So letzt Satyros mit seinen Melodien die Natur, die ihm ringsum huldigt: ''s ist alles dein' kann er sich sagen.

Satyros ist der ursprüngliche reine Mensch, wie ihn die Älteste Urkunde schildert, die ganze Schöpfung steht still und wartet und trauert, dass kein Blick da ist, der sie sammle, kein Herz, das sie fühle; sie möchte genossen werden, sie sehnt das Nachbild der Gottheit, den Untergott, ihren Herscher herbei: den Menschen (5, 89). Ganz wie Satyros sagt: 'Natur ist rings so liebebang'.

Satyros legt sich selbst Adleraugen bei: 'Dein Adlerauge was ersieht's?' Caroline ruft Herdern zu (Nachl. 3, 389): 'Es kennt dich ja jedermann an Deinen Adlersfittigen, Herr Adler!' Ja sie berichtet ihm (3, 450): 'Meine Schwester hat dich zu lieb' usw. 'Nur geht es ihr wie Lavater und andern mehr: dass sie sich ein wenig vor Dir fürchtet und Deinen Adleraugen'. Vgl. schon Lebensb. 5, 28 'Adlerblick'. Dieser Schwester entspricht Arsinoe, welche mit Psyches kritikloser Bewunderung gut contrastirt.

Psyche. Welch göttlich hohes Angesicht!
Arsin. Siehst denn seine langen Ohren nicht?
Psyche. Wie glühend stark umher er schaut!
Arsin. Möcht drum nicht sein des Wunders Braut.

Während dann Psyche sich nach dem Woher, Namen und Geschlecht erkundigt und gleich bereit ist, ihm himmlische Abkunft zuzutrauen, fragt Arsinoe sehr verständig: wovon er lebe.

Satyros gibt sich als Fremdling mit unbekanntem Hintergrund, er ist weit gereist, er herscht über Wild, Vögel, Fische, Früchte; kein Mensch ist so weise und klug wie er; er kennt Kräuter und Sterne; sein Gesang dringt ins Blut, wie Weines Geist und Sonnen Glut.

Wieder gehen hier Züge Herders und des Herderschen Urmenschen durcheinander.

Als Fremdling und weit gereist kam Herder nach Darmstadt, stolz auf sein Wissen und geistiges Vermögen; übrigens 'Lebensflüchtling', seines Lebens verworrene Schattenfabel wie ein ungelöstes Rätsel betrachtend (Lebensb. 6, 16 ff.) Er lebte 'vom Leben' und 'wohnte wos ihm wohl gefiel'; mit andern Worten, er hatte wenig Geld und viel Veränderungslust: 'da ich auch weiterhin durch die Welt blos durch mich und fast ohne Geld gekommen bin ... so habe ich immer nur mit dem Metall gespielt – so bin ich zum Theil gereist – auf anderer Leute, wie es jetzt mir vorkommt, Beutel, wie es damals hiess, Kopf und Herz' (Erinn. 1, 222 f.); 'wenn Lebhaftigkeit Veränderlichkeit heisst, so bin ichs' (ibid. 165). Auch der Gesang geht auf Herder und die Wirkung, die Satyros gleich zu Anfang des Actes damit hervorbringt, ist historisch: nur dass es in der wahren Geschichte nicht Gesang, sondern Declamation war. 'Unvergesslich – erzählt Caroline (ibid. 155) – ist mir die Darmstädter Fasanerie, wo er in der Stille des Waldes, in der feierlichen Einsamkeit des Ortes Klopstocks[8] Ode Als ich unter den Menschen noch war – mit seiner seelenvollen Stimme aus dem Gedächtnis recitirte.' Vgl. Nachl. 3, 81; Lebensb. 6, 89.

Anderseits wenn Satyros Vater und Mutter nicht kennt ('was Vater! Mutter! weisst du woher du kommst?' sagt Prometheus), so ist er der Urmensch, der Sohn Jupiters, der Sohn der Götter (Act v), wie er sich selbst, wie das Volk ihn nennt; der mächtige Redner der nachher verkündigt: 'Selig wer fühlen kann was sei Gott sein! Mann!' Das Bewusstsein der Göttlichkeit des Menschen macht sich bei Herder stark geltend, z.B. Aelteste Urk. 5, 59 'Der hier in meinem Haupte aufgeht, der mich erleuchtet; den ich hier in meinem Herzen wärmend und schlagend fühle, ist Gott!' 5, 93 'sein (des zum Muster aufgestellten Morgenländers) einiger Trieb Gott auf der Erde zu sein;' 5, 96 der Mensch ist ein 'erdeingehüllter Gott'. Eben hieraus erklärt sich die Herschaft des Satyros über so viele Wesen: Herder wendet die Worte des achten Psalmes bedeutsam an (5, 93 f. Lebensb. 3, 452): 'Alles hast du unter seine Füsse gethan, Schaf und Ochsen und wilde Thiere, Vögel in der Luft, Fische im Meer'. –

Arsinoe meint, Satyros müsse ihren Vater Hermes kennen lernen; sie holt ihn; Satyros und Psyche sind allein.