Ich bemerke dass diese Beobachtungen hinterher gemacht sind, wie sie hier stehen, dass sie auf die Deutung des Einzelnen nicht den geringsten Einfluss genommen haben. Auch möchte ich ihre bestätigende Kraft nicht allzu hoch anschlagen.

Durchgängig habe ich auf die Frankf. Gel. Anz. von 1772 Rücksicht genommen. Sie sind das zuverlässigste Document für die in Goethes Kreis damals vorhandenen polemischen Tendenzen; und da mit Anfang 1773 die Betheiligung dieses Kreises an der genannten Zeitschrift aufhörte, so erscheinen die Epigramme des Jahrmarktes gewissermassen als Fortsetzung von Goethes Recensententhätigkeit.

Wir haben uns mit unseren Deutungen nicht ganz in Goethes persönlichem Kreise halten können, aber doch hauptsächlich. Immerhin konnte Merck an Nicolai schreiben: 'Die Pasquinaden die er (Goethe) gemacht hat, sind aus unserem Cirkel in Darmstadt, und alle Personen sind gottlob so unberühmt und unbedeutend, dass sie niemand erkennen würde' (Merck Br. 3, 107). Man muss allerdings annehmen dass Merck damit nicht strenge die Wahrheit sagt. Aber ist ihm solche Diplomatie nicht zuzutrauen, besonders Nicolai gegenüber, der vielleicht in dem Stücke als Bauer kritische Besen verkauft?

4. 8. 78.


SATYROS.

Für Goethes Satyros ist eine befriedigende Deutung bis jetzt nicht gewonnen. Weder Kaufmann noch Basedow noch Heinse noch Klinger lassen sich als Vorbilder festhalten. Aber die Meinung, eine bestimmte Person habe überhaupt nicht vorgeschwebt oder die deutschen Nachahmer Rousseaus im allgemeinen sollten getroffen werden, setzt sich in Widerspruch mit Goethes ausdrücklicher Angabe, Dichtung und Wahrheit Buch XIII (Loeper 3, 109).

Dass wir den Betheiligten und Zeitgenossen die Bescheid wissen können zunächst einmal glauben und daraufhin weiter forschen, ist doch, wie mir scheint, die erste Regel eines methodischen Verfahrens. Düntzer in seinem Aufsatz über den Satyros (Neue Goethestudien 1861, S. 33-62) hatte eigentlich alle Momente für die richtige Deutung in der Hand; die wichtigsten Thatsachen auf die ich mich stützen werde gibt er an; zu anderen weist er den Weg: so dass wir, falls ich Haltbares wirklich gewinne, in erster Linie ihm dafür verpflichtet bleiben.

Goethe redet aaO. von Leuten 'die auf ihre eigene Hand hin und wider zogen, sich in jeder Stadt vor Anker legten und wenigstens in einigen Familien Einfluss zu gewinnen suchten'. Einen zarten und weichen dieser Zunftgenossen habe er im Pater Brey, einen andern, tüchtigern und derbern, im Satyros 'wo nicht mit Billigkeit, doch wenigstens mit gutem Humor' dargestellt. Dass der zarte und weiche Franz Leuchsenring war, ist bekannt. Dass der tüchtigere und derbere eine bestimmte Person sein müsse, steht nach dem Zusammenhang ausser Zweifel; und dass sich Goethe hier nicht bestimmt erinnert haben sollte, ist unmöglich.

Wenn Merck von Goethes Pasquinaden an Nicolai schreibt 'sie sind aus unserm Cirkel in Darmstadt' (vorhin S. 42), so kann er nur meinen was Nicolai kennen konnte, d.h. das Jahrmarktsfest und Pater Brey. Aber dass Merck in das Geheimnis des Satyros eingeweiht war, müssen wir unbedingt annehmen. Und wenn die Herzogin Anna Amalia nach Mercks Anwesenheit bei ihr im Sommer 1779, brieflich an Merck (2, 166 vom 2. August) Herdern 'Satiros' nennt, wenn die Göchhausen ebenfalls an Merck dieselbe Persönlichkeit als 'General – – s' bezeichnet (1, 186 vom 22 October 1779): so sollte ich denken, wir wüssten genug[7]. Vgl. Düntzer S. 56 f.