Eine gute Verfassung ist zwar von einer schlechten wie ein guter Acker von einem schlechten verschieden; aber du weißt, es wächst dir weder auf dem guten noch auf dem schlechten Acker etwas aus dem Acker allein, sondern aus der Arbeit und dem Samen, die du darauf verwendest! Wie aber kann deine Arbeit wertvoll für dich und die andern sein, wenn du doch wieder das alte Unkraut säst? Wie anders haben wir es damals von den Welschen gelernt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! nur laß es mich verdeutschen:

Es gibt vielerlei Freiheit auf der Welt: aber die Freiheit der Sau im Wald, die ihren Suhl hat, und die Freiheit des Reichen, der sich mit seinem Gold das Tischlein-deck-dich herzaubern kann, ist Knechtschaft der Begierden. Frei sein heißt nicht, tun dürfen, was du möchtest, sondern tun wollen, was du mußt; darum achte, daß du draußen wie drinnen keinen Herrn über dein Gewissen habest! Jesus Christus, der sich für die Mühseligen und Beladenen ans Kreuz schlagen ließ, war freier als Pontius Pilatus, der den Befehl dazu gab.

Es gibt vielerlei Gleichheit, aber willst du dem Schlechten und Geringen gleich sein oder dem Besten? Soviel dir einer voraus hat in Gütern, Wissen und Fertigkeiten, im Selbstgefühl kannst du dem Reichsten und Klügsten gewachsen sein trotz all seinem Geld, seinen Künsten und seiner Wissenschaft. Vor Gott gleich sein, wie die Frommen wissen, heißt etwas anderes, als nichts vor seiner Allmacht zu bedeuten; denn frage deine Seele, ob du dich als Sandkorn von Meer und Wind verweht fühlen oder selber Meer und Wind sein willst? Vor Gott gleich sein, heißt aus dem Ungewissen ins Gewissen der Welt, heißt in die Allmacht berufen sein.

Es gibt vielerlei Brüderlichkeit; aber daß der Reiche im Wagen dich mitnimmt hinter seine Pferde, in sein Haus und an seinen Tisch: dadurch wirst du nicht sein Bruder, sondern sein Knecht, der Wohltaten empfängt. Und wenn er all das Seine mit dir teilte, gutwillig und gerecht: er würde vielleicht dein Bruder sein, du aber nicht der seine; denn Brüderlichkeit ist ein Geschenk, das nur gegeben, nicht empfangen werden kann; du aber willst empfangen! Es gibt nur eine Brüderlichkeit, die ist vor Gott — und ich meine nicht die Stündlisbruderschaft — ihr sind die Güter der Erde wenig vor dem Gefühl der Seele, aus dem Rätsel in das Menschenschicksal geboren zu sein und wieder in das Rätsel der Welt hinein sterben zu müssen. Allein vermöchten wir das Grauen, aus dem ewigen Weltall durch unser menschliches Bewußtsein für eine flackernde Sekunde abgesondert zu sein, nicht auszuhalten, wir würden vor Schreck daran verdorren: nur weil wir gleich den Halmen im Feld dastehen, können wir miteinander auf den Schnitter warten und uns doch wiegen im Wind und wärmen in der Sonne und den Saft der Erde trinken für unsere Frucht!

Wenn Heinrich Pestalozzi das gesagt hätte, würde er noch einmal in dem Saal dastehen, als ob er nach bestandenem Examen vor den andern Schülern das Vaterunser sprechen müsse, so zum Lachen würde ihn schon wieder eine Einsicht und ein Irrtum überraschen; und wie immer ginge auch diesmal seine Rede in einem Selbstgespräch zu Ende, das keiner der Männer in dem bleichen Gaslicht dieses Saales verstehen würde: Ich dachte, es wäre der Menschengeist von mir, der immer noch auf Abenteuer reitet, indessen sie meinen Körper unter die Dachtraufe und den Rosenstock legten! Nun muß ich sehen, daß er nur der Diener unserer Menschenbruderschaft und nicht das Leben selber ist, daß er die Worte setzt, damit eine Botschaft von meiner Seele in deine, Bruder und Genosse, käme; da beide sonst einsam im gemeinsamen Schicksal bleiben. Denn allein die Seelenkraft ist das Leben, darin wir alle eins und von Gott und also unverletzlich sind. Botschaft der Weltseele in unser irdisches Dasein zu bringen, ist das Abenteuer des Menschengeistes, dessen Tapferkeit sonst nur Ehrgeiz und Rauflust und vor der Ewigkeit ein windiger Spaß wäre, ein grausames Puppenspiel der Menschen für ihre Götter, wie es die Hoffnungslosigkeit der Alten dachte.

Berichtigung.

Der letzte Band meiner Erzählenden Schriften mußte durch widrige Umstände ohne Korrektur gedruckt werden. Dadurch sind Druckfehler stehen geblieben, die nach meinem Willen schon in früheren Ausgaben beseitigt wären. Hierzu gehört auch, daß statt Tauner (Tagelöhner) durchgehend Tanner gedruckt wurde, was natürlich falsch ist.

S.

Die Erzählenden Schriften von Wilhelm Schäfer

Mannsleut, Westerwälder Bauerngeschichten. Verlag Samuel Lukas, Elberfeld 1894 (vergriffen).