Wo irgend sich einiger Zusammenhang zwischen den verschiedenen Stücken zu zeigen schien, da habe ich darauf hingewiesen. Man könnte wol hier und da noch einen Schritt weiter gehen; aber es kommt darauf überhaupt nicht an: die Stücke sollen nur den musikalischen Gegensatz der Stimmung haben, die schärfsten Contraste dicht neben einander gestellt, eine gewisse Einheit nur durch wiederholtes Anschlagen der selben Themata hervorgebracht.
14. 2. 78.
JAHRMARKTSFEST ZU PLUNDERSWEILERN.
Das Folgende ist mit Bezug auf eine Arbeit von W. Wilmanns über denselben Gegenstand (Preuss. Jahrb. 42, 42) geschrieben, welche mir durch die Gefälligkeit des Verfassers schon im Manuscripte vorgelegen hatte. Dass die Personen des kleinen Spieles Porträte ganz oder hauptsächlich aus Goethes Kreise seien, steht fest durch Goethes eigenes und durch Mercks Zeugnis. Bisher hatte man aber wol nur Mardochai auf Leuchsenring gedeutet; Wilmanns fügt eine Anzahl gewiss richtiger Vermuthungen hinzu; in einigen Fällen möchte ich ihn bekämpfen und seine Deutungen entweder durch andere ersetzen oder wenigstens die Möglichkeit künftigen besseren Findens offen lassen, wo er schon bestimmte Substitutionen vornimmt. Das Princip vor allem ist mir zweifelhaft, wonach Wilmanns wiederholt zulässt, dass mehrere Figuren des Spieles auf eine und dieselbe Persönlichkeit zurückgehen könnten. Das hat eine grosse innere Unwahrscheinlichkeit, und nur ausnahmsweise möchte ich davon Gebrauch machen.
Im April 1773 meldet Caroline Flachsland ihrem geliebten Herder, Goethe habe neulich einen Jahrmarkt in Versen nach Darmstadt geschickt, um Herrn Merck die Cour zu machen und Leuchsenrings Person darin aufzuführen. Dieser 'Jahrmarkt in Versen' ist ohne Zweifel unser Stück und wir gewinnen dadurch ein ziemlich sicheres, wenn auch nur ungefähres Datum. An der Identität zu zweifeln oder eine noch ältere Fassung vorauszusetzen, haben wir keinen Grund, da – wie sich zeigen wird – die Notiz vollkommen richtig ist und genau passt.
Da wir zum Theil gewiss litterarische Satire vor uns haben, so sei aus den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 669 (20. October) angeführt: 'Wenn wir uns nicht lange gewöhnt hätten, alle die Gaukeleien, Windbeuteleien und Schelmereien, die in dem Reiche der Gelehrsamkeit seit einiger Zeit Mode werden, mit eben der Laune anzusehen, womit man, wenn man sonst nichts besseres zu thun weiss, an dem Theater eines jeden Markschreiers [so] verweilt; so würden wir uns über die Unverschämtheit ärgern müssen, womit der Uebersetzer und Verleger dieser Bogen aufzutreten wagt' ... 'Endlich hängt er noch die weise Bemerkung an, dass das Buch nicht für Kinder wäre, und lässt dabei einen formalen Stammbaum abstechen, der alle Tugenden in ihre Aeste vertheilt, der lehrbegierigen Jugend etwa an der Wand im Schattenspiel oder im Raritätenkasten zur Ergötzung und Nutzen vorgezeigt werden kann' ... Es handelt sich um eine aus dem Französischen übersetzte Schrift über die Unumstösslichkeit der natürlichen Religion. Man sieht: die Conception eines litterarischen Jahrmarktes war bei Goethe oder in Goethes Kreise schon vor dem 20. October 1772 vorhanden. (Vergleich der deutschen Litteratur mit einer Trödelbude, wo falsche Waare gegen falsche Münze ausgetauscht wird, schon S. 199 am 27. März 1772.)
Plundersweilern ist natürlich Frankfurt. Und an die Frankfurter Messe wird gedacht. Wie die eben citirte Stelle um die Zeit der Herbstmesse, so ist das Fastnachtspiel um die Zeit der Ostermesse geschrieben, welche wirklich Comödie und Schattenspiel darbot, wie wir es hier finden (vgl. DjGoethe 1, 363). Ich sondere die kleinen Scenen, die sich hinter einander abspielen.
I. Doctor Medicus und Marktschreier. Wilmanns hat erkannt, dass jener Goethe selbst ist, dieser aber Christian Heinrich Schmid Dr. jur. Professor der Dichtkunst zu Giessen. Beide im Leben Doctores juris, werden hier in die medicinische Region übertragen. Der Doctor, tolerant, gönnt dem quacksalbernden quasi-Collegen den Profit und weiss, dass die Kunst doch beiderseits nicht gross: ganz in Goethes lässiger Art, die Merck so entschieden bekämpfte. Specielle Beziehung auf Schmids Zulassung als Recensent in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen?
Der Marktschreier kündigt eine Tragödie an 'voll süsser Worten und Silbensprüchen':