Wenn der Krieg auch fürs erste der Schweiz fern bleibt, bekommt ihn die Anstalt doch zu spüren; schon mit den preußischen Lehrern sind Zöglinge heimgereist, und auch sonst holen besorgte Eltern ihre Kinder. Mit dem Frühjahr schmelzen die Einnahmen bedenklich hin, während die Ausgaben, von den Niedererschen Ideen gedüngt, üppig ins Kraut schießen. Es geht schon wieder wie mit der Fabrik im Neuhof, Heinrich Pestalozzi in seiner Bedrängnis stopft die kleinen Löcher aus einem großen Loch, und noch einmal muß Anna Schultheß aus ihrem Ererbten sechstausend Franken hergeben, den Bankrott abzuwehren. Sie ist fünfundsiebzigjährig, als sie den Pakt unterzeichnet, und ihr Enkel steht schon als Jüngling dabei; ihm den Rest des Vermögens zu sichern, wird ein Vertrag gemacht, der sie nun selber auch auf den Altenteil setzt, sodaß sie beide nichts mehr besitzen, als daß sie — wie die Lehrer auch — ihre Unterkunft in der Anstalt haben: Jetzt kann ich nicht mehr das Senkblei deiner Stürme sein, sagt sie zu ihm, jetzt bin ich leicht wie du!
Während er so das Schneckenhaus seiner Gründung mühsam weiterschleppt, ist die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen, und wie Bonaparte früher die Völkerscharen Europas gegen seine Feinde geführt hat, so drängen sie nun gegen ihn. Ehe die Schweiz sich dessen versieht, steht die Hauptarmee der Verbündeten in Basel, bereit, nach Frankreich einzudringen; die Tagsatzung beschließt eine vorsichtige Neutralität, aber nun gibt es zwischen Für und Wider keine Möglichkeit mehr, und hundertdreißigtausend Österreicher rücken ungefragt ins Schweizerland, den Heerweg zwischen Jura und den Alpen nach Genf zu nehmen. Ifferten liegt mitten in der Bahn, und als schon Tausende durchgerückt sind, reitet eines Tages ein Offizier mit dem Befehl in die Stadt, das Schloß für ein Lazarett zu räumen! Kommt mir alles wieder? denkt Heinrich Pestalozzi; aber nun ist er nicht mehr der hilflose Waisenvater in Stans, und als die Stadt zwei Abgeordnete nach Basel ins Hauptquartier schickt, das Übel noch abzuwenden, schließt er sich trotz seiner neunundsechzig Jahre den beiden an.
Die modischen Stadtherren sind nicht erfreut, als ihnen der ungekämmte Sonderling auch noch in den Wagen gepackt wird, und wo sie Rast machen unterwegs, verleugnen sie ihn vorsichtig, um nicht für seinesgleichen zu gelten. Aber als sie nach Basel kommen, wo es von Federbüschen und goldbestickten Uniformen wimmelt und auf den Straßen die Karossen der Fürstlichkeiten drängen, sind die Türen der Heeresämter nicht so offen wie unterwegs die Gasthöfe; der Weltkrieg hat keine Zeit für die Wünsche kleiner Landstädte, und selbst die Abgeordneten der Tagsatzung zucken mit den Achseln; die Stadtherren von Ifferten müßten ungehört abfahren, wenn ihnen nicht der mißachtete Greis die Türen und Ohren aufmachte. Wie sie sich wieder nach ihm umsehen, ist er eine vielbegehrte Berühmtheit, und schon am dritten Tag dürfen sie ihm zur Audienz beim russischen Kaiser folgen.
Der empfängt den runzeligen Alten inmitten seiner Würdenträger wie einen Zauberer, und schon sein erstes Wort entledigt die Stadtherren von Ifferten aller Sorgen. Nur wurmt es sie, daß Heinrich Pestalozzi sich nicht sogleich — wie es schicklich wäre — mit ehrfürchtigem Dank zurückzieht, sondern den Herrscher aller Russen wie ihresgleichen ins Gespräch nimmt; obwohl sie nicht hören, was er ihm alles sagt, weil der Kaiser schrittweise vor seiner Lebhaftigkeit zurückweicht, zittern sie um seiner Zudringlichkeit willen, und als er ihn nach einer Viertelstunde bis an die gegenseitige Tür gedrängt hat und immer noch nicht nachgibt, sogar die Hand hebt, um den Kaiser nach seiner Gewohnheit am Knopf zu fassen, möchten sie ihn an den Beinen hinausziehen. Doch scheint der Kaiser anderer Ansicht zu sein; sie wollen es nicht glauben, aber sie sehen es mit ihren Augen, wie er den alten Mann, dem im Eifer sein Strumpf gerutscht ist, gerührt in die Arme schließt, bevor er sich wieder zu den Staatsgeschäften seines Gefolges wendet.
Bei der Rückfahrt möchten die beiden seinem Alter diensteifrig zu Hilfe sein; aber nun scheint dem Greis die letzte Vernunft zu entfahren: er fragt sie selber aus seinem Traum, ob alles in Ordnung sei? Heinrich Pestalozzi sind in diesen Basler Tagen andere Dinge wichtig geworden als Ifferten und seine Anstalt. Wohl hat er dem Kaiser der Russen vieles gesagt, wie der Mensch durch einen naturgemäßen Bildungsgang in die Menschheit eingeführt werden müsse; aber er fühlt, es müßten Monate, nicht Stunden der Predigt sein, um seiner Botschaft wirklich solch ein Herz zu wecken: Es sind nicht die Menschendinge, die den Mächtigen ans Herz gehen, sagt er zu den Stadtherren, die garnicht merken, daß er mit sich selber spricht, es gilt nicht die Menschheit und nicht einmal ihr Volk, es ist nur ihre Macht. Aber diese Macht allein kann nichts als Heere unterhalten und Länder mit Krieg überziehen; wenn danach der Friede kommt, ist sie wie eine Schelle ohne Klöppel. Ich wüßte Einem, der mir folgte, eine Macht in Europa zu gründen, die mächtiger als Bonaparte wäre; und ich sage euch, wer es am ersten mit mir hält, dem wird die Herrschaft in Europa zufallen!
Er hat die beiden Stadtherren aus Ifferten nun wirklich an den Rockknöpfen gepackt, und obwohl sein Menschengeist kühner als jemals auf Abenteuer in die Zukunft reitet, murmelt er nur Worte, die sie nicht verstehen. Darum sind sie froh, als er endlich schweigt und sie losläßt; denn ob sie noch immer über die Geltung dieses unscheinbaren Greises betroffen sind, ihn in die Arme zu schließen vermöchten sie nicht, trotzdem es ihnen ein Kaiser vormachte.
95.
So zufällig der Anlaß dieser Reise nach Basel für Heinrich Pestalozzi gewesen ist, so bedeutend wird ihre Folge. Er fährt den Stadtherren zuliebe über Bern zurück, wo sie einen Tag lang bleiben wollen, noch ohne Ahnung, daß dies gefährlich sein könnte. Schon zwei Tage vor Weihnachten haben die Berner die napoleonische Verfassung abgeschafft und sich wieder nach der ehrwürdigen Ordnung der Väter eingerichtet, die ihnen von neuem die Zwingherrschaft über den Aargau und das Waadtland geben soll. Sie wissen, daß sie beim Fürsten Metternich für solche Gelüste Rückhalt finden und haben schon den österreichischen Oberst Bubna beauftragt, im Durchrücken die verhaßte liberale Regierung in Lausanne einzustecken. So ist jeder Waadtländer in Bern wieder ein Empörer wie zu Davels Zeiten, und als Heinrich Pestalozzi sich in der Frühe nach seinen Ratsherren umsieht, sind sie noch am Abend eilig wieder abgefahren.
Es wird zwar noch nicht mit Musketen geschossen, und er kommt ungefährdet aus den finsteren Trutzgassen der alten Bärenstadt wieder hinaus; aber seine Schweizer Gedanken haben eine böse Erschütterung erfahren. Nun erst sieht er, was dieser Siegesmarsch der Verbündeten bedeutet: er soll der europäischen Welt die letzten zwanzig Jahre wie ein Geschwür ausschneiden, und dies begreift er sofort, daß seine Menschenbildung mit zu dem Geschwür gehört. Zwar wird er auf den Schutz des russischen Kaisers und der preußischen Regierung rechnen können, aber sein Werk wird in einer so kurierten Welt keine Lebensluft mehr haben. Er ist nun selber die Schelle ohne Klöppel, und so lustig er über die vorsichtigen Ratsherren gespottet hat: nun kommt er wie sie mit einem Gefühl der Gefahr in Ifferten an. Die ersten Zöglinge, denen er vor dem Ort begegnet — es sind die goldäugigen Zwillinge eines Pfarrers aus dem Traverser Tal — holt er zu sich in den Wagen und hält sie fest, als ob schon die Landreiter kämen.
Er findet Anna und die geborene Fröhlich in einer Aufregung, die der seinen gewachsen ist: Niederer, den jedermann noch im Verhältnis mit der Segesser glaubte, hat sich mit Rosette Kasthofer verlobt, der Heinrich Pestalozzi im vergangenen November das Töchterhaus als Eigentum abgetreten hat, was den Frauen schon damals nicht recht gewesen ist. Auch ihm kommt die Nachricht unerwartet, aber länger als eine Minute vermag er nichts Ärgerliches daran zu finden: Wir müssen nun alle zusammen halten, sagt er aus seiner andern Welt, und erst als Anna, die schon Wunderdinge aus Basel gehört hat, ihn verdutzt fragt, ob es vielleicht doch anders gewesen sei, als das Freudengespräch durch Ifferten gehe: berichtet er von seiner Audienz, darüber sie für diesen Abend doch noch fröhlich miteinander sind.