Hüten uns auch für Zoten und Flüchen
Seitdem die Gegend in Einer Nacht
Der Landcatechismus sittlich gemacht.
Gemeint ist der Katechismus der Sittenlehre für das Landvolk (Frankfurt am Mayn, bey J.L. Eichenbergs seel. Erben, 1771) – anonym erschienen, bekanntlich von J.G. Schlosser. Das Motto lautet: 'Bist du weise, so bist du dir weise' (Sprichw. Salomon. 9, 12). Auf eine kurze Vorrede folgt eine längere Einleitung (S. 5-54), worin der Verfasser von dem Landgut eines Freundes erzählt, wo er unter den Landbewohnern die Tugenden des goldenen Zeitalters gefunden habe. Ein Zufall entdeckt ihm, welche Hand so segensreich wirkte. Er trifft einen alten Verwalter des Gutes eines Tages mitten unter den Kindern der Bauern, der Alte sitzt unter ihnen wie Sokrates unter seinen Schülern, und die Kinder horchen mit gespannter Aufmerksamkeit. Der Lehrer weiss ihnen die Tugend interessant und liebenswürdig zu machen. 'Alle seine Lehren und seine Ermahnungen gingen blos dahin zu zeigen, wie unzertrennlich der Vortheil eines jeden mit der Ausübung der Pflichten verbunden ist, die wir auf uns haben'. In einem Gespräche mit dem Verfasser hält dann der Alte eine Lobrede auf die Tugend im allgemeinen und gibt nähere Auskunft über die Art und Weise, wie er seine Umgebung moralisch gebessert habe. Aus den Lehrstunden des Alten ist angeblich der eigentliche Katechismus gesammelt (S. 55-136) der nicht in Fragen und Antworten, sondern in zusammenhängendem Vortrage die Pflichten des Menschen durchnimmt und den Nutzen, den sie bringen, einleuchtend zu machen sucht.
Goethe trifft den entscheidenden komischen Punkt, wenn er die Vorstellung persifflirt, als ob auf diesem Wege im Handumdrehen eine Verbesserung der öffentlichen Moral erzielt werden könnte. Am 8. Januar 1773 (Frankf. Gel. Anz. 1773 S. 24) kündigt übrigens der Verleger die zweite Auflage des Büchleins und einen Separatdruck des eigentlichen Katechismus an. Hieran erst schliesst sich chronologisch Goethes Spott.
Der Doctor meint zum Marktschreier: ohne Zoten und Flüche werde man sich wol ennuyiren. Ganz wie Goethe (6. März 1773) an Salzmann das deutsche Theater seit der Verbannung des Hanswurst charakterisirt: 'Wir haben Sittlichkeit und Langeweile'. Der Marktschreier bedauert denn auch, dass sein Hanswurst krank sei. Auf die Parallelstelle macht Wilmanns S. 64 aufmerksam.
Der Doctor wird durch einen Bedienten zum 'Gnädgen Fräulein' abgerufen: er soll mit ihr zur 'Frau Amtmann' gehen.
II. Marktscene. Der Tyroler bietet allerhand, lang und kurze Waar, für 6 Kreuzer das Stück aus. Wilmanns S. 70 nimmt an, Goethe selbst sei gemeint, weil seine Schrift von deutscher Baukunst 6 Kreuzer kostete. In der That, am Ende der Recension dieser Schrift in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 776 (4. December) heisst es: 'Ist bey Ausgebern dieser Zeitung zu haben für 6 Kr.' Und die Notiz fällt auf, weil sie gegen den sonstigen Stil der Frankf. Gel. Anz. verstösst. Ich schliesse aber daraus, dass vielmehr Deinet, der Verleger dieser Zeitschrift gemeint sei. Das Allerhand, die lang und kurze Waar, mag sich auf den bunten Inhalt und die sehr verschiedene Länge der Recensionen in den Frankf. Gel. Anzeigen beziehen. Wie viel diese selbst kosteten, weiss ich nicht.
Ein Bauer bietet Besen aus, natürlich kritische Besen. Aber dass Herder der Kritiker sein müsse (Wilmanns S. 69), leuchtet nicht ein. Ich weiss keine bestimmte Deutung. Die allgemeine deutsche Bibliothek? Schirachs Magazin der deutschen Kritik? die Lemgoer Auserlesene Bibliothek? die Briefe von Unzer und Mauvillon? Ueber die letzteren wird in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 781 f. gesagt: 'Wenn doch einmal die Herren (die Recensenten dieser Briefe) sich nicht so ganz an die Manier stossen, und den Geist nicht verkennen wollten, der diese oft ungeschickte Hand belebt. Ungezogenheit, Impertinenz, weitschweifige verwaschene Schreibart fällt allerdings dem Verfasser zur Last; allein, er bleibt allezeit ein Kopf, der wahre Stärke hat.' Ueber die Lemgoer Bibl. heisst es ebenda S. 430: 'Der Plan dieser Schrift war gross und vor den einfältigen und geehrten Leser anziehend genug angegeben, und der Ton Posaunenschall, der oben von den Trümmern der Vorgänger heruntergeblasen, weit genug ins Land schallen sollte. Man rügte und entdeckte einige von allen Kennern entdeckte Mängel und Gebrechen unsrer bisherigen periodischen Schriften' usw. Die Recension über Schirachs Magazin ebenda S. 561 beginnt: 'Der Rest der Klotzischen Schauspielergesellschaft packt das übrige Geräth auf ein neues Fuhrwerk, wozu J.J. Gebauer (der Verleger zu Halle) abermal die Vorspann hergibt, und fährt nun unter dem Namen der Schirachischen Bande in der Welt herum'. Nirgends eine entschiedene Anknüpfung. Aber Kritiker ersten Ranges wie Lessing oder Herder darf man doch nicht unter dem Bauer vermuthen, der seine kritischen Künste so prahlerisch ausschreit.
Ein Nürnberger bietet Spielsachen für Kinder an. Mit Goethes Kinderliebe (Wilmanns S. 71) weiss ich wieder nichts anzufangen. Etwa Christian Felix Weisse, der Verfasser der 'Lieder für Kinder' (1766) und Herausgeber der Neuen Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freien Künste. Specielle Beziehung auf Weisses Fibel, die im J. 1772 erschien und grossen Beifall fand: Weisse berichtet darüber in seiner Selbstbiographie S. 170 ff. Um den Kindern das Merken der Buchstaben zu erleichtern, 'wurden kleine Kupferstiche verfertigt, auf welchen der Name der Hauptfigur sich mit dem dabeistehenden Buchstaben anfing; darunter kam ein kleiner Denkspruch, der sich darauf bezog'. Die Sache war etwas neues. Die erste Auflage mit schwarzen und gemalten Kupfern war rasch verkauft; eine kleinere mit Holzschnitten wurde besorgt; der Verfasser nahm kein Honorar 'um den Verleger in den Stand zu setzen, das Büchelgen so wohlfeil als möglich zu verkaufen'. Wie sagt der Nürnberger? 'Hier ein Hündlein, hier ein Schwein ... Nur ein paar Kreuzer, Ist alles dein! Kindlein, kauft ein!'
Wenn durch den Tyroler die Frankfurter Gel. Anzeigen, durch den Nürnberger die Neue Bibl. vertreten ist, so wird es um so wahrscheinlicher, dass der Bauer mit seinen Besen auch irgend einer deutschen Recensir- und Reclame-Anstalt entspricht. –
Der Doctor hat dem Wunsche des gnädgen Fräuleins willfahrt und geht nun mit ihr durch das Marktgewühl. All das Anpreisen, all die Reclame führt er mit Recht auf das Geld- und Erwerbsinteresse, anders gesagt: auf den Hunger zurück: 'Es gilt ums Abendessen'.