Satyros empfängt Psyches gläubige Verehrung und zieht am Schlusse mit ihr ab ('Es geht doch wohl eine Jungfrau mit' sagt der Einsiedler). Aber Psyche hiess Caroline Flachsland im Freundeskreise, als Psyche hat sie Goethe besungen: Herder selbst scheint ihr den Namen beigelegt zu haben mit Rücksicht auf die Psyche in Wielands Agathon (Lebensb. 6, 131; ich zähle die sechs Bände des Lebensb. durch). Die Psyche des Satyros zeigt sich ebenso kritiklos wie die Leonore im Pater Brey, wie das Milchmädchen im Jahrmarktsfest – diese anderen Abbilder Carolinens, von der selbst Herder im J. 1772 noch zugibt dass sie vorläufig nur gutes Mädchen sei (Merck 1, 40).

Dass die Philosophie welche Satyros vorträgt, Berührungspuncte mit Herders Ältester Urkunde des Menschengeschlechtes habe, sah auch bereits Düntzer S. 56. Und gleich fällt uns Mercks Aufsatz über dasselbe Buch (Briefe 3, 110 ff. vgl. ibid. 105) ein, worin der Leser klagt, der böse Autor wolle ihm aus der Fülle seines unrecht erworbenen Mammons nicht einmal das Nothdürftige reichen, ja das geschehe auf eine ungebärdige Art und der böse Wille werde nicht einmal mit dem Mantel und Kreuz des Wohlanstandes bedeckt; der Leser habe daher keine Ursache, seine Schmach in sich zu fressen, insbesondere da ihn das laute Neigen der Freunde, Schmarotzer und bunten Diener des reichen Mannes kränken müsse, 'die, weil sie nicht die Kiste und das Manual selbst inspicirt, das Vermögen ihres Patrons immer grösser machen, als es ist'.

'Zwar – heisst es weiter, und eine Satyrosähnliche Gestalt erhebt sich immer bestimmter vor unserem inneren Auge – dürfte der Beklagte manches zu seiner Nothdurft vorzubringen haben. Ist er ein stolzer Mann, so spricht seine Seele zu sich selber: hier steht Herkules, das Werk meiner Hände, den Blöden und Schwachen ein Aergernis, aber seines gleichen Augenweide und Wonne. Seufze Höfling, dass er nicht recht gekämmt ist, und du Siechling miss seine Lenden und Schultern nach deiner Ohnmacht. Seine Nacktheit ist euch ein ewiger Vorwurf. Gebt seinen Schenkeln, Eure Blösse zu bedecken, Beinkleider und statt einer Keule eine Excuse untern Arm, damit Ihr Euch trösten und sagen könnt: er ist worden wie unser einer'.

Den Ausdruck 'Siechlinge' gebraucht auch Satyros gegen Schluss des dritten Actes. Und Goethe schreibt an Herder im Sommer 1771: 'Apollo von Belvedere, warum zeigst du dich uns in Deiner Nacktheit, dass wir uns der unsrigen schämen müssen. Spanische Tracht und Schminke!' Herder selbst sagt, er brauche keinen Beinkleidmacher für seine Blösse (Merck 1, 38).

Die Art wie Goethe sich an Schönborn über Herders Werk ausspricht, stimmt ganz und gar zu dem Charakter der Poesien und Doctrinen, die er seinem Satyros in den Mund legt: 'Es ist ein so mystisch weitstralsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Geäste lebende und rollende Welt' usw. Eine Riesengestalt sei das Buch. Herder habe in den Tiefen seiner Empfindung alle die hohe heilige Kraft der simplen Natur aufgewühlt und führe sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem hier und da morgenfreundlich lächelnden, orphischen Gesang vom Aufgang herauf über die weite Welt.

Man vergleiche wie zu Anfang des dritten Actes Satyros sich selbst als Orpheus besingt:

Hast Melodie vom Himmel geführt
Und Fels und Wald und Fluss gerührt.

Aber gehen wir nun mehr ins einzelne: wobei allerdings die genaueren Kenner Herders vielleicht manches werden nachtragen können.

Zur Bezeichnung Satyros kommt Herder als Dechant, als deutscher Swift, als Satiriker, der seiner satirischen Laune jeden Augenblick die Zügel schiessen liess. Man darf auch daran erinnern dass Herders Freund und Lehrer Hamann in dem Goetheschen Kreise der sokratische Faun genannt wird (Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 684). Die mythologische Auffassung hat dann natürlich ihre Consequenzen, die nicht alle mehr auf Herder passen werden. So die langen Ohren; denn im übrigen hat Satyros nichts Thierisches: die Bezeichnung 'Thier!' erhält er wie Mephisto (Düntzer S. 60).

Der Einsiedler, der den ersten Act mit einem Monolog eröffnet und etwas an den Pater Lorenzo in Romeo und Julie erinnert, darf mit Goethe verglichen werden: vom Wanderer, vom Pilgrim ist zum Einsiedler nicht weit, wie schon Erwin und Elmire zeigt. Er ist, wie Werther, glücklich in einfach ländlichem Dasein, freut sich über die Erzeugungskraft der Natur und weist den Philistergedanken ab, der alles Werdende nur vom Standpuncte des Nutzens für den Menschen betrachtet. Seine Eigenthümlichkeit besteht in dieser Beschränkung. Im fünften Act erfahren wir dann mehr: er durchschaut den Satyros, er hat 'tiefe Kenntnis der Natur' und ist 'der Künste voll'; wie Herder Goethen am 17. November 1772 (Merck 1, 39 vgl. 44) den 'elenden Wahrsager, Naturkenner und Zeichendeuter' nennt. Und auch wenn der Einsiedler nicht ungern stirbt –