Der Stock trägt weiße Rosen und wird mit den Jahren ein Busch, der im Frühsommer als ein schäumender Ball vor dem kleinen Schulhaus steht. Selten kommt dann ein Fremder, der sich nicht eine Blüte davon mitnähme; und an diesen Wallfahrten zu seinem Rosenstock merken die Birrfelder, daß etwas von Heinrich Pestalozzi lebendig geblieben sein muß.
Sein Sterbeteil ist längst vermodert, und die Seele Heinrich Pestalozzis ruht im Zeughaus des Lebens aus von der Ruhelosigkeit ihrer Tage; nur der Menschengeist, dem sie die schwingende Unruhe war, reitet sein Abenteuer in die Unsterblichkeit. Die Zeiten sind nicht danach, seinen Wahlspruch, Freiheit durch Bildung, beliebt zu machen, und das prophezeite Jahrhundert der Menschlichkeit will nicht anbrechen. Nach dem Traum der Befreiungskriege ist Europa wieder eingeschlafen, und die deutsche Jugend der schwarzrotgoldenen Burschenschaften wird hinter Gitterstäben von dem Traum kuriert. Überall hat sich der Geist der Väter auf die vergoldeten Stühle der alten Herrlichkeit gesetzt, und die Landreiter spähen, daß seine Hüte an den Stangen in der schuldigen Ehrfurcht gegrüßt werden. Darüber flackern die Menschenrechte, denen zuliebe soviel Köpfe abgeschlagen wurden, zum andernmal auf in einer Revolution, aber diesmal schlägt ein nasser Sack die Strohfeuer aus: Das Reich fällt noch einmal in einen bleiernen Morgenschlaf, und über den Ozean her leuchtet ein Morgenrot, dem die halbwachen Schläfer in Millionen zutaumeln.
Indessen so von den Luftschlössern der Freiheit nichts übrig bleibt als die Schwärmerei für Ruinen — selbst der neue Napoleon begnügt sich, von Gottes Gnaden auf dem angestammten Kaiserthron zu sitzen — ist aus den Zeiten Steins in Preußen der Eckpfeiler der Volksschule durch alle Schwierigkeiten pietistischer Bedrängung stehen geblieben, und im preußischen Lehrerstand reitet der Menschengeist von Heinrich Pestalozzi sein Abenteuer in die kleinsten Dörfer. Längst ist die deutsche Frage ein Rattenkönig geworden, da tut es bei Königgrätz einen scharfen Schlag, der die Schwänze blutig auseinander reißt: Preußen marschiert und ein geflügeltes Wort kommt auf, daß der preußische Schulmeister die Schlacht an der Bistritz gewonnen habe. Dann schmiedet Bismarck das neue Reich aus Blut und Eisen, wie es in den Ruhmesblättern heißt; aber er selber schreibt aus Versailles an seine Frau, daß Deutschland dem gemeinen Soldaten mehr als den Generälen den Erfolg in Frankreich verdanke.
Ich wüßte Einem, der mir folgte, eine Macht in Europa zu gründen, die mächtiger als Bonaparte wäre; und ich sage euch, wer es am ersten mit mir hält, dem wird die Herrschaft in Europa zufallen! hat Heinrich Pestalozzi zu den Stadtherren von Ifferten gesagt, als sie von der Audienz in Basel zurück fuhren: nun steht das Deutsche Reich mächtig in Europa da aus seiner Lehre.
Aber wenn der Armennarr vom Neuhof, der den Rockknopf des russischen Kaisers nicht zu fassen kriegte, danach seine dritte Reise machte, diesmal fröhlicher nach Berlin als damals nach Paris: er würde das goldblinkende Dach des Reichstags staunend von außen betrachten und in die zweite Volksschule nur aus dem Zweifel gehen, ob die erste mit ihren sauberen Klassen und dem peinlich umzirkelten Lehrplan nicht ein Blendwerk der Schulbehörde gewesen sei; er würde nach den Wohnungen der Armen fragen und aus dem Prunk der Linden hinaus wandern in die trüben Straßen, wo die Kinder in engen Höfen spielen; und unverdrossen mit den ärmsten bis in die letzte Dachwohnung steigen: Ich will sehen, was die Treppe der Menschenbildung aus dem Haus des Unrechts gemacht hat!
Wohl würde er schaudern vor dem Haß des Klassenkampfes, aber er würde sich tapfer zu seinem Anteil bekennen: daß der Arbeiterstand die Gerechtigkeit nicht im Mist der Gnade verscharrt haben wolle, sondern — durch Bildung frei gemacht — Macht gegen Macht einsetze, sie zu ertrotzen. Er würde vor den Gewerkschaftshäusern und Konsumanstalten beklommen vor Glück dastehen, daß aus der Masse von einzelnen Schwachen soviel Stärke im Ganzen möglich wäre, und er ließe sich nicht mit der Verdächtigung schrecken, daß da die vaterlandslosen Gesellen ihre Kriegslager des Umsturzes hätten: Er hat es zu sehr am eigenen Leib gespürt, wie rasch die herrschenden Mächte mit der bedrohten Moral bei der Hand sind, wenn ihnen einer um der Gerechtigkeit willen widerstrebt! Wie er dem Pfarrer Lavater einmal schrieb, daß er leicht nach oben milder und nach unten strenger sei, als es sein Herr Jesus Christus gehalten habe!
Freilich, wenn Heinrich Pestalozzi, der es im Leben zu keinem Wohlstand brachte, der in schlechten Kleidern ging und auch so aß und wohnte, von seinen einsamen Gängen wieder in die Hauptstraßen zurück käme und den Aufwand der Schaufenster, die geputzten Menschen und die Marmorsäle sähe, die jeden Mittag und Abend gefüllt sind, als ob es ewig Feste zu feiern gäbe: er würde in einem tiefen Schrecken von neuem seitab irren in die dunkleren Straßen der unermeßlichen Steinwüste und den Plakaten folgend in eine der Versammlungen geraten, wo die Männer der Lohnarbeit einem jüdischen Redner zuhörten, der die Schlupfwinkel einer wirtschaftlichen Frage mit juristischer Dialektik ableuchtete. Sie würden erstaunt sein, wenn sich nachher der Greis mit dem blatternarbigen Runzelgesicht zum Wort meldete, und mißtrauisch seine seltsame Erscheinung betrachten, ob er ihnen nicht mit lächerlichen Einfällen Unfrieden stiften wolle? Auch bliebe Heinrich Pestalozzi selber im Anfang noch verschüchtert, wie wenn ihn der Schulmeister Dysli mit seinem Anhang unter den Hintersassen noch einmal aus der Stube schicken könnte; bald aber fände er in den feindlich abwartenden Augen eine Menschenseele, zu der er also spräche:
Lieber Bruder und Genosse — wie ihr euch nennt — meiner Seele ist es gegangen wie deiner, sie fand sich in eine Ordnung gestellt, die aus dem Unrecht der Gesellschaft gewachsen war, und seit den Jünglingstagen wallte mein Herz wie ein Strom, die Quellen des Elends zu verstopfen, darin ich das niedere Volk um mich versunken sah: aber wie mir die Methode nur das Mittel und nicht das Ziel war, so auch die äußere Wohlfahrt. Darum habe ich zwei Dinge nicht gekannt, die mir in diesen Tagen mehr, als es gut ist, begegneten: den Neid und den Haß. Warum, Bruder und Genosse, willst du den Reichen hassen, und um was willst du ihn beneiden? Er hat ja selber nichts als sein Geld und was er sich für sein Geld kaufen kann? Ist es aber dies, warum wir zwischen Geburt und Tod unser rasches Leben haben, und kann es unser Glück sein, daß unsere Frauen sich putzen können mit kostbaren Kleidern, und daß wir die edlen Weine trinken und Kapaune essen?
Ich weiß wohl und habe es bitter gefühlt wie du, daß ein Mindestes für jeden Menschen nötig ist: daß er im Winter nicht friere und im Sommer nicht hungrig sei, daß er Stunden haben möchte, wo er aus der harten Arbeit zu sich selber käme, und daß er um seines Lohnes willen niemandes Knecht zu sein braucht! Auch weiß ich wie du, daß dies abscheulich an unserer gesellschaftlichen Ordnung ist, wie sie am Geldsack hängt: aber geht nicht vieles, wie ihr es ändern wollt, geht es nicht auch nur im Gelüst auf jene Genüsse, die aus dem Geldsack kommen? Ist nicht in eurem Haß auf die besitzenden Klassen auch der Neid? Der Neid auf Güter, deren Genuß euch nicht weniger als der Mangel im Elend eines nichtigen Lebens ließe!