachen kommt er wieder in Burgdorf an, wo Krüsi allein auf ihn wartet, weil Fischer enttäuscht und todkrank nach Bern zurückgegangen ist. Als Heinrich Pestalozzi spät abends den Steilweg aus dem Ort hinauf tastet, findet er den Appenzeller, der seitdem einsam und landfremd in den leeren Gebäuden haust, sehnsüchtig harrend am Tor. Mein Sohn stirbt, sagt er, als sich der Jüngling ihm weinend in die Arme wirft: kommst du mir an Sohnes Statt?
Danach gibt es einen Erntesommer für ihn, wie er noch keinen erlebte: die Bürger haben ihn dankbar zum Lehrer an der zweiten Knabenschule gemacht, darin er an die sechzig Knaben und Mädchen zu lehren hat; und kaum, daß er mit Krüsi überlegt, wie ihre Schulen sich vereinigen und, in Klassen eingeteilt, besser im Lehrplan einrichten ließen — nur an Raum fehlt es im Schulhaus, während im Schloß die schönsten Räumlichkeiten leer stehen — sind die Herren in Burgdorf und Bern gleich so diensteifrig, daß die Kinder schon zum Sommer auf dem Berg einrücken können. Als der Schloßhof von dem emsigen Gewirr ihrer Stimmen widerhallt, müssen die Knaben und Mädchen von der Linde ein Schweizerlied ins waldige Emmental hinunter singen, und diesmal stehen keine Luzerner da zum Lachen, weil er selber mit seiner alten Stimme fröhlich den Takt hineinkräht: Nun ist es kein leeres Schloß mehr, denkt er, und ich brauche morgens nicht auf einem Steckenpferd den Berg hinab zu reiten! Wie ein Feldherr einen Engpaß bezwungen hat, das bedrängte Land von den Feinden zu räumen, fühlt er sich längst über die ersten Buchstabier- und Rechenkünste hinaus und mächtig, in die entlegenen Gebiete der herkömmlichen Schulmeisterei den Gang der Natur zu tragen. Er hat zum Wort und zu der Zahl die Form der Dinge als drittes Element für seinen Unterricht gefunden und hält nun endlich das Geheimnis in der Hand: das Abc der Anschauung, daraus sich alle Fertigkeiten und Kenntnisse gewinnen lassen.
Mit dem Sommer fängt die Nachricht von der Wunderschule im Schloß zu Burgdorf an durchs Land zu gehen, und wie ehemals auf dem Neuhof, kommen Gläubige und Zweifelnde an, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, was Wahres an dieser neuen Zeitung sei. Sie finden keinen Einsiedler mehr: Krüsi hat aus Basel seinen Freund Tobler geholt, der dort als Theologiestudent den Hauslehrer spielte; der wiederum bringt einen jungen Buchbinder namens Buß aus Tübingen mit, weil er sich trefflich aufs Zeichnen und die Musik versteht, welche Künste Heinrich Pestalozzi auch in den Anfängen versagt sind. Sie hausen zu vieren in dem Schloß und müssen manchmal selber lachen, was für einen seltsamen Verein sie bilden: ein Romanschreiber, ein Theologiestudent, ein Buchbinder und ein Dorfschulmeister. Ich bin nun wirklich ein Wundertier, scherzt Heinrich Pestalozzi oft, ich habe vier Köpfe und acht Hände. Er wird auch nicht müde, die Fremden durch die Klassen zu führen, wo im ersten Stock die Körbe mit den Buchstabentäfelchen stehen, daraus sich vor den Augen der Kinder die Silben und Wörter auswachsen; in der zweiten fangen die Schreibkünste auf den Schiefertafeln an — die meist als die größte Neuheit bestaunt und befühlt werden — und durchsichtige Hornblättchen mit eingeritzten Buchstaben sind die stummen Schulmeister in den Händen der Kinder, ihre Schriftzüge zu kontrollieren; der dritte Raum ist groß genug zu Marschübungen, und wenn den Besuchern schon aus den andern Stuben der Takt im Chorsprechen als das Erstaunlichste im Ohr geblieben ist, weil er die Vielheit der Schüler mit einem Mund sprechen läßt, so sehen sie nun den selben Takt als Erscheinung lebendig werden, wenn die Kinder fröhlich singend oder deklamierend gleichen Schritt halten. Heinrich Pestalozzi weiß wohl, daß dies alles nur die Augenfälligkeiten seiner Lehrübungen sind, und es ficht ihn nicht an, wenn ein gelehrter Herr kopfschüttelnd über die Einfalt solcher Methode den Berg hinuntergeht. Sie suchen den Stein der Weisen, spöttelt er, aber es darf kein Stein sein, weil sie sonst nur an den Bach zu gehen brauchten! Auch meinen sie, ich plagte mich in meinen Großvaterjahren um neue Schulmeisterkünste, wo ich doch nur der Armut eine Treppe bauen will. Und als der sinnende Tübinger, dem es am schwersten fällt, sich einzuleben, ihn einmal am Abend fragt, wie er das meine? sagt er sein Beispiel von dem Haus des Unrechts.
Sie sitzen auf der Mauer unterm Lindenbaum und sehen, wie die Sonnenröte die Alpen herrlich überschüttet, und auch die beiden anderen kommen horchend herzu, als er beginnt: Was meint ihr, daß einer im Keller unseres Schlosses von diesem Abend sähe! Die Luken im Gewölbe, zu hoch für die Augen, werden ihm nur einen bläßlichen Schein der Röte geben! Besser wird es in den Stuben des unteren Stockwerks sein; obwohl es nach außen kein Fenster hat, sieht man den Widerschein im Hof und ahnt die Herrlichkeit! Nur oben, wo die Fenster aus den Sälen nach allen Seiten den freien Ausblick gestatten, kann der Bewohner sich gemächlich in eine Nische setzen, den Anblick zu genießen! Nun denkt euch, Freunde, es gäbe keine Treppe in diesem Haus, sodaß die Herren in den Sälen die einzigen Genießer wären, die Bürger in den Stuben darunter könnten nicht hinauf, obwohl ihnen der Widerschein im Hof das Blut unruhig machte; das arme Volk aber in den Gewölben säße gefangen im fensterlosen Dunkel und hätte von Gottes Sonne nur die trübe Röte an der Luke!
So, Freunde, ist das Haus des Unrechts um die Klassen der Gesellschaft gebaut. Drum hab ich mich gemüht mein Leben lang und bin ein Narr geworden vor ihren Augen, daß ich in dieses Haus des Unrechts die Treppe der Menschenbildung baute.
81.
Wenn die Morgenstunden seiner Schule zu Ende sind, geht Heinrich Pestalozzi bei gutem Wetter an die Emme hinunter, Steine zu suchen. Er kennt nur wenige Arten und wählt sie mehr wie ein Kind nach der schönen Farbe aus, doch schleppt er gern ein Taschentuch voll davon, wenn er zum Stadthauswirt Schläfli an den Mittagstisch kommt. Meist geht auch eins oder das andere der Appenzeller Kinder mit, und namentlich ein Knabe namens Ramsauer begleitet ihn gern. Wie er eines Tages mit dem im sonnigen Gestein sitzt — trotzdem ihm die Gehilfen tapfer beistehen, schmerzt ihn die Brust vom Sprechen — denkt er mit einer so traurigen Sehnsucht an sein verlassenes Waisenhaus in Stans, daß ihm die Tränen rinnen. Er weiß schon lange, daß ihn die Regierung nicht dahin zurücklassen will, aber er hat es nicht angeschlagen um seiner neuen Arbeit willen; nun läuft ihm die Bitterkeit der unbefriedigten Gedanken von allen Seiten zu. Es gerät ihm wie niemals vorher mit seiner Treppe der Menschenbildung, er hat den Schlüssel, alle Stockwerke zu öffnen, aber es sind doch nur die Bürgerkinder dieser wohlhabenden Kleinstadt, die davon Nutzen haben: Schlimmer als jemals ist die Not im Land, und ich habe in eitler Selbstgefälligkeit die Fremden durch meine Methode spazieren geführt. Als sie mich für einen Narren hielten, schrieb ich meine Schriften; jetzt, wo mir die Bürger gute Zeugnisse geben und ein Gehalt zahlen, bin ich Großvater wirklich ihr Narr geworden!
Als er bedrückt von solchen Gedanken, diesmal ohne Steine im Sacktuch, in die Stadthauswirtschaft kommt, sieht er Tobler schon wieder mit zwei Fremden dasitzen, einem rotköpfigen Pfarrer und einem Tirolerknaben, die erfreut aufstehen, ihn zu begrüßen. Er kann seinen Groll zu keinem freundlichen Wort zwingen, macht augenblicklich kehrt und läßt sein Mittagsmahl im Stich, obwohl Tobler gleich hinter ihm her ruft. Unterwegs tut ihm die Torheit leid, aber wie er dann an seinem Sorgenplatz unter der Linde steht, kommen ihm die drei hartnäckig in den Schloßhof nach, und nun muß er selber lachen, weil der junge Pfarrer niemand anders als der Freund Toblers, Johannes Niederer aus Sennwald ist, mit dem er seit Monaten im herzlichsten Briefwechsel steht. Den Tirolerknaben, der auf eigene Faust sein Schüler werden will, hat er zufällig unterwegs getroffen. So geht mirs, klagt er und schließt sie beide in die Arme: vor Gleichgültigen mache ich meine Kapriolen, und wenn Freunde kommen, rennt der Hase fort!
Er kehrt danach mit ihnen in das Stadtwirtshaus zurück, und es wird ein fröhlicheres Mittagsmahl, als er es seit Wochen hatte; denn seit dem Holsteiner Nicolovius ist ihm nicht mehr solche Liebe widerfahren, wie in den Feuerbriefen dieses kaum zwanzigjährigen Pfarrers aus Sennwald, der nun wie der Husarenkapuziner aus Stans neben ihm sitzt, so rotköpfig und so verbissen in seine Gedanken. Er ist zwar vorläufig nur zum Besuch gekommen, aber Heinrich Pestalozzi reißt wieder einmal gierig die Zukunft aus der Gegenwart los: Ihr seid die Jugend, die zu mir aufsteht, sagt er und halt ihnen sein Glas hin, als ob er alle Tage so schöppelte; nun will ich den Fischzug meines Lebens machen! Und weiß auf einmal garnicht, warum er sich bis zu diesem Tag geweigert hat, die Erbschaft Fischers ganz anzutreten: ein Schullehrerseminar, eine Musterschule und eine Pensionsanstalt hat der in Burgdorf gewollt, den nun in Bern der Rasen deckt, indessen er noch immer eigensinnig auf sein Waisenhaus in Stans wartet, als ob es diese oder jene Waisen und nicht die Treppe seiner Lehre gelte.
Noch in den Tagen, da Niederer wie ein Spürhund durch die Klassen geht und jeden Fund verbellt, verhandelt er mit der Regierung in Bern. Er fühlt, daß sich die Summe seines Lebens einsetzen will: was er als Landwirt, Armennarr und Schriftsteller auf dem Neuhof, als Waisenvater in Stans und als Winkelschulmeister in Burgdorf an Erfahrungen einbrachte, soll nun Erscheinung werden. Zwar haben die politischen Hagelwetter seinen Freund Stapfer als Minister verdrängt, aber noch in den letzten Wochen hat er ihm eine helvetische Gesellschaft von Freunden des Erziehungswesens gegründet, die ihm nun mit einem Aufruf an die Bürger aller Kantone beisteht. Zum andernmal nach einem Vierteljahrhundert rasselt seine Werbetrommel durch das Land, aber nun treten ihrer viele zu dem Bürger, dessen Ruhm im Ausland geklungen hat. Schon im November sind an die fünfzig Zöglinge im Schloß, nicht Bettelkinder wie im Neuhof, die ihren Unterhalt durch eigene Arbeit verdienen sollen, sondern Bürgersöhne und Töchter, deren Eltern den Aufenthalt mit gutem Geld bezahlen. Er löst die Burgdorfer Schule ab, und nur die von den Appenzeller Kindern bei ihm bleiben wollen, behält er um Gotteswillen; der Tiroler Schmidt ist auch darunter.