Der Tag hat ihm in seine Heiterkeit einen Schnitt gemacht, der nicht wieder heilt. Obwohl sein Verstand kopfschüttelnd dabei steht, er vermag seiner Seele nicht Halt zu gebieten, die nun ihre Sehnsucht immer nach der gleichen Seite fließen läßt, bis sein Enkel Gottlieb ihm nachgiebt und neben dem Neuhof noch den Bau eines Armenkinderhauses beginnt. Er weiß es genau und sagt es sich immer wieder, daß er nicht mehr hineinkommt, daß es aus seinem Leben in die Nachwelt gebaut wird; aber er kann seine Hände nicht davon lassen, und wieder wie damals am Neuhof steht er unter den Bauleuten, ihnen übereifrig Handreichung zu tun, obwohl es nasser Schnee ist, darin seine Füße kalt werden.

Unterdessen ist sein Schwanengesang erschienen; aus seiner Lebensgeschichte hat ihm der Verleger die Jahre in Ifferten herausgenommen, er hat sich aber nicht abhalten lassen, daraus eine besondere Schrift zu machen, die er »Meine Lebensschicksale« nannte. Lobendes und Tadelndes kommt ihm darüber zu, es ist ihm nicht mehr wichtig, seitdem er in Beuggen war: Ich bin auf dem Altenteil der Seele, sagt er dem Steinmann, der Menschengeist muß sehen, wie er allein in der Welt zurecht kommt! Aber im Spätwinter fällt ihm die Antwort aus Ifferten wie ein Stein auf den Tisch; Niederer hat ihn geworfen, jedoch nicht die Tapferkeit gehabt, dafür einzustehen, sodaß nun ein junger Lehrer an der Mädchenschule mit dem Namen Biber die Schrift decken muß. Als Heinrich Pestalozzi die Anklage liest, die ein ziemliches Buch ist, hat er ein Gefühl, als ob er noch immer lebe, aber die Welt um ihn hätte ihren Lauf eingestellt. Vor einem halben Jahr würde er es verwunden haben, sich aus dem eigenen Haus als Lügenvater und als Wahnsinniger beschimpft zu sehen; jetzt nach dem Tag in Beuggen trifft ihn der Dolchstich, daß er hinstürzt.

Mitten aus seiner hartnäckigen Gesundheit haben sie nun im Neuhof einen Kranken zu pflegen, dem das Fieber aus der Seele in den Körper zu rasen scheint. Schon liegt er von Schmerzen zerrissen auf dem Bett, da will er noch die Antwort schreiben, und er fleht den Arzt an, ihm ein paar ärmliche Wochen zu schenken, da er vorher doch so sinnlos lange gelebt habe! Nicht mehr wie sonst vermag er zu diktieren, er muß die Feder selber führen, und es ist grausig für den getreuen Steinmann, daß er ihn vielmals ohne Tinte schreiben sieht: Tupfen, Herr Pestalozzi, tupfen! sagt er ihm immer wieder; aber die gequälte Seele sieht nicht mehr, was sie tut.

Die Schmerzen werden bald so stark — es sind Harnbeschwerden — daß der Arzt ihn nach Brugg haben möchte, um besser nach ihm zu sehen. Noch liegt dicker Schnee, als sie ihn mit Kissen und Decken in einen Schlitten packen. Das ist mein Wagen, diesmal der letzte, sagt er zu seinem Urenkel, den sie ihm aus der Wiege anbringen müssen, daß er den fiebrigen Kopf über ihn neige; auch den andern gibt er mit tapferen Worten die Hand, nur als sie an den halbfertigen Mauern des Armenhauses vorbeifahren, hält er sich die weinenden Augen zu.

Im Gasthaus zum Roten Haus in Brugg wartet die Sorgfalt auf ihn und Steinmann ist da, ihn zu pflegen. Noch eine Woche lang strömt ihm die besorgte Liebe seiner Freunde aus dem Aargau zu, und er ist wach genug, sie zu empfinden; nur der Glarner, der ihn nun besser kennt als irgend einer, sieht durch Tränen, wie er die Hände nicht mehr zu halten vermag, die Hände und die Lippen, als ob er unablässig aus einem niederstürzenden Schutt die Worte ausscharren müsse.

Als es stiller damit wird, weiß der treue Diener zuerst, wer die Ruhe bringt; und während die andern an seiner Heiterkeit wieder auf Genesung zu hoffen wagen und mit ihm sprechen, als ob dies nur ein unpäßlicher Aufenthalt auf einer Poststation sei, geht Steinmann in blinder Trauer um seinen erwürgten Herrn beiseite. Bis mit dem Abend die Heiterkeit aus den Augen Heinrich Pestalozzis auch in die Sprache kommt, daß sie hell und frei wird wie bei einem Knaben, und endlich sich ein überirdisches Lächeln um die Greisenlippen legt, dem nur die Augen nicht standhalten, weil sie im Anblick der jenseitigen Welt erstarren und für diese leblos aufgerissen sind: da schließt seine Dienerhand die beiden Fensterläden, die zwischen dieses und jenes Leben von Anbeginn der Menschheit gelegt sind.

Nacht

100.

Selten sind über das Birrfeld solche Schneemassen niedergegangen wie in der Februarnacht, da der Glarner im Roten Haus zu Brugg Heinrich Pestalozzi die erste Totenwacht hält; und erst am andern Nachmittag ist soviel Bahn gemacht, daß sie ihn mühselig genug im Schlitten nach dem Neuhof holen können. Da wird er bei Kerzenlicht in der Kammer aufgebahrt, wo die stummen Dinge seiner Gewohnheit eine Woche lang auf ihn gewartet haben; als ob er aus tiefem Schlaf erwachen wolle, liegt er im Sarg, und das Lächeln glücklicher Träume scheint sich in den Runzelfalten seines verwelkten Gesichtes zu verstecken. So ist er über Nacht geworden, erklärt Steinmann dem Pfarrer und gibt auch seine Dienerweisheit dazu: Der Körper freut sich, endlich die unruhige Seele los zu sein!

Am andern Vormittag begraben sie ihn auf dem verschneiten Dorfkirchhof; der Wind fegt eisig über das Birrfeld, und die Wege zwischen den Dörfern sind wie Maulwurfsgänge durch den meterhohen Schnee gegraben: aber die Schulkinder aus der ganzen Kirchgemeinde kommen, ihm ein Lied ins Grab zu singen, und die Schulmeister tragen den Sarg. Damit sie auf dem Kirchhof stehen können, haben die Bauern dem Küster helfen müssen, einen Hof aus dem Schnee zu schaufeln, und die gefrorenen Erdschollen poltern gleich Steinen auf die Bretter: es ist ein anderes Begräbnis als vor elf Jahren, da sie Anna Schultheß im Schloßgarten zu Ifferten begraben. Das bäuerliche Dasein, aus dem er mit seiner Bitte an Menschenfreunde hervortrat, hat seinen Leib zurück gefordert, und bevor die Freunde im Land Und draußen seinen Tod erfahren, verweht der eisige Wind den einsamen Grabhügel schon mit neuem Schnee. Als ihrer dann einige mit dem Frühjahr kommen, staunen sie, wie das Mißgeschick ihm bis auf den Kirchhof folgte: er ist mit seinem Sarg unter die Traufe des Schulhauses geraten; der Regen, den das Dach von den Dorfkindern abhält, gießt auf seinen Hügel. Statt des Rosenstockes, der darauf steht, möchten sie ihm einen Stein setzen; aber der Enkel im Neuhof zeigt ihnen ein vergilbtes Blatt, darauf er sich selber den Grabschmuck wünschte.