Der erste Act der Tragoedie wird abgespielt. Es ist der Geburtstag des Kaisers Ahasverus. Haman nähert sich ihm, möchte Empfindsamkeit und Religion ausrotten und die Welt mit Gewalt zum Unglauben bekehren, Vernunft soll alleinige Führerin sein. Aber Ahasverus geht sehr majestätisch darüber hinweg: die Vernunft habe keine Waden; was die Leute glauben scheint ihm einerlei, aber er will kein Geschrei darüber: 'Lasst sie am Sonnenlicht sich vergnügen, fleissig bei ihren Weibern liegen, damit wir tapfre (Mommsen vermuthet: 'tapfer') Kinder kriegen'. Der tolerante Kaiser soll nach Wilmanns Hr. von Laroche, der intolerante Minister Merck sein (S. 51. 53). Aber er selbst berichtet uns von dem 'unversöhnlichen Hass gegen das Pfaffenthum', der sich bei Herrn von Laroche festgesetzt habe. Und woraus schliesst er auf bekehrungssüchtigen Rationalismus auf Seiten Mercks? Der ganze von Merck redigirte Jahrgang 1772 der Frankfurter Gel. Anz. legt Protest dagegen ein, und Mercks eigenen Beiträgen macht Herder das Compliment: er sei darin immer Sokrates-Addison. Die Frankf. Gel. Anz. kämpfen gerade so gegen die Hamans wie es hier Goethe thut: Ein Beispiel mag genügen. Die Schrift von C.J. Damm Vom historischen Glauben (Berlin 1772) wird angezeigt (S. 529 ff.). Damm stellt die Göttlichkeit der heiligen Schrift unter die Beurtheilung der aufmerksamen Vernunft, man könne sich nirgends der gesunden Vernunft zum Trotz auf die Bibel berufen, die gesunde Vernunft vielmehr sei der Richter über jene menschlichen Schriften. Der Recensent bemerkt, als Glaubensbekenntnis des Herrn Damm möge das gelten; aber muss denn dies Glaubensbekenntnis vor den Augen des Publicums abgelegt und mit Reformatorgeist in die Welt geschickt werden? Es wird dem Verfasser willkürliche Deutung, die den Geist des Schriftstellers hinwegspüle; es wird ihm die Zuversichtlichkeit seiner Behauptungen, die unverantwortliche Dreistigkeit und der Leichtsinn seiner Hypothesen vorgeworfen; und vor dem Richterstuhle der Vernunft des hocherleuchteten achtzehnten Jahrhunderts hat der Recensent offenbar nicht so viel Ehrfurcht wie der Verfasser. Diese Herrn 'sollten Gott auf den Knien danken, dass er das Gras hat wachsen lassen, ehe sie es wachsen gehört haben. Sie geben uns doch zu dass es wenigstens in jedem Lande nothwendige Policeianstalt sei, eine Art von öffentlichem Glaubensvortrag zu haben ... Welchen Namen soll man diesem menschenfeindlichen Eifer geben? Sie sehen bey Brahmanen, Schumanen, Gebern und Sinesen überall die Fäden der Wahrheit durch die sonderbare Textur ihrer Religion durchziehen, und nur bei uns erkennen sie sie nicht in dem Vorhang des Allerheiligsten. Sie sagen und beweisen uns, dass dieser Baum des Erkenntnisses durch so mancherlei Jahrhunderte und Sekten und Dogmen und Concilien habe müsse verschnitten, angebunden, ausgeputzt, gezogen, genährt und gepflegt werden, bis er in dieser Gestalt erschienen sei. Und ist er nun auf einmal zu alt, oder hat er nicht vielmehr jetzo das Alter, das er nach so vielen Veränderungen haben müsste – und sollte?... Wer seine Brüder liebt und den Lauf der Welt ein wenig kennt, der wird fühlen, dass man mehr zum Wohl des Ganzen beiträgt, wenn man sein eigen Feld im Frieden baut, ohne Projecte fürs allgemeine Wohl zu machen, und in allem Jahreszeit und Witterung abwartet.'
Es ist ungefähr der Ton wie Goethe in späteren Jahren das politische Treiben der Deutschen beurtheilt, und auch dafür ist die Stelle nicht ohne Interesse. Aber ich glaube mich nun berechtigt, Wilmanns' Auffassung hier gerade umzudrehen. Haman ist Herr von Laroche; Ahasverus ist Merck. Und wir wissen nun, inwiefern Goethe durch das Jahrmarktsfest 'Herrn Merck die Cour machte', wie Caroline Flachsland sich ausdrückt. Ihr Brief ist, wie gesagt, aus dem April 1773, genauer: aus dem Anfang April. Mercks Geburtstag fällt auf den elften April. So mochte Goethe sein Geburtstagsgeschenk etwas früher an den 'Kaiser Ahasverus' geschickt haben.
VII. Der Marktschreier beruft sich in längerer Rede auf die Kaiserin aller Reussen und Friedrich König von Preussen und alle Potentaten Europas, von denen er Brief und Siegel weisen könnte, und bietet dann ein Päckel Arznei aus, worin Magenpulver und Purganz, auch ein Zahnpülverlein honigsüsse und ein Ring gegen alle Flüsse. Schmids Leipziger Musenalmanach für 1772 enthält S. 104 'Knittelverse auf hundert und noch hundert Doctoren gleicher Art' die im Ton anklingen, z.B.
Du weisst wie man Klistire setzt,
Mit Schröpfen ganze Haut zerfetzt,
Wie man den vollen Wanst purgirt
Und feine seidne Pflaster schmiert,
Du weisst wie man das gute Blut
Dem Patienten nehmen thut,
Da weisst was man für Warzen braucht,
Und was für Hüneraugen taugt ...
Was gilt, und wo bekommt man doch
Die beste Seife für den Bart?
Die Recension der Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 43 macht sich lustig über ein S. 69 mitgetheiltes Gedicht von Willamov 'auf das Emblem der goldnen Dose, womit Ihro Kayserliche Majestät den Dichter noch beschenken wollen' (die Hervorhebung rührt vom Recensenten her) und findet es ganz und gar platt. Zur Probe wird angeführt:
Wo findt man denn in unsern Tagen
Die Pallas?... Ich, ich will es sagen,
Die wahre Pallas ist der Reussen Kaiserin. –
An einer andern Stelle verherrlicht Ramler Friedrich den Grossen (S. 87). Ein Epigramm (S. 102) lautet:
Auf eine hohe Frisur.
Der Alpen Spitze gleicht dein aufgethürmtes Haar;
Dein Haupt ist weiss, wie sie, und auch so unfruchtbar.
Der Recensent meint, das Epigramm sei sehr gut, und 'überall sehr applicabel'. Ueberall, das heisst: auch auf den Herausgeber des Musenalmanachs.
Nach der Rede des Marktschreiers spielt sich die kleine Scene zwischen dem Zigeunerhauptmann und dem Milchmädchen ab. Wilmanns hat in ihr Caroline Flachsland erkannt (S. 68). Aber die Scene selbst scheint er unrichtig aufzufassen. Milchmädchen ist Caroline wegen ihres Geschmackes an kraftloser Sentimentalität. Der zinnerne Ring, den ihr der Zigeunerhauptmann Herder zu kaufen bereit ist, deutet auf die Verlobung, welche so lange nicht zur Vermälung gedieh. Die Worte des Milchmädchens, das an einer Bude zu denken ist, sind ein Ausruf kritikloser Bewunderung: 'Man sieht sich an den sieben Sachen blind'. Und damit ist sie ausgezeichnet charakterisirt. Sie fällt – wenn ich mich so ausdrücken darf – auf alles herein; sogar auf einen Menschen wie Leuchsenring.