Einer solchen Beurtheilung des Bänkelsängers, etwa von Seiten des Doctors, scheint der Amtmann zu erwidern, wenn er sagt: 'Der Mensch meints doch gut'. Wer nimmt sich hier des Bänkelsängers an, wenn er nur gute Gesinnungen verbreitet? Wer scandalisirt sich in VII über das Schauspiel und verlangt geziemlichere Fassung, gibt sich aber damit zufrieden, dass der Bösewicht eclatant bestraft werde? Ohne Zweifel J.G. Schlosser, der Verfasser des Landcatechismus, vor dem der Marktschreier so viel Respect beweist[5]. Wir begreifen nun diesen Respect: der Marktschreier und Entrepreneur muss auf die Tendenzen des Amtmanns Rücksicht nehmen, da er innerhalb seiner Jurisdiction Geschäfte zu machen wünscht.
Ist der Amtmann Schlosser, so ist die Amtmännin Goethes Schwester. Dass beide im April 1773 noch nicht verheiratet waren, hindert die Combination gar nicht. Schlosser hatte stets eine Vorliebe für Jacobi, dessen Lieder er später gesammelt herausgab.
Wilmanns denkt an Herrn und Frau von Laroche (S. 56). –
Zitterspielbub.
Ai! Ai! meinen Kreutzer
Er hat mir mein Kreutzer genommen
Marmotte.
Ist nicht wahr, ist mein.
Sie 'balgen sich. Marmotte siegt. Zitter weint'. Wilmanns S. 71 lässt dahin gestellt, ob Goethe mit dem Zitterspielbuben sich selbst gemeint; unter dem räuberischen Marmotte aber versteht er Heinrich Leopold Wagner, der später Goethes Gretchentragoedie wegschnappte. Aber der Lyriker streitet mit dem Murmelthierführer nicht um eine Waare, welche sie ausbieten, sondern um den geringen Lohn, den sie damit erzielen, um ihre Erfolge beim Publicum. Der weinende Lyriker ist vielleicht Gleim. Sein Gedicht an die Musen (1772) wird in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 327 mit den Worten eingeführt: 'Aus diesem Gedichte ersieht man, dass das Herz dieses edlen Mannes, das im vorigen Jahre von der Hand eines Freundes verwundet ward, noch immer blutet. Bald würden wir auf alles zartere Gefühl der Freundschaft schmählen, wenn wir glauben dürften, dass alle Klagen dieses beleidigten würdigen Mannes gerecht wären'. Der Recensent theilt einige Strophen mit und versichert 'beide grosse Männer, die sich jetzo misverstehen' seiner aufrichtigsten Verehrung. Der Angreifer, also Marmotte, ist Spalding: s. Briefe von Herrn Spalding an Herrn Gleim, Frankfurt und Leipzig 1771; ein Titel den ich aus dem Leipziger Musenalmanach für 1772 S. 48 abschreibe (vgl. Bürger-Briefe 1, 33). Gleim erzählt in dem Gedichte, der Pfarrer wolle seinen Gesang nicht leiden: 'Geht schleichend meiner Leier nach, geführt von seinem Glauben ... und will, ihr lieben Musen, ach! mir meine Leier rauben!' Und weiter: 'dann aber wein ich, wann mein Freund, von seinem Gott verlassen, mir stolz ist, mir ein Heuchler scheint' usw. Da haben wir wenigstens den in seinem Eigenthume bedrohten, weinenden Lyriker.
VI. Die Tragoedie soll angehen. Der Lichtputzer tritt auf in Hanswursttracht (natürlich also sind Lichtputzer und Hanswurst eine Person, gegen Wilmanns S. 66), hat zwar nicht Hanswursts Kopf, aber so viel Durst wie Hanswurst. Wer ist dieser durstige College des Marktschreiers, des Giessner Schmid? Lichtputzer kann wol nur einen Mann bedeuten, der in untergeordneter Weise das vorhandene Licht zu besserem Brennen bringt[6], d.h. einen theologischen Aufklärer von geringem Range. Etwa Karl Friedrich Bahrdt, seit 1771 Professor in Giessen? Wilmanns S. 65 versteht auch unter dem Hanswurst nur wieder den Christian Heinrich Schmid.
Schweinemetzger und Ochsenhändler geben sich dem angenehmen Bewusstsein hin, dass ihre Herden versorgt seien und wollen eins trinken. Etwa Schulmänner oder Professoren die sich an dem litterarischen Treiben betheiligten? Wie despectirlich Merck von den Studenten, speciell den Giessenern, redete, ist aus Dichtung und Wahrheit bekannt; auch in der ersten Rede des Würzkrämers im Pater Brey, d.h. Mercks, stehen Schweine und Studenten als unordentlich einander gleich, wenn auch der Würzkrämer nur aus dem Sinne des Paters heraus spricht. Ebenso despectirlich würde sich, falls meine Vermuthung richtig ist, hier Goethe ausdrücken. Soll ich Namen nennen, so wären es Professor Höpfner zu Giessen und Rector Wenck zu Darmstadt (Loeper zu DW. 3, 297), beide Mitarbeiter der Frankfurter Gel. Anzeigen. Wilmanns will Leuchsenring und den unbekannten orthodoxen Pfarrer (S. 60).