Das Gespräch welches folgt erinnert einerseits an die Art wie Prometheus Pandoren das Wesen des Todes deutlich zu machen sucht, anderseits an Faust und Gretchen.
Satyros weiss den ersten Moment des Alleinseins gut auszunutzen. Er imponirt dem Mädchen durch geistig-sinnliche Kraft und reisst sie ganz an sich.
Die Reden welche sie wechseln erscheinen mir wie eine poetische Verdichtung und Steigerung der Correspondenz zwischen Herder und seiner Braut. In diesen Briefen herscht manchmal eine etwas heisse Temperatur. Ich kann nicht wörtliche Parallelstellen anführen; die Bezeichnungen 'Engel, himmlisch', u.dgl. lassen sich wol belegen, haben jedoch wenig Werth; aber die innere Beschaffenheit, Gesinnung und Geist, ist genau verwandt. Herders nahes Verhältnis zu Carolinen, auch ihr Briefwechsel blieb lange heimlich; Carolinens Schwager, bei dem sie wohnte, erfuhr es erst im August 1772, und zwar durch einen plötzlichen Zornesausbruch der Braut (Nachl. 3, 330), so dass Herder meinte: 'Das Ding wird doch immer so ein halbes Bubenstück von Liebesintrige' (ibid. 336) .... Das erste Alleinsein im Augenblicke des Abschieds wird von Caroline in den Erinnerungen stark accentuirt (1, 157) und zittert auch in den Briefen nach. Einige Auszüge sind wol nicht zu entbehren. Erster Brief Carolinens an Herder: 'süsser, feuriger Freund' ... 'die ganze Nacht war das feurige Bild meines süssen Freundes bei mir' (Lebensb. 6, 57. 58). Herder an sie: 'mein Abschiedskuss ... war nur im Vorübergehen' (ibid. 59); 'ich ging wie in einem Meere von Trunkenheit von Ihnen' (67); 'noch unmittelbar im Augenblick des Abschiedes eine himmlische selige Viertelstunde, in der alle Ihre Tugenden ... und die ganze Wonne der Wehmuth sprachen' (vgl. Psyche beim Kuss: 'Wonn und Weh'); 'Ihren Kuss und Umarmung wie das freudige Ungestüm eines Engels der Zärtlichkeit zu fühlen, und Sie so ganz, so innig, so ganz meine liebe zarte, schlanke, muntre Griechin mit Ihrem unschuldig pochenden Herzen, mit Ihren umschlingenden weissen Liebesarmen, Mund an Mund und Seele in Seele, an meine redliche Brust zu drücken' (71 f. vgl. auch das Citat S. 78); 'Sie sind noch, wie bei meinem Abschiede, oft auf meinem Schoss, in meinen Umarmungen, an meinem Herzen; ich sehe noch oft Ihr weggewandtes himmlisches Gesicht, voll der schönsten Thränen, wie es sich alsdann mit der ganzen Wonne der Wehmuth auf einmal heiter zu mir wandte und mich, wie ein Engel Gottes, anlächelte – Ihr Zellchen, Ihr Bette habe ich nicht gesehen: Sie wissen nicht, wie gern ichs sehen wollte; wie sehr ichs mir vorgenommen, den Sonntag meines Abschiedes, als wäre es im Spasse, zu sehen' (96); 'ich war zu Ihren Füssen; ich küsste Sie ganz' (98); 'ich drücke Sie in meine Umarmung, auf meinem Schosse, und stecke Ihnen mit dem längsten feurigsten Kusse diesen Brief in Ihren unschuldigen Busen' (103); 'bei der feierlichen, seelenvolle Stunde, da Du auf meinem Schosse sassest, empfindsames Mädchen, mich mit Thränen, mit allen Thränen Deines guten Herzens umarmtest' (165); 'ach! es war eine Zeit, da meine unschuldige tugendhafte Flachsland wie ein Engel Gottes auf meinem Schosse sass, da aus ihrer Umarmung, aus ihren Thränen, aus ihrer seufzenden Wehmuth nur die Worte sich herausbrachen: ach! Sie werden mir doch schreiben! Sie werden mich doch nicht vergessen! ach! um aller meiner Ruhe willen, die nur von Ihnen abhängt' ... (168); 'bist Du dieselbe, die ihr Gesicht an meine Brust lehnte, die ihre Thränen und Seufzer und Ströme der himmlischen Liebe in meinen Busen goss' (174); 'o Du wirst wieder auf meinem Schosse sitzen! Ich werde noch einmal Ihr thränend Auge und Ihre sanfte Augenbraune küssen und – o himmlische Liebe! wenn ich Dich jetzt bei mir hätte!' (210).
'Er küsst sie mächtig' sagt Goethes Bühnenbemerkung im Satyros. 'Mit allen Kräften umfasse ich Sie, liebes, gütiges Mädchen!' schreibt Herder (Nachl. 3, 128). Psyche fühlt erbebend aller Seligkeit Wahntraumbild voll erfüllt: Caroline findet ihr Ideal und Traum von einer schönen männlichen Seele weit übertroffen (Nachl. 3, 143). Von Psyche glänzt, nach Satyros, Tugend, Wahrheitslicht wie aus eines Engels Angesicht: in Caroline vereinigt sich, nach Herder, Unschuld, Naivetät, Natur, Zärtlichkeit und Tugend (Lebensb. 6, 53. 59. 67). Psyche sagt 'Ich bin ein armes Mägdelein'; Caroline schreibt 'Gott dass ich ein so armes kleines Mädchen bin!' (Nachl. 3, 220; vgl. 296.) Dass bei Caroline, wie bei Psyche, ein erster starker plötzlicher Eindruck entschied, versichert sie ausdrücklich (Nachl. 3, 406). –
Satyros und Psyche werden im Kusse gestört durch Hermes und Arsinoe, welche eintreten.
Satyros zeigt sich gleich kritisch, an Hermes ist ihm nichts recht, sein weites Gewand, sein krauser Bart: diese tadelnde Laune ist vollkommen Herderisch.
Für Hermes, den Priester und Ältesten im Land habe ich keine sichere Deutung; auch ist er wenig charakterisirt. Allenfalls könnte man versuchen ihm den Grafen Wilhelm von Lippe-Schaumburg unterzulegen. Wenn er mit Satyros die Kenntnis der Kräuter und Sterne theilt, so soll das doch nur auf gemeinsame wissenschaftliche Interessen hindeuten (vgl. über den Grafen nach dieser Richtung Erinn. 2, 23); will man die Sterne wörtlich festhalten, so wäre darauf zu verweisen dass Herder einmal von seinem astrologischen Wahne spricht (Merck 1, 39; vgl. Haym Herder 1, 36) und dass der Graf später ein Observatorium bauen liess (Erinn. 2, 111). Mit dem Hermes der Aeltesten Urkunde – er ist 'Weiser, König, Religionsstifter, Schrifterfinder, Kosmopoet usw.' (6, 140 und oft) – hat dieser wol insofern zu thun, als Herder, wenn er seine Speculationen über die Uroffenbarung darlegte, den Namen viel im Munde führen und so Anlass zu der Wahl desselben durch Goethe geben mochte.
Hermes erwidert dem spottsüchtigen Ankömmling bescheiden: 'Ihr scheint mir auch so wunderbar'. Und der fährt gleich los: es ekelt dir wol vor meinem ungekämmten Haar, meinen nackten Schultern, Brust und Lenden und meinen langen Nägeln an den Händen? Worauf Hermes 'Mir nicht'.
Die Nackheit des Urmenschen wird nachher gleich zur Sprache kommen. Halten wir uns einstweilen an das Wunderbare der Erscheinung und Tracht im allgemeinen.
Durch Sonderbarkeit des Anzugs fiel Herder schon in Strassburg Goethen auf. Auch in Bückeburg erschien seine Tracht als französischer Abbé auffallend und komisch. Er zog sich rasch an und hatte eine eigenthümliche Abneigung sich in den Spiegel zu sehen, was auf seine Toilette ungünstig einwirken mochte (Erinn. 1, 180). Ueber die geistige Sonderbarkeit seines ersten Eindrucks spricht sich Herder selbst an Merck aus: 'Ihr steht alle meiner Natur noch zu nahe, gute Kinder! Ihr tastet noch ... und sehet nicht. Da wird der weichen, warmen, fühlenden, freundschaftlichen Hand alles grösser, runder, colossalischer – aber auch dunkler, und ihr habt noch kein Ganzes von Anblick!' (Lebensb. 6, 116).