Heinrich Pestalozzi staunt, wie rasch ihm dies alles ins Kraut geschossen ist, aber der Erfolg macht ihn fröhlich, sodaß er dem Herbst und Frühwinter die Tage wie die Blätter eines Märchenbuches abliest. Darüber kommt Weihnachten, und er kann diesmal nicht in Neuhof sein, weil einige Kinder mit den Gehilfen bleiben, denen er als Vater das Fest bereiten muß. Zum Neujahr deckt ein dicker Schnee alles mit runden Kappen zu, und der Weg vom Schloß hinunter bis in die Häuser ist eine steile Schlittenbahn. Selbst seine Burgdorfer Freunde schütteln mißbilligend den Kopf, als sie ihn da mit den Kindern schlitteln sehen, und der Doktor Grimm sagt ihm, daß dies kein Geschäft für einen Großvater sei; er aber, der nichts Schöneres auf der Welt kennt, als wenn verschüchterten Kindern die Augen fröhlich aufgehen, nimmt einen Schneeball und wirft ihn, sodaß es — als die Knaben seinem Beispiel folgen — ein lustiges Gefecht um die Fröhlichkeit gibt, bei dem der Griesgram in die Flucht geschlagen wird: Das ist keine so einträgliche Schlacht für euch Doktoren, als wenn mit Bleikugeln auf Menschen geschossen wird, sagt er ihm einige Tage später, als er ihn bei Tauwetter wiedertrifft, aber sie macht rote Backen! Der Doktor schüttelt unwillig den Kopf: er habe ihm nur die Post mitgebracht, weil er doch zu dem Knaben müsse, der sich bei dem Spaß bös erkältet habe.
Es ist nur ein zierlicher Brief, von Frauenhand mit dünnen Buchstaben adressiert; er öffnet ihn gleich und liest, daß ihm die Tochter Lavaters den Tod ihres Vaters meldet, der am zweiten Januar seiner Verwundung nach langem Siechtum erlegen sei. Von ihm selber aber liegt ein Zettel dabei, den er als Abschiedsgruß noch auf dem Sterbebett an ihn geschrieben hat:
»Einziger, oft Mißkannter, doch hochbewundert von vielen,
Schneller Versucher des, was vor dir niemand versuchte,
Schenke Gelingen dir Gott! und kröne dein Alter mit Ruhe!«
Heinrich Pestalozzi ist so erschüttert, daß er den erstaunten Doktor ohne Wort auf der Straße stehen läßt und quer über die nassen Schneefelder zur schwarzen Rinne der Emme hinunterläuft. Dies ist genau so unvermutet wie in den Jünglingstagen, als Lavater ihm den »Emil« ins Rote Gatter brachte: Er war nicht mein Freund, überschlägt sein Gefühl, er hat mich nie recht gemocht, und nur ein paarmal hat uns das Leben nebeneinandergestellt; nun hat er wie Bluntschli vor Gott gesessen mehr als ein Jahr, kaum, daß ich einmal an ihn dachte im Strudel meiner Dinge, und er schickt mir dieses Wort!
Nur die treue Erinnerung hat er aus dem Zettel gelesen, kaum die Sätze; doch wagt er nicht, ihn noch einmal vor die Augen zu bringen, so ehrfürchtig ist ihm zumute, weil er von einem Toten kommt: Wie dieser Bach im Schnee übereilen wir unsern Weg, sagt er und läßt seine Augen mit den Glattwellen laufen, bis sie hinter den schwarzen Büschen verschwinden. Nur an unsern Ufern sehen wir die Dinge, alles nur einmal im Gedränge, und kein Augenblick kann gegen den Wellenschlag zurück. Wenn wir unten sind, ist dies unser Leben gewesen; aber unser Wasser war es nicht. Das Wasser gehört der Welt, der kein Tropfen an irgend wen verloren geht; unser Teil ist, daß wir fließen. Durch ein paar Mühlräder können wir laufen unterwegs, aber nicht mehr sehen, wieviel von Gottes Korn damit gemahlen wird.
82.
Heinrich Pestalozzi hat sich in dem nassen Schnee eine Erkältung geholt, die über Nacht fiebrig wird, sodaß ihn der Doktor Grimm für ein paar Tage zur Vergeltung ins Zimmer sperrt. Kröne dein Alter mit Ruhe! steht auf dem Zettel Lavaters, den er nun auswendig weiß; aber selten hat ihm ein Wort so viel Unruhe bereitet. Er weiß, wie dünn ihm die Kräfte geworden sind und daß ihn täglich die Gefährlichkeit seiner Jahre ankommen kann; aber keine drohende Krankheit vermöchte ihn so zu schrecken wie die Sorge, lässig zu werden: Die Ruhe des Alters kommt denen zu Recht, die Glück mit ihrem Leben hatten; ich aber, dem alles unter den Händen zerbrach und der ich noch als Großvater in die Schule mußte, ich wäre damit einem Bauer gleich, der seine Felder und Gärten in Dürre und Kriegsnot bestellt hat und danach die Ernte versäumte.
Diese Ernte aber wächst weder in Burgdorf noch in einer andern Anstalt allein, sie ist ihm auf den unübersehbaren Feldern seines Lebens gereift, und nur, wenn er eine alles umgreifende Darstellung seiner Lehre der Menschenbildung hinterläßt, hat er nicht umsonst gelebt. Unter den Gehilfen, die er nun wieder mit den Zöglingen Schneeballen werfen sieht — weil der Winter neuen Schnee auf den glatt gefrorenen Guß des Tauwetters gelegt hat — ist keiner, der von der Last seiner Erfahrungen und dem Gang der Methode mehr als die Anfänge wüßte; und was sie davon ausbrächten, wenn er stürbe, wäre nichts als eine notdürftig gebesserte Schulmeisterei. Schneller Versucher des, was vor dir niemand versuchte, schreibt er mit den Worten Lavaters auf das oberste der Blätter, die er gleich am ersten Tag seiner Stubenhaft herauskramt, um sein Lehrbuch der Menschenbildung zu beginnen. In seinen Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts hat er versucht, seine Sache auf eine Weltanschauung zu gründen; nun will er den gleichen Gang der Natur in der Erziehung aufweisen. Aber als er gleich in diesen Januartagen anfängt zu schreiben, wird es zugleich ein Bekenntnisbuch seines fünfundfünfzigjährigen Lebens: alle Einsichten, die er sich in mühseligen und schmerzenden Erfahrungen für die Volksbildung erkämpft hat, fließen ihm hin in zwölf angeblichen Briefen, von denen jeder eine Schrift für sich sein könnte. Es ist nun wirklich, als ob er die Früchte abnähme vom Baum seines Lebens, obwohl draußen erst das Frühjahr den Winter ablöst und sich von einem Strauch zum andern durchblüht in den grünen Sommer. Immer wieder füllen die Zöglinge den Hof mit ihrem fröhlichen Lärm, von den Gehilfen zum Spiel geführt, Tag für Tag steht er selber unter ihnen mit Zuspruch und Lehre, Eltern kommen, ihre Kinder zu bringen, und Freunde weither in Reisewagen, seine Schule zu sehen: was sonst der Sinn seines Tages war, ist nun eine bunte Füllung geworden, und erst abends, wenn Heinrich Pestalozzi wieder an seinen Blättern sitzt, blüht ihm die Seele im eigenen Herzschlag auf. Wer ganz bei sich ist, ist bei den andern! schreibt er einmal auf einen Zettel, als er sich selber zu eigensüchtig vorkommt inmitten der durch ihn bewegten Dinge.
Das zwölfte Stück ist fertig, als ein Brief vom Neuhof anlangt, daß sein Sohn Jakob im einunddreißigsten Jahr seines schmerzvollen Lebens gestorben ist; seine Frau schreibt ihm die Nachricht und daß sie ihr Kind selber, von Zürich hingerufen, nur noch auf dem Totenbett gefunden habe. Es tut ihm einen Stich ins Herz, aber er vermag die Feder nicht hinzulegen, so sehr scheint ihm die Nachricht aus der Verwirrung seiner Gedanken aufzuquellen. Er ist mit seiner Arbeit in eine böse Stockung geraten: wie er die Uhrfeder der Sittlichkeit in seine Methode einsetzen will, erkennt er, daß die sinnliche Befriedigung bei jedem Kind auf den Genuß geht und dem sittlichen Zwang feind ist. Soviel er denkt und deutelt, er vermag die Sittlichkeit auf kein Bedürfnis der Kindnatur zu gründen, und so muß er seiner Lehre selber die Natürlichkeit fortnehmen, als er sie damit krönen will: »Es ist hier, wo du das erste Mal der Natur nicht vertrauen, sondern alles tun mußt, die Leitung ihrer Blindheit aus der Hand zu reißen und in die Hand von Maßregeln und Kräften zu legen, die die Erfahrung von Jahrtausenden angegeben hat.« In diese Verwirrung fällt die Todesnachricht, die dadurch nicht gemildert wird, daß er sie für den Sohn als eine Erlösung empfindet. Er hat den Blick Annas nicht vergessen, als sie ihn damals ins Kleefeld legen mußten; irgendwie stürzt ihm das Gebäude seiner Lehre ein und er hört die Säulen krachend zerbrechen: Wenn jetzt seine Gläubigkeit nachläßt, wird ihm alles da entwertet, wo er es geheiligt sehen wollte.
Die Schriftzüge seiner Frau retten ihn; er weiß, ihr ist es als Mutter schwerer geworden, die Nachricht mit einer Feder zu schreiben, als ihm, sie zu lesen; aber kein Wort steht anders als in der Ergebung da, die ihr heiliges Erbteil ist. So beugt er sich aus seinen Wirrsalen über das tiefe Geheimnis der Mutter, darin die sinnliche Befriedigung alles Daseins im Anfang beschlossen ist. Die Sitte der Appenzeller Frauen fällt ihm ein, dem Neugeborenen einen papierenen Vogel über die Wiege zu hängen, bunt bemalt, um so die ersten Sinneseindrücke des Säuglings in den menschlichen Bannkreis zu zwingen. Die Mutter ist der Brunnen, darin Gott und Natur noch eins sind, aus ihr wächst die erste Nahrung des Kindes, wie es selber gewachsen ist, und alles, was sie ihm danach gibt, wird natürlich durch ihre Gabe, sie kann aus Gott das Brot des Lebens machen. Nachdem rastet Heinrich Pestalozzi nicht mehr, schreibt durch diese Nacht und noch tief in den Morgen, bis er die letzten Briefe seines Buches fertig hat, die nun ein Lobgesang auf die Mutter werden und auch den Titel des Buches bestimmen: »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt«. Eine gehetzte Angst hat seinen Überschwall getragen, bis er am andern Mittag vor den Blättern — leergeflossen an ihrem Inhalt — auf dem Stuhl in einen bleiernen Schlaf sinkt.