Das Weiblein der Sibyllenschaar (vgl. die 'Sibyllengilde' in der classischen Walpurgisnacht; auch Rabelais erinnert an das ganze Geschlecht der Zauberinnen) nehme ich als eine wirkliche Wahrsagerin, welche dem Dichter verkündigt, es drohe ihm Gefahr von schwarzen Augen: natürlich keine historische Notiz, sondern eine andere Einkleidung für eine Wendung wie 'es ist mir Gefahr prophezeit'. Der Dichter bezieht die Prophezeiung auf schwarze Augen, die er kennt und ruft die Besitzerin derselben unter dem Namen Marianne um Mitleid und um eine kurze Frist an. Marianne (vgl. die Geschwister und Wilhelm Meister) braucht kein wirklicher Name zu sein – manche Damen in Goethes Umgebung werden willkürlich benannt, ohne dass wir die Gründe erkennen – aber wenn ich das Concerto richtig datire, so muss Susanne Magdalena Münch gemeint sein.

'Vergönne mir die arme, kurze Frist' sagt der Dichter, und wird also wol einen bestimmten Termin seiner Freiheit im Auge haben. Diesen erst noch durchlebt, benutzt: dann will er sich gefangen geben. Man kann eine Anwendung des Spruches 'alles zu seiner Zeit' herausfühlen. Der Termin wäre durch das schliessende Presto fugato bezeichnet. Er will Rosenlust wie Obst- und Weinernte noch geniessen. Die Rosen geben eine Anknüpfung an das Andantino. Aber der Wein ist die Hauptsache: 'Hier ist genug, hier schäumt der Most die Fässer heraus' (so interpungire ich: aus den Fässern heraus). Alle, alle werden herbeigerufen, und das Tanzen und Jauchzen geht los. Das bacchische Motiv als solches kehrt am Schlusse der Helena und auch in der Pandora wieder.

Was hier vorliegt, ist in der That 'fugato', eine Art fugirter Satz. Zwei Stimmen unterscheiden wir und dazu das instrumentale Accompagnement ('didli di dum, didli di dei, duru, dal dilleri du') welches zuletzt, als ob sich der Schwarm immer weiter entfernte, allein noch gehört wird ('dum du, dum du' usw). Die eine Stimme ruft fortwährend alle herbei zum Tanzen und Singen: herbei! mit! mit! Alte und Junge, Weiber und Kinder, Zöllner und Sünder werden aufgefordert. Die zweite Stimme verspottet die Laffen, welche nicht mit wollen.

Was meint Goethe damit? Vielleicht den Götz? den ersten ausgibigen Most, den er aus seinen Trauben gekeltert hat, zu dem alles Volk geladen ist: aber er sieht voraus: die grossen Geister, gestopelten Meister, 'verschnitten dazu' werden abseits stehen und gaffen.

Jedenfalls bietet ein früheres Werkchen schon eine Parallelstelle dazu, der (nach S. 13 aus dem Herbst 1772 stammende) Schluss der deutschen Baukunst (DjGoethe 2, 213 f.): 'Wenn denn nach und nach die Freude des Lebens um dich erwacht und du jauchzenden Menschengenuss nach Arbeit, Furcht und Hoffnung fühlst; das muthige Geschrei des Winzers, wenn die Fülle des Herbsts seine Gefässe anschwellt, den belebten Tanz des Schnitters, wenn er die müssige Sichel hoch in den Balken geheftet hat; wenn' usw. Er redet den Künstler an, der die Seligkeit der Götter auf die Erde leiten soll.

Und die Anklänge gehen noch weiter. Goethe braucht nicht blos 2, 208 das Wort 'zusammengestoppelt' in einer Reihe mit 'unnatürlich, aufgeflickt, überladen' um die falsche Vorstellung dessen zu bezeichnen, was er vom Strassburger Münster erwartete; sondern er verwendet auch ein intransitives Verbum 'stoppeln' synonym mit 'fremde Gewächse einsammeln' (1, 212. 213; vgl. mhd. stupfeln) und daraufhin kann man die 'gestopelten Meister' des Concerto wohl nur mit von Loeper als solche auffassen, deren Meisterschaft auf einer Aehrenlese über fremde Aecker hin beruht.

In einer Recension der Frankfurter Gel. Anz. 1772 S. 741 über die Allgem. D. Bibl. XVII. 1 heisst es: 'Stockhausens kritischer Entwurf einer auserlesnen Bibliothek. Vierte Auflage. Damit wird übel verfahren, und von der Seite des, was es ist, mit Recht; wenn man aber auf der andern Seite denkt, was es sein kann, und nicht mehr, wie vielleicht eine solche kritische Bibliothek unmöglich ist, denn gut, schlecht, schön, lesenswerth, drücken freilich den Gehalt nicht aus, und bestimmtere Urtheile, wer soll sie geben? Der Mann von Genie? Der wird uns sagen, was ihm die Bücher waren; Und der Litterator? Das ist ja Hrn. S. ein sehr mittelmässiger vielleicht; So lassts denn, dass zu jeder neuen Ausgabe Freunde und Feinde, Professores und Recensenten ihre Beiträge und Tadel dazugiessen, und zuletzt einer darein tritt, der alles Urtheil heraus schmeisst und die von so mancherlei Köpfen gewählte und gestoppelte Bücher nach dem Seinigen meistert und in litterarischen Reihen die Titel ordnet'. Unzweifelhaft ein Goethischer Satz, aber keiner von den durchgebildeten, sondern leicht hingeworfen.

In meiner Auffassung bestärkt mich das 'verschnitten dazu' des Concerto. Der Giessener Schmid bemerkt in der Recension der Deutschen Baukunst (Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 775; 4. December) welche Goethe an Kestner (DjGoethe 1, 337 f.) im wesentlichen richtig, aber doch zu empfindlich charakterisirt[3]: 'Gegen die Herrn Geschmäckler und verschnittne Kunsttheoristen, die nichts als schöne Kunst kennen wollen, erinnert der Verf. mit vielem Grunde, dass die Kunst lange bildend ist, ehe sie schön wird' usw. Der Ausdruck 'Geschmäckler' findet sich bei Goethe (2, 205), aber nichts von verschnittenen Kunsttheoristen: sollte Schmid den Ausdruck nicht doch aus Goethens Munde haben? Wer ins blaue rathen will, kann annehmen, dass Schmid die Baukunst, nach der er sich sehr begierig zeigte, im Correcturabzug erhalten hatte und darin noch den derberen Ausdruck vorfand (etwa 'dem verschnittenen Geschmäckler' statt 'dem schwachen Geschmäckler', Gegensatz: 'ganze Seelen'), den der Verfasser nachher freundschaftlichem Rathe oder eigenem Besinnen folgend, milderte.

Unter allen Umständen stellt der Schluss des Concerto gerade wie die Schrift von deutscher Baukunst den neuen Geschmack energisch in den Vordergrund und wirft unhöfliche Seitenblicke auf die Vertreter des alten. Auf frühere Abfassungszeit des Presto fugato möchte ich daraus nicht sofort schliessen.

Entstehung der einzelnen Theile zu verschiedenen Zeiten ist ganz möglich. Dergleichen kann sich nach und nach ansammeln und wird dann in einem günstigen Augenblicke redigirt.