Dem Fräulein bietet eine Tyrolerin Modewaaren zum Kaufe. Nehmen wir die Uebersetzung ins Litterarische vor, so könnte an Frau v. Laroche gedacht werden. Von ihrer Sternheim erschien im J. 1772 eine Ausgabe unter dem Reclame-Titel: 'Bibliothek für den guten Geschmack'.
Der Wagenschmiermann ruft seine Waare aus: 'dass die Achsen nicht knirren, dass die Räder nicht girren'. Was folgt: 'Ya! Ya! Ich und mein Esel sind auch da' gebraucht Goethe vom Giessner Schmid bei Gelegenheit von dessen Recension seiner deutschen Baukunst (Wilmanns S. 66; vgl. oben S. 23). Aber dass der Giessner Schmid hier gemeint sei, folgt daraus nicht. Es muss nur überhaupt ein Recensent gemeint sein, der eigentlich nichts zu sagen weiss, aber durch sein kritisches Geschwätz andeuten will, er sei auch da. Ein Recensent ferner, der alles weichlich verschmieren will, dem jeder kräftige Laut zuwider ist. Das passt wohl auf Christian Heinrich Schmid; aber es passt auch auf Andre, z.B. auf Schirachs Magazin, wo dem Frankfurter Recensenten (Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 562) 'die Schreiber ohne Kraft und Saft' leibhaftig vors Gesicht getreten sind. In diesem ehemals Klotzischen Kreise, wo man für Gleim, Wieland, Jacobi ungeheure, aber nichts bedeutende Complimente, für die Wiener eitel Bewunderung[4], für Klopstock nur weise Belehrung, für Herder nur hämischen Tadel hatte, gewinnt die Wagenschmiere noch eine besondere Bedeutung. Man hasste die Kraft des Ausdruckes, verspottete die knorrige Originalität und begünstigte das Geleckte, Glatte, Butterweiche. Man eröffnete ferner eine sogenannte Freistätte gegen alle Journale: jeder beleidigte Autor sollte seine Vertheidigung bei Schirach einrücken können. Ein Buchhändlerkniff um anzuziehen und die Schriftsteller vierten und fünften Ranges in wohlwollende Stimmung zu versetzen. Aber ich will hiermit nicht diese bestimmte Deutung empfehlen.
III. Wir kennen das eine Paar, Doctor und Fräulein, die durchs Gewühl gehen und bei der Tyrolerin stehen geblieben sind. Ein zweites Paar lernen wir jetzt kennen auf demselben Wege: Gouvernante und Pfarrer. Die Gouvernante scheint den Doctor für einen gefährlichen Menschen zu halten und möchte das ihr anvertraute Fräulein vor ihm hüten. Der Pfarrer aber wird durch ein Pfefferkuchenmädchen angezogen und festgehalten. Wilmanns hat über alle diese Personen nichts Zuverlässiges ermittelt. Die Gouvernante soll Frl. Ravanell, die Hofmeisterin der Darmstädtischen Prinzessinnen sein (S. 73): aber von dieser wissen wir gar nichts, und sollten wir Goethe den geringen Spass zutrauen, eine Hofmeisterin als Hofmeisterin einzuführen? Das Fräulein soll Maxe Laroche sein, das Pfefferkuchenmädchen wieder Maxe Laroche, der Pfarrer bleibt unbestimmt. Allenfalls könnten wir Dumeix darunter verstehen (vgl. über ihn Loeper zu DW. 3, 381), und dann würde die Anziehungskraft der Maxe Laroche als Pfefferkuchenmädchen (Wilmanns S. 73) zu den Verhältnissen stimmen. Die Gouvernante, welche das Fräulein vor dem Doctor hütet, könnte Johanna Fahlner sein, welche Lottchen Jacobi oder Luischen Gerock vor Goethe warnt (vgl. DRundschau 6, 73 f.). Als zarte Hofmeisterin hatte sich Johanna wohl gezeigt (DW 3, 164 L.). Oder ist es Frau Servière, welche dem Dechanten Dumeix sehr nahe stand (Loeper zu DW. 3, 381 f.)? Ist das Fräulein die Münch, Goethes 'liebes Weibgen' (DjGoethe 1, 350 vom 11. Februar 1773)? Die Anhaltspunkte sind für jede Deutung gering. Verhältnismässig sicher mag nur sein, dass Goethe als ein gefährlicher Mensch galt und sich darüber in dieser discreten Weise lustig macht.
IV. In dem Zigeunerhauptmann, der den ganzen Markt für Quark erklärt und drüber her fallen möchte, hat Wilmanns (S. 67) Herder erkannt; und da der Zigeunerhauptmann aus rein künstlerischen Gründen einen gleichgesinnten aber etwas contrastirenden Unterredner brauchte, so mag man gerne zugeben dass Goethe bei dem Zigeunerburschen an sich selbst gedacht habe. Zu der Stelle vom gaffenden Publicum vgl. DjGoethe 2, 475.
V. Man muss annehmen dass der Doctor und der Pfarrer mit ihren Damen sich zusammengefunden haben und vom Amtmann und seiner Frau empfangen werden: das Fräulein wollte ja mit dem Doctor zum Amtmann gehen. Wer Amtmann und Amtmännin sind, ergibt sich sogleich.
Der Bänkelsänger fordert zur Sittenbesserung auf:
Das Laster weh dem Menschen thut
Die Tugend ist das höchste Gut
Und liegt Euch vor den Füssen.
Wilmanns vermuthet einen unbekannten Pfarrer (S. 59. 60). Ich vermuthe Johann Georg Jacobi. Vgl. Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 808: 'Wir wünschten, Herr Jacobi unter seinen Zweigen accompagnirte seine Vögel; wäre
Der edle, warme Menschenfreund
Der echte, weise Tugendfreund
Auch des Lasters strenger Feind
und liesse uns nur mit seinen Tugenden unbehelligt'. Dazu ferner S. 215: 'Man ist endlich das Geleier von der Tugend und Religion überdrüssig, wo der Leiermann mehr nicht sagt als: wie schön ist die Tugend! wie schön ist die Religion! und wie ist die Tugend und Religion doch so schön! und was ist der für ein böser Mensch, der nicht laut schreit: sie ist schön usw. Was thun die Leute, die so ohne Gefühl mit den heiligsten Dingen tändlen, was thun sie anders, als dass sie einem blauen Schmetterling nachlaufen? Und mit aller ihrer Schwärmerei werden sie doch keinen Pedrillo bekehren.'