Am andern Morgen aber ist der Spuk wieder da und böser, als er ihn von Bern mitbrachte. So muß Noah zumute gewesen sein, denkt er, als er die Arche baute: und meine vier dicken Türme können nicht schwimmen, auch ist es gar die Zwingburg des Zähringers selber, darin ich sitze! Ich muß mein Testament schreiben, sagt er zu Anna, aber sie merkt bald, daß es nicht ihrem Enkel Gottlieb gilt: »An die Unschuld, den Ernst und den Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes« steht oben darüber, und wenn er jemals Worte für seine innere Beredtsamkeit fand, so gelingt es ihm diesmal. Er hat in Bern und schon in Basel sagen hören, daß es die alte Kultur herzustellen gelte: aber nun leuchtet er die gerühmte Zeit der Väter mit dem Lichtschein der Menschlichkeit ab und zeigt, daß ihre hitzigen Preiser nur den äußeren Glanz des gesellschaftlichen Lebens meinen. Kultur aber ist nur da — dies setzt er scharf ins Licht — wo das Gewissen des einzelnen sich zur sittlichen Persönlichkeit durchfindet und wo die Gesellschaft zur Gemeinschaft solcher Persönlichkeiten wird. Darum kann Kultur nicht durch eine Veränderung der äußeren Zustände herbeigeführt werden, ihr Boden ist allein der Mensch: Laßt uns Menschen werden, damit wir Bürger, damit wir Staaten werden können!
Es schwinden ihm Wochen und Monate über dieser Schrift, und die Täglichkeit, so peinlich und verworren sie ihn bedrängt, wird eine ferne Unwirklichkeit. Mancherlei Freunde wollen der bankrotten Anstalt mit Neuerungen in der Verwaltung aufhelfen, und Anna kommt von einer Reise nach Zürich nicht zurück, weil sie der Besserung nicht im Wege stehen will; Niederer heiratet die Kasthofer und geht für Monate mit ihr auf die Hochzeitsreise: es wird abgerüstet, das ist das einzige, was er davon wahrnimmt, und das treibt ihn wieder in die Gedanken seiner Schrift zurück. Es geht an den Grund seiner ganzen Lebensarbeit, es geht an die Wurzeln der europäischen Menschheit, da ist das zufällige Schicksal seiner Anstalt nichts mehr als die verspritzte Welle eines rauschenden Stromes. Als die siegreichen Mächte auf dem Wiener Kongreß das Schicksal Europas bestimmen wollen, ist der Freiherr von Stein der erste, dem er die Schrift übersendet; ganz ahnungslos, daß der als Triebfeder der deutschen Befreiung schon wieder ausgeschaltet ist, weil es nur noch die gierige Verteilung der Länderbeute gilt.
Es ist zum letzten Mal, daß der Menschengeist in Heinrich Pestalozzi auf ein europäisches Abenteuer reitet; seine Seele sitzt unterdessen in den Nöten seiner Anstalt zu Ifferten und wartet, wer ihr daraus zum Frieden helfe. Die Reise nach Basel hat nicht das benachbarte Grandson von den Lazaretten freihalten können; von dort aus verbreitet sich das Nervenfieber der österreichischen Soldaten doch nach Ifferten, und als der Herbstwind die gelben Blätter auf den Weg zu treiben beginnt, trifft es die geborene Fröhlich. Im siebenundvierzigsten Jahr ihres schaffnerischen Lebens legt ihr der Tod die Hände ineinander, die seit dreizehn Jahren das Hauswesen der Anstalt gehalten haben. Als sie den Sarg hinaus bringen, trägt Heinrich Pestalozzi keine Hoffnung mehr hinterher: Anna ist von Zürich auf den Neuhof gegangen; er möchte vom Kirchhof zu ihr laufen, statt in das verwahrloste Schloß zurück zu gehen, wo fremde Hände sein Geld und seine Worte ausgeben.
In dieser Zeit nimmt Niederer sein Herz in die Hand; er hat schon auf der Hochzeitsreise seinen Gegner Schmid in Bregenz besucht, den alten Groll auszulöschen; nun setzt er viele Briefe daran, dem Trotzigen die Rückkehr abzubitten, weil er allein mit dem Ruf seiner Lehr- und Regierfähigkeit die Anstalt retten könne. Und während die eifersüchtig streitenden Mächte auf dem Wiener Kongreß wie eine gestörte Spatzenschar auffliegen, weil Bonaparte noch einmal das Glück der Weltgeschichte versucht, kommen kurz nacheinander zwei Wagen nach Ifferten gefahren, die Heinrich Pestalozzi seine siebenundsiebzigjährige Frau Anna mit der hart und grau gewordenen Lisabeth und den Tiroler Schmid wiederbringen. Beide werden auch von den andern jubelnd begrüßt, und Pfingsten ist noch nicht im Land, da zeigen Stundenzeiger und Uhrwerk wieder den festen Gang des Uhrwerks an. Das Geld regnet nicht noch einmal zum Dach herein, aber es fliegt auch nicht mehr hinaus, weil eiserne Sorgfalt es behütet.
Heinrich Pestalozzi hat schon nicht mehr gedacht, noch einmal sorgenlos unter den hoben Seebäumen spazieren zu können; aber so sehr er die Erlösung aus den täglichen Nöten fühlt, die Landschaft ist taub für ihn geworden, und es kann ihm begegnen, wenn er Anna zuliebe vor dem Gelärm der Zöglinge beiseite geht, daß er sich selber erleichtert fühlt, das Gewühl ihrer Stimmen nicht mehr zu hören: er hat Sehnsucht nach der harten Stille des Birrfeldes, die Anstalt ist ihm verleidet, und er möchte sein Waisenhaus haben. Mit all seinem Ruhm — sogar den Wladimirorden hat ihm der russische Kaiser gesandt — mit dem fremden Zulauf in seine Anstalt kommt er sich vor wie ein Wagen, der mit den Achsen nach oben auf der Wiese steht und seine schnurrenden Räder nur noch als Spielzeug der Kinder hat: Solange ich nicht mit einem Armenkinderhaus gezeigt habe, wie der Armut aus sich selber geholfen werden kann, hat die Methode nur der Schule, nicht dem Leben gedient, und mein Werk ist nur halb getan! sagt er zu Schmid. Aber der schüttelt eisern den Kopf: Ehe er nicht ohne Verschuldung auf den Neuhof zurück könne, ließe er ihn nicht fort! Er brauche vielleicht nicht länger als ein Jahr, aber das müsse er aushalten!
Wenn Heinrich Pestalozzi über solche Worte bei Anna klagt, obwohl er sich der Liebe darin freut, legt sie wohl seufzend ihr Buch aus der Hand und sieht ihn über die Brille wie ein Meerwunder an, daß er noch mit grauen Haaren solch ein Kind seiner Unrast sei. Sie liest nun ziemlich den ganzen Tag und spricht von den Dingen und Gestalten ihrer Bücher, als ob sie die Wirklichkeit wären. Von ihrer letzten Anwesenheit im Neuhof hat sie das Nibelungenlied mitgebracht, wie es der Stadttrompeterssohn und Patriot Müller aus der Gerwe zum ersten Mal in Druck gab; daraus ist es gekommen, daß sie Schmid den ingrimmigen aber treuen Hagen von Tronje nennt.
Er mag das grausam heidnische Buch nicht, wie er es nennt, und er schmollt oft in einen Greisenzank, wenn sie schon wieder über Kriemhildens Klage weint; aber es tut ihm wohl wie alter Wein, daß sie so geruhsam am Fenster sitzt und zum wenigsten sein Werk in Ifferten nun als gesichert ansieht. Wenn ihn selber die Unruhe quält, schlüpft er gern für einige Minuten in das Behagen ihres beruhigten Alters ein; er weiß, daß sie einen gepreßten Klatschmohn im Buch liegen hat, den sie im Sommer aus dem Schloßgarten anbrachte, und das verblaßte Rot davon braucht nur aus den Blättern zu leuchten, so möchte er schnurren wie ein Kater in der Ofenwärme.
So glüht ihnen das Jahr still zu Ende, das unerwartet das letzte ihres Lebens ist. Anfangs Dezember wird sie von heftigen Brustschmerzen überfallen, die sich nach einer fiebrigen Nacht in Schlafsucht lösen. Am dritten Nachmittag wacht sie auf und streicht ihr dünnes Haar zurecht wie ein Mädchen, das sich verschlafen hat: Siegfried hat wie Christus keinen Sohn gehabt, sagt sie aus ihrem Traum und muß noch lächelnd weinen, weil sie an ihren Jakob denkt. Als sie dann kopfschüttelnd über ihre Verwirrung aufgestanden ist und auf dem Sofa sitzt, hebt sie die beiden Hände vor die Brust und sieht ihn aus einer tiefen Verwunderung an: Wie seltsam ist dies, Pestalozzi, in Schlaf zu fallen und wieder zu erwachen! Er hört nicht recht darauf, weil er ihr die Schuhe holen will; auch fällt ihm ein, daß nun bald wieder Weihnachten und Neujahr ist, wo er in der Kapelle sein Haus ansprechen muß, und wie er diesmal eher ein Brot, aus Gottes Korn gebacken, mitbringen könne als einen Sarg! Weil solche Einfälle in ihm ihr eigenwilliges Leben haben, ist er gleich eifrig dabei, Gedanken daran zu schnüren, indessen sie — nicht anders glaubt er — die Hände sinken läßt, noch einmal in ihren Schlaf zu fallen. Aber wie es darüber dunkel in der Stube wird und er die Messinglampe holt, die auch den Weg vom Neuhof hierher gefunden hat, sieht er, daß sie zu dreien im Zimmer gewesen sind, von denen zwei ihm unbemerkt weggingen.
96.
Als Anna Schultheß begraben wird, die für Heinrich Pestalozzi durch achtundvierzig Jahre das Senkblei seiner Stürme gewesen ist, gibt es eine Trauerfeier für Ifferten, als ob wirklich die Schloßherrin gestorben wäre. Eilfertige Liebe hat bei der Regierung in Lausanne bewirkt, daß ihr Sarg im Schloßgarten beigesetzt werden darf, unter zwei alten Nußbäumen, die sie gern hatte; und für Heinrich Pestalozzi ist schon der Platz daneben bereit. Irgendwer heftet ihm den Wladimirorden an den Rock, und auch sonst ist soviel Sorgfalt um die feierliche Stimmung des Tages bemüht, daß er sich als die willenlose Hauptfigur dieser Handlung umher geschoben fühlt und erlöst ist, endlich aus dem Schwall von Glockengeläut und feierlichen Mienen in seine Stube zu können. Er hat noch immer für das Frühjahr heimliche Pläne mit dem Neuhof gehabt, und es sollte eine gemeinsame Heimkehr aus der welschen Fremde sein. Nun hat er keine Heimat mehr; denn Anna liegt hier in der fremden Erde und wartet auf ihn. Ob seine ruhelosen Gedanken auf den Wegen der Vergangenheit mit Vorwürfen und Klagen seiner Unbeständigkeit nach ihr suchen, diese Qual steht unbeweglich in ihm: Nun bin ich schiffbrüchig, klagt er, und niemand kann mir wieder ans Land zurück helfen!