Im zweiten Acte der Tragoedie lernen wir Mardochai und Esther kennen, d.h. Leuchsenring und – Frau Merck: so müssen wir annehmen in Consequenz unserer Deutung des Ahasverus.

Franz Leuchsenring war gegen Ende Februar schon mit Merck sehr gespannt, doch ging er noch immer in sein Haus, aber nur der Frau und Kinder wegen: so meldet Caroline Flachsland (Herders Nachl. 3, 457). Und dieselbe später: Leuchsenring könne den Merck fast nicht mehr ausstehen und würde längst mit ihm gebrochen haben, wenn ers nicht seiner Frau wegen unterliesse; Mercks Betragen im Hause gegen seine Frau habe ihm Leuchsenring unter andern auch übel genommen (ibid. 488). Die Entfremdung begann mit einem Briefe, den Leuchsenring 1772 an Merck richtete, den ihm Merck zurückschickte und den Caroline in Abschrift ihrem Herder mittheilen kann (ibid. 487). Herder aber bemerkt darüber (ibid. 490): Der Brief 'ist doch, die Sache mag zwischen beiden stehen, wie sie will, so höckerigt und nicht recht nach meinem Sinn geschrieben. Mich dünkt immer, die recht reine Wahrheit, Lauterkeit und Eifersucht für die alleinige Tugend, mit Aufopferung alles dessen, was wir sind, spreche doch nicht so .... Leuchsenring ist doch nur ein Buttervogel mit schönen Goldflügeln ... Wer mich am meisten dauert, ist Madame Merck. Es muss ein Tod im Herzen und ein Brand in den Eingeweiden sein, sich ungeliebt zu fühlen – zeitlebens ungeliebt! – und die Schritte gethan zu haben, die sie gethan hat.' Nach Allem scheint es dass sich Leuchsenring in Mercks häusliche Verhältnisse eingemischt hatte. Mit der äussersten Indiscretion vermuthlich. Aus dem Stücke gehören hierher vielleicht noch Hamans Worte im ersten Act: 'Das leidt sein Lebtag kein Prophet'.

IX. Der Schattenspielmann producirt sich. Er führt die Schöpfung vor, das Paradies und dessen Verlust, die menschliche Verderbnis bis zur Sündflut: da kommt Mercurius als Retter, 'macht ein End all dieser Noth'. Wilmanns hat gesehen dass Wielands Merkur gemeint sein muss (S. 59), zieht aber daraus nicht den einfachen Schluss dass der Schattenspielmann – Wieland sei. Er vermuthet vielmehr in ihm den mehrfach erwähnten orthodoxen Pfarrer. Aber es scheint mir ganz klar dass wir eine Parodie von Wielands Vorrede zum Merkur vor uns haben:

Lichter weg! mein Lämpgen nur!
Nimmt sich sonst nicht aus.

Ganz so hatte Wieland in der Vorrede nur sein Licht leuchten lassen und insbesondere das deutsche Recensirwesen als so verkommen dargestellt, dass es schien, als ob der Merkur einem ganz chaotischen Zustande zu Hilfe kommen müsse, lieber die Grosssprecherei im Merkur vgl. noch DjGoethe 1, 380; zur Datirung ibid. 368. 369.

Wilmanns meint (S. 58), der Schattenspielmann weise durch die stark dialektisch gefärbte Sprache, namentlich durch den häufigen Gebrauch des pleonastischen 'sie' auf eine bestimmte Individualität. Aber Goethe hat augenscheinlich nur nachzubilden versucht, wie ein wirklicher Schattenspielmann romanischer Nationalität die deutsche Sprache radebrechte.

Das Schönbartspiel schliesst, indem Doctor, Fräulein, Gouvernante von Amtmanns Abschied nehmen. –

Ich finde die Posse ganz genial. Bei Aufführungen, die vor einigen Jahren versucht wurden, hat sie zündend gewirkt. Die jüngere Gestalt, welche man dafür wählte, hat allerdings sehr gewonnen, namentlich in der eingelegten Tragödie. Alle übrigen Motive aber waren schon im ersten Wurfe gefunden. Die Situationen waren ohne ein erläuterndes Wort vollkommen klar. Alles bewegt und doch behaglich; durch und durch – man möchte sagen: bis in die Fingerspitzen hin – voll sprühenden Lebens: ein echtes Bild des Jahrmarkttreibens, von Anfang bis zu Ende interessant und komisch, auch wenn man von litterarisch-satirischen Beziehungen gar nichts weiss. In diesen Beziehungen aber freilich sitzt die höchste bewunderungswürdige Kraft: schlagende Charakteristik oft durch eine einzige Zeile.

Ueberblicken wir meine Deutungen, so ergibt sich ein gewisser Plan in der Aufeinanderfolge der Personen: I ist gleichsam Vorspiel um durch die Rolle des Doctors einen Mittelpunct für das Ganze zu schaffen. An ihn schliessen sich dann die einheimischen vornehmen Beschauer des Marktes, die Frankfurter Gesellschaft: Pfarrer, Gouvernante, Fräulein, Amtmann und Amtmännin. Unter den Besuchern des Marktes aber, welche da Geschäfte machen wollen, gruppiren sich am Anfang die Recensenten und Reclamemacher: Marktschreier (Christian Heinrich Schmid), Tyroler (Deinet), Bauer, Nürnberger (Weisse) und etwas später Wagenschmeermann (Schirach?), symmetrisch macht Wieland mit dem Merkur den Abschluss des Ganzen. Auf die Frankfurter Gesellschaft wirken anziehend Tyrolerin und Pfefferkuchenmädchen, Frau und Fräulein von Laroche, deren Auftreten durch den Wagenschmeermann wol nur darum unterbrochen wird, damit nicht die Frauenzimmer gleich hinter einander kommen. Dann erscheint als Kontrastfigur der Zigeunerhauptmann Herder. Hierauf Jacobi und Gleim, der Spalding mitzieht. Dann die Giessener Bahrdt und Höpfner, der Wenck mitzieht, indem zugleich der Giessener Schmid wieder das allgemeine Interesse in Anspruch nimmt. Wenck hat schon zu den Darmstädtern übergeleitet: wir erblicken in der Tragoedie Herrn und Frau Merck mit Leuchsenring, der seinen Gegner Laroche mitzieht, und zwischen den beiden Acten auch Caroline Flachsland, das Milchmädchen.

Demgemäss sind durch die grossen Journale lauter kleine geographisch oder sachlich einheitliche Gruppen umrahmt: Frankfurt, Darmstadt, Giessen finden sich vertreten; Coblenz ist allerdings vertheilt, man hat aber doch wol keinen Grund, für Haman nach einem Darmstädter Rationalisten zu suchen. Nach dem Eindruck, den auf Goethe sein einziges Zusammentreffen mit Leuchsenring im Herbst 1772 bei Laroches und der ganze Aufenthalt im Larocheschen Hause machte, wäre es sonderbar, wenn Laroche, der als Feind der Empfindsamkeit und fanatischer Freund der Aufklärung sich so gut zum Gegenspieler des Leuchsenring eignete, hier nicht vorkäme. Die Reihe Herder, Jacobi, Gleim, Spalding ist noch durch den geistlichen oder halbgeistlichen Charakter zusammengehalten.